Mobilfunk, ganz sprachlos

Mobilfunk, ganz sprachlos

Der Posten "Roamingkosten“ war definitiv auf der Handyrechnung, obwohl niemand Auslandsgespräche geführt hatte. Die Tiroler Jäger hatten das Mysterium aber bald gelüftet. Sie hatten Steinböcke mit SIM-Karten "versehen“, um deren Wege zu studieren - die die Tiere offensichtlich auf italienisches Staatsgebiet geführt hatten.

Telekom-Manager Phat Huynh erzählt diese Anekdote "aus den frühen Tagen“ der Maschinenkommunikation. "Heute können solche Böcke nicht mehr passieren. Da kann der Nutzer selbst entscheiden, wann und wie weit die Kommunikation geht,“ sagt er. Schöne Umsatzsprünge erwarten sich die Mobilfunker von dem M2M-Geschäft allemal - wo eben nicht von Mensch zu Mensch kommuniziert wird, sondern automatisiert von Maschine zu Maschine (Machine-to-Machine) und der Mensch darüber informiert ist bzw. das Geschehen steuert.

Dabei ist M2M kein neues Phänomen. Es kommt nun aber - getrieben von den politischen und wirtschaftlichen Agenden - stärker in der unmittelbaren Lebenswelt der Verbraucher an. In der Logistikbranche ist das "Verfolgen“ von Fahrzeugen oder Waren ein alter Hut, und wird von den Mobilfunkern seit langem als Projektgeschäft betrieben, das in den letzten zwei Jahren aber forciert ausgebaut wurde. Es gibt die unterschiedlichsten Anwendungsgebiete für die unsichtbare Seite des Mobilfunks. Kommunen überwachen ihre Schneeräumfahrzeuge, vom Hochwasser bedrohte Gemeinden messen die Pegelstände. In Kroatien sind Charter-Yachten verchipt und die Anbindung von Kassensystemen in der Gastronomie ("Fiskalisierung“) gehört zu den erfolgsversprechendsten Verkaufsszenarien. "In Ländern wie Bulgarien und Kroatien schreibt das Finanzamt diese Nachvollziehbarkeit von Zahlungsflüssen vor, in Teilen von Serbien ist es ebenfalls so, und Mazedonien folgt wohl demnächst“, sagt Bernd Liebscher, Geschäftsführer der M2M-Sparte der Telekom Austria.

Fahrgast-Heizung

Im dem Geschäft mischen aber nicht nur die Mobilfunker mit, auch Start-ups und IT-Dienstleister offerieren ihre Lösungen. Kapsch hat mit Bombardier ein großes Pilotprojekt mit den Verkehrsbetrieben Linz laufen: Straßenbahngarnituren wurden mit 40 Sensoren bestückt, die die Einsatzplanung und das Energiemanagement verbessern. Erkennen die Sensoren, dass die Straßenbahn voll ist, wird die Heizung automatisch zurückgefahren.

Für die Mobilfunker ist das M2M-Geschäft ein Hoffungsmarkt angesichts ihres Margendrucks. Allein die Telekom Austria hat in ihren Ländern eine Million "versteckter“ SIM-Karten im Einsatz. Die Tarife im M2M-Bereich sind zwar viel niedriger, aber sie bringen mehr Profit. Gerätestützungen fallen weg und vor allem im Projektgeschäft garantiert das planbare, langfristige Umsätze: Wer solche Speziallösungen einkauft, erzielt seine Ersparnis aus dem Effizienzgewinn im Prozessablauf, nicht durch einen permanenten Tarifwechsel. "Jetzt sind wir aber an einen Punkt gekommen, wo die Standardisierung und Benutzerfreundlichkeit soweit gediehen ist, dass wir den Endverbrauchern Produkte anbieten können“, sagt Bernd Liebscher. Im A1-Shop gibt es seit kurzem ein Hundehalsband und einen intelligenten Sensor-Stecker zur Überwachung des Wochenendhäuschens - gebündelt mit einem Tarif. Das ist aber erst der Beginn einer Gadget-Welle, die heuer in den Handel schwappen wird. Die Ingenieure sind in ihrem Erfindungsgeist nicht zu bremsen. Nachtsichtkameras für die Überwachung von Futterstellen werden genauso selbstverständlich zum Einsatz kommen, wie der Diebstahlsschutz für Fahrrad oder Auto. Strickmuster ist stets dasselbe: Die SIM-Karte ist in eine Hardware verbaut, der Nutzer hat über eine App oder den PC Zugriff darauf: "Embedded Connectivity“ nennen das die Fachleute, unter Trendforschern wird auch der Begriff "Internet der Dinge“ verwendet.

Ein Kompetenzzentrum für die Maschinenkommunikation hat auch die Deutsche Telekom - angesiedelt in Wien bei ihrer österreichischen Tochter T-Mobile. Dort konzentrieren sich die Anstrengungen derzeit aber noch weniger auf Verbraucherprodukte als auf das Projektgeschäft mit größeren Volumina - angesteuert wird der Automobilsektor. T-Mobile hat die Car2Go-Flotte ausgerüstet und hofft 2014 auf die Umsetzung der großen E-Call-Initiative (E steht für Emergency) der EU-Kommission, die den Autoherstellern vorschreibt, intelligente Notrufsysteme einzubauen. T-Mobile beliefert auch den Schweizer Hersteller von Notruf-Uhren, Limmex.

T-Mobile-Boss Andreas Bierwirth: "Diese Uhr ist ein gutes Beispiel, wie M2M Menschen nicht nur hilft, sondern Leben rettet“. Ist das Zulassungsverfahren beim Regulator abgeschlossen, kann die Uhr auch in Österreich "funken“.

Die größten Hoffnungen der Mobilfunkfirmen ruhen heuer aber ganz klar auf dem Geschäft mit den intelligenten Stromzählern, den sogenannten Smart Meters . Die Energieversorger arbeiten schon an ihren Ausschreibungen.

Achtung Daten

Neues "Geschäft“ bedeutet die M2M-Kommunikation natürlich für die Datenschützer. Solange mit dem Modul nur Haustiere verfolgt oder der eigene Besitz überwacht wird, ist das juristisch unbedenklich. "Heikel wird es, wenn Personenbezogene Daten verknüpft werden“, sagt Internet-Experte Axel Anderl von Dorda Brugger Jordis. "Das Tracken der Route einer Charter-Yacht ist an und für sich kein Problem. Wenn die Route aber mit dem Namen des Mieters verknüpft wird, ist das meldepflichtig vor der Datenschutzbehörde“. Die Gefahr, beim Datenschutz einen Bock abzuschießen ist heute höher, als in die Roamingfalle zu tappen.

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