Twitter steht an der Wegkreuzung

Twitter steht an der Wegkreuzung

Der beliebte Kurznachrichtendienst Twitter muss den richtigen Weg zwischen Kommerz, Nutzerfreundlichkeit und Branding finden. Das könnte schwierig werden.

Unkompliziert, rasch – und vor allem sehr kurz: Die Nachrichten, die über Twitter hereinströmen, sind für viele von uns unverzichtbar geworden, beruflich und privat. Nicht umsonst ist Twitter mehr als ein kurzfristiges Phänomen des Web 2.0, wie auch die aktuelle trend-Story mit Österreichs Obertwitterer Armin Wolf
zeigt.

Nun aber steht Twitter an einer Wegkreuzung: Will es den Sprung zu einem mächtigen Internet-Konzern á la Facebook Facebook wagen oder doch seinen bisherigen Ansprüchen – etwa hinsichtlich der Userfreundlichkeit – treu bleiben? Twitter-Chef Dick Costolo hat es zwar geschafft, den Kurznachrichtendienst von einem netten Internet-Werkzeug zu einem Geschäftemacher umzuwandeln; so wird Twitter heuer mit Werbung an die 260 Millionen Dollar einnehmen, vor allem Anzeigen auf Mobilgeräten entwickelten sich in den vergangenen Monaten zum Renner. Doch um noch weiter zu wachsen, wird es weitere Einschnitte geben müssen, etwa was die Verbreitung von Spam oder auch die Offenheit gegenüber anderen Diensten betrifft.

Strikt bei APIs

Bei Letzterem steigt Twitter bereits auf die Bremse: Kürzlich wurde angekündigt, dass man hinsichtlich der Verwendung der Programmierschnittstellen – so genannter APIs – in Zukunft viel sorgfältiger sein werde und mehr als bisher auf die Einhaltung der Branding-Richtlinien beachten werde. Im Klartext: Externen Programmierern wird es schwieriger gemacht, Twitter auf anderen Sites einzubinden. Produktmanager Michael Sippey hat das in in seinem Blogeintrag unmissverständlich klar gemacht.
Ein Schritt, der das Image vom offenen System Twitter verzerrt. Bisher hatte Twitter ohne Hemmungen die Dienste Dritter in Anspruch genommen, um rasch zu wachsen – auf derzeit schon mehr als 140 Millionen Nutzer. Nun werden die Türen wieder geschlossen, Twitter könnte zu einer Art „Monokultur“ werden, wie Programmierer in Blogeinträgen bereits zynisch meinen. Vor kurzem hat Twitter gezeigt, dass es ernst gemeint ist und drehte den Zugriff via Berufsplattform LinkedIn ab.

Monetarisierung läuft

Twitter-Boss Dick Costolo überlegt indes weitere Schritte, um die fortschreitende Monetarisierung dieses gewaltigen Potenzials voranzutreiben. So hat er in einem Interview mit der Financial Times angekündigt, den Missbrauch von Twitter durch User, die sich hinter Pseudynmen verstecken, eindämmen zu wollen.
Spezielle Programme sollen berechnen, ob Tweets (das sind die entsprechenden Nachrichten in Twitter) von einer „echten“ Person stammen oder nicht. Tatsächlich ist in jüngster Zeit das Spam-Aufkommen auf Twitter stark angestiegen – die üblichen dubiosen Angebote zwischen Viagra und Kreditanfragen überschwemmen die Twitter-Accounts.

Weiter einschränken könnte Twitter auch die Anzeige von Suchergebnissen – schon jetzt werden bestimmte Tweets vorgereiht. Ob und wie sehr das mit entsprechenden Werbeanzeigen zu tun hat, ist nicht bekannt. Jedenfalls will Twitter auch durch Kooperationen mit Medien wie dem Wall Street Journal die User länger auf der Site halten – aktuelle Videos sollen dafür sorgen, dass die Twitteraner nicht wie bisher externen Links folgen, sondern direkt bei Twitter. Das wäre wichtig für die Werbeeinnahmen.

Was gibt Twitter preis?

Vor kurzem hat Twitter vor einem US-Gericht eine Niederlage erlitten: Der Richter hat entschieden, dass die Einträge eines Occupy-Aktivisten herausgegeben werden müssen. Der Hintergrund: Der Mann war bei einer Demonstration letzten Herbst festgenommen worden, anhand seiner Tweets sollte herausgefunden werden, ob und was er seinen Mitstreitern angeschafft hatte. Doch Twitter meinte, die Einträge gehörten dem User selbst. Der Richter hat diese Argumentation nicht nachvollziehen können; nun muss Twitter die Daten preisgeben – allerdings zunächst nur ans Gericht, das dann entscheiden wird, was davon die Ermittlungsbehörden lesen dürfen. Hier das entsprechende Dokument des US-Gerichts als Download.

Überhaupt ist der Umgang mit Userdaten ein wichtiger Faktor bei der Frage nach der wirtschaftlichen Zukunft von Twitter. Facebook beispielsweise war immer rüde bei entsprechenden Entscheidungen und hat sich wenig um Proteste der User geschert (die dann ja doch der Plattform treu geblieben sind).

Wird Twitter also das einfache, kurz angebundene Internet-Werkzeug bleiben oder zur Werbe-Maschinerie? Oder wird es beides schaffen? Nur eines ist sicher: Twitter wird nicht Twitter bleiben, wie wir es jetzt kennen.

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