Microsoft: Jetzt oder nie?

Microsoft: Jetzt oder nie?

Microsoft hat also endlich sein eigenes Tablet präsentiert. Surface heißt das Ding und soll eine echte Konkurrenz für Apples iPad sein, derzeit unangefochten die Nummer eins auf dem wachsenden Markt. Die
Pressemeldungen, Bilder und Videos aus dem Hause Microsoft
lassen einem die Vorfreude über den vermeintlichen Frontalangriff auf Apple spüren. Prinzipiell sind die Vorzeichen nicht schlecht: Microsoft verfügt über ausreichend finanzielle und technologische Reserven. Jüngster Beweise dafür: In Kürze wird der Konzern das Unternehmen Yammer , einen Hersteller von Firmensoftware übernehmen. Der Kaufpreis soll angeblich eine Milliarde Dollar betragen. Tatsächlich bleibt das Geschäft mit solchen Services ein Wachstumsfeld für Microsoft.

Im Grunde kann ja nichts bessere passieren als dass ein Software-Hersteller auch die dazu passende Hardware produziert. Beim ganzen Hype um das iPad darf zudem nicht vergessen werden, dass die überwältigende Mehrheit mit Windows-PC arbeitet und daher ein Tablet mit einem ähnlichen System lieber verwenden wird. Zudem vergrämt Apple mit seiner strikten Ablehnung anderer Produkte und Services viele potenzielle Kunden. Auch dass Microsoft bei der Vorstellung des Surface den neugierigen Journalisten wenig Gelegenheit gab, die Prototypen ausführlich zu testen, wie etwa das Technologie-Portal Mashable anmerkt , ist keine Sünde – Apple hat eine Informationspolitik, gegen die die Pressestelle des Vatikan offenherzig ist.

Gut für den Preis

Wettbewerb ist selten schlecht. Also alles Gute fürs Surface! Alles gut für Surface? Nicht ganz: Bei genauerer Betrachtung der Surface-Politik kommen doch einige Zweifel: Es soll zwei Varianten des Geräts geben, eine stärkere für Windows 8 und eine schwächere und dafür dünnere für Windows RT – dieses Betriebssystem für Mobilgeräte wird gerade entwickelt. Zwei Systeme für ein im Prinzip gleiches Produkt – erstaunlich, aber Steve Ballmer wird sich wohl etwas dabei gedacht haben.

Zweite Anmerkung: Jetzt den Surface zu präsentieren und erst irgendwann zu verkaufen ist eine seltsame Strategie. Gut, auch bei Apple vergeht zwischen Ankündigung und Verkauf eine gewisse Zeit, aber der Tablet-Marktführer ist auf diesem Markt in einer ganz anderen Position. Zudem schürt das Apple-Marketing die Vorfreude, etwa mit konkreten Verkaufsterminen. Eher hat man das Gefühl, Microsoft wollte Kunden auf Herbst vertrösten, um in Ruhe noch an seinen Betriebssystemen zu werken. Doch würden Sie den Kauf eines Tablet auf irgendwann verschieben, nur weil Microsoft irgendwann ein solches Gerät verkauft?

Siehe: Nokia

Drittens (und das ist das größte Fragezeichen): Bei Smartphones kommt Microsoft nicht und nicht vom Fleck – siehe Nokia. Doch um bei Tablets erfolgreich sein zu können, braucht es auch eine gute Position auf dem Handymarkt, zumal die Grenzen zwischen den Hardwareklassen verschwinden. Wer ein Android-Handy hat, wird eher zum Samsung Note greifen. Wer ein iPhone hat, wird eher zum iPad greifen. Wer ein Windows-Handy hat, wird eher nicht zum Surface greifen. Und wenn Nokia nicht bald eine echte Konkurrenz zu Android- und iOS-Handys herausbringt, hat das auch Konsequenzen für Microsoft.

„Wir glauben, dass die Interaktion von Mensch und Maschine besser wird, wenn man Hardware und Software gemeinsam berücksichtigt“, sagte Steve Ballmer bei der Surface-Präsentation. Ironischerweise bleibt die Software das Hauptproblem für Microsoft: Die Kunden sind dermaßen verwöhnt, dass sie bei Geräten wie beim Surface keinen Deut nachgeben wollen, was Einfachheit, Bequemlichkeit und Übersichtlichkeit angeht. Wenn Microsoft hier nicht zwei, drei Schritte voranschreiten wird, bleibt das Surface ein kurzer Ausflug in die Tablet-Welt. Uns Nutzern zuliebe wollen wir das nicht hoffen.

Nokia Zentrale in Espoo, Finnland

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