Windows 10 im Test: (K)ein großer Wurf

Windows 10 im Test: (K)ein großer Wurf

Alte Strukturen: Jeder fünfte PC weltweit läuft noch auf Windows XP. Microsofts neue Produkte sind weniger stark nachgefragt.

Microsofts neues Betriebssystem Windows 10 erscheint im Sommer und wird an Bestandskunden gratis verteilt. Für Microsoft ist das ein großer Schritt - denn damit will man bei mobilen Geräten aus der Nische ausbrechen und Nutzer vom veralteten Windows XP weg locken. Doch was haben PC-Nutzer davon? Ein Vorab-Test.

Früher, als es keine Smartphones und keine Tablet-PCs gab, da war das Leben für Microsoft-Manager noch einfach. Durch die starke Präsenz von Windows auf PCs und Laptops hatte der Windows-Konzern im Segment der Endgeräte einen Marktanteil von über 90 Prozent; ein Dauerthema auf IT-Konferenzen war die Frustration auf Grund der scheinbar unzerbrechlichen Marktmacht des Software-Imperiums.

Diese Zeiten sind vorbei.

Mit der Einführung des iPhones im Jahr 2007 und des iPads 2010 hat sich der Markt radikal verändert; die Schwerpunkte im Tech-Geschäft haben sich auf mobile Geräte verlagert. Das zeigt sich auch an jüngsten Daten des Marktforschers IDC: Insgesamt wurden 308,6 Millionen PCs im Jahr 2014 verkauft – während im gleichen Zeitraum 1,3 Milliarden Smartphones und knapp 230 Millionen Tablet-PCs über die Ladentheken der Welt wanderten. Von seiner derzeit schwachen Position holt der Tablet-Markt auf: Er wuchs im Jahr 2014 um 4,4 Prozent, während der PC-Markt um 2,1 Prozent schrumpfte. Der Smartphone-Markt wuchs im gleichen Zeitraum um 27,7 Prozent.

Gerade in den starken Wachstumsmärkten fristet der IT-Riese aus Redmond aber ein Nischendasein. Der Marktanteil von Microsofts Betriebssystem Windows Phone lag im vierten Quartal 2014 bei 2,8 Prozent, während Googles Android mit 76,6 Prozent den Markt beherrscht, gefolgt von Apples iOS mit 19,7 Prozent Marktanteil.

Smartphone-Betriebssysteme: Android gibt den Ton an
Zeitraum Android iOS Windows Phone BlackBerry OS Sonstige
Q4 2014 76.6% 19.7% 2.8% 0.4% 0.5%
Q4 2013 78.2% 17.5% 3.0% 0.6% 0.8%
Q4 2012 70.4% 20.9% 2.6% 3.2% 2.9%
Q4 2011 52.8% 23.0% 1.5% 8.1% 14.6%
Quelle: IDC, 2014 Q4

Der Markt der Tablet-PCs wird wiederum von Apple angeführt, dessen iPad einen Marktanteil von 28,1 Prozent im vierten Quartal 2014 hält. Samsung, dessen Geräte auf Googles Betriebssystem Android laufen, kommt auf einen Marktanteil von 14,5 Prozent.

Eine dritte Niederlage gibt es für Microsoft beim Heimspiel, nämlich im Markt der Desktop-PCs. Hier konnte Apple nämlich seinen eigenen Marktanteil laut IDC von 5,8 Prozent im Q4 2013 auf 7,1 Prozent im Q4 2014 steigern – und jene PCs, die auf Microsofts Windows laufen, sind nur in seltenen Fällen mit der neuesten Version ausgestattet: Über die Hälfte der PCs liefen dem Marktforscher Netmarketshare zufolge im Februar 2015 noch auf Windows 7; knapp 20 Prozent auf Windows XP – obwohl Microsoft intensiv vor Sicherheitslücken in dem veralteten System warnt. Mit den beiden neuesten Windows-Versionen - Windows 8 und Windows 8.1 – arbeiten nicht einmal 15 Prozent aller PCs.

Mit dem neuen Windows 10, das im Juli erscheinen soll, wird sich Ansicht von Microsoft alles ändern. Denn all jene Kunden, die heute Windows 7, Windows 8 oder Windows 8.1 nutzen, können dann für ein Jahr lang gratis auf das neue System umsteigen – und es so lange nutzen, wie die Hardware des Geräts standhält. Über Preise für Neukunden ist noch nichts bekannt; Gerüchten zufolge wäre auch ein Abo-Modell wie bei dem Bürosoftware-Paket Office 365 möglich, bei denen Kunden eine monatliche Gebühr abstottern, statt einmalig zu zahlen – von Microsoft wurden derartige Pläne aber noch nicht bestätigt.

Alles wird eins

Microsofts große Vision ist, dass mit dem neuen Betriebssystem Windows 10 alle Gerätetypen zusammen fließen – vom Smartphone über Laptop und Tablet bis hin zum Smart-TV. Die nach wie vor starke Präsenz im schrumpfenden PC-Markt soll dem Konzern so helfen, auch im mobilen Bereich stärker Fuß zu fassen. Für Entwickler von Software und Mini-Programmen – den von den Smartphones bekannten „Apps“ – soll so ein großer Vorteil entstehen: Schreiben sie eine App für einen Gerätetyp, etwa den PC, so kann diese auch auf Windows-Smartphones verwendet werden.

Microsoft möchte so das Problem lösen, dass Spezialanwendungen nur selten für das Smartphone-Betriebssystem Windows Phone programmiert werden – weil sich der Arbeitsaufwand auf Grund des geringen Marktanteils für Entwickler schlichtweg nicht rentiert. Doch auch für PC-Endnutzer werden sich ein paar Dinge ändern, wie format.at bei einer Live-Demo von Windows 10 bei Microsoft Österreich erfuhr.

Alles rasch im Griff – wie beim Smartphone

So öffnet sich jetzt etwa ein so genanntes „Notification Center“, wenn der Nutzer mit der Maus an den rechten Bildschirmrand fährt. Hier sind auf einen Blick alle möglichen Benachrichtigungen – wie etwa eingehende Emails – sichtbar; außerdem können rasch Einstellungen – etwa zu WLAN und Bluetooth – vorgenommen werden. In etwa so, wie man es von der einfachen Bedienung am Smartphone kennt.

Mit dem „Task View“ können nun – so wie bei mobilen Geräten – alle geöffneten Apps und Programme gleichzeitig gesehen werden; um diese anschließend im Vollbild anzuzeigen oder zu schließen. In die Taskleiste wird ein Suchfeld integriert, mit dem im Web und auf dem eigenen PC nach Inhalten gesucht werden kann; ob dies nur über die hauseigene Suchmaschine Bing gehen wird oder auch über die Such-Platzhirsch Google, konnte bei Microsoft Österreich nicht gesagt werden. Cortana, Microsofts Äquivalent zu Apple Siri, sollte theoretisch auch die Suche per Spracheingabe ermöglichen – war zum Testzeitpunkt in Österreich aber noch nicht verfügbar.

Das Start-Menü kehrt zurück

Für Unternehmen sollen sich durch Windows 10 Vorteile bei der Sicherheit ergeben, indem eine so genannte „Multi-Faktor-Authentifizierung“ eingeführt wird, die von Web-Diensten wie etwa Gmail schon länger angeboten wird. Zusätzlich zum Passwort müssen Nutzer sich dann mit einem weiteren Merkmal ausweisen, um ihre Identität zu bestätigen. Möglich ist etwa, das eigene Smartphone an einen Sensor zu halten; oder es werden Iris-, Fingerabdruck- oder Gesichtsscans genutzt. Datenschützern dürfte es angesichts der Biometrie-Scans die Haare aufstellen, und Frustration am Arbeitsplatz auf Grund der Doppel-Sicherheit ist schon jetzt vorprogrammiert – aber andererseits ist dies ein wirksames Mittel, um die Gefahr von Datenverlust – etwa bei Laptop-Diebstahl – einzudämmen.

Und schließlich gibt es noch eine Neuerung, die jene zu Windows 10 locken sollen, die sich derzeit noch an Windows 7 und Windows XP festklammern: Das Start-Menü kehrt zurück. Über einen Klick auf den Button in der Bildschirmecke erscheint das gewohnte Menü in leicht adaptierter Form: Hier kann man auf Dokumente und Programme zugreifen, sowie Einstellungen und Nutzer verwalten. Die Windows8-Apps in Kachelform können im Startmenü angezeigt, bei Bedarf aber auch komplett ausgeblendet werden.

Fazit: Inhaltlich (noch) kein großer Wurf

Es ist zum derzeitigen Zeitpunkt recht klar, wer die Haupt-Nutznießer von Windows 10 sein werden: Erstens Software-Entwickler, die auf einen Schlag Programme für mehrere Gerätetypen schreiben können – und zweitens Microsoft selbst, dessen Ökosystem dadurch floriert. Für den reinen Desktop-Nutzer ergeben sich derzeit noch nicht allzu viele Vorteile; die vorgestellten Funktionen sind nett, wären aber per se kein Kaufkriterium. Da wiegt schon schwerer, dass Microsoft das neue Produkt an Bestandskunden ohnehin gratis vergibt – und einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich ja nichts ins Maul.

Nokia Zentrale in Espoo, Finnland

Wirtschaft

Nokias Auferstehung: Finnen beleben Handy-Marke wieder

Technik

Apple knickt ein: Weg frei für iPhone-Entsperrung

Technik

Und Action: GoPro kauft zwei Video-Apps