Viktor Mayer-Schönberger: "Wollen wir wirklich Google zerschlagen?"

Viktor Mayer-Schönberger: "Wollen wir wirklich Google zerschlagen?"

Oxford-Professor Mayer-Schönberger fordert von der Politik beim EU-Datenschutz Tempo zu machen.

Viktor Mayer-Schönberger, Professor an der Oxford University und Autor von Büchern wie „Big Data: Die Revolution, die unser Leben verändern wird“ oder „Delete: Die Tugend des Vergessens in digitalen Zeiten“, erklärt im Gespräch mit FORMAT.at, warum Big Data und Datenschutz kein Widerspruch sein muss, warnt aber auch davor, politische Entscheidungen zum Datenschutz in der EU auf die lange Bank zu schieben – aus ökonomischem Interesse sowie zum Schutz der Konsumenten. Und warum Google und Facebook genauso verantwortungsvoll handeln müssen wie etwa ein Wirt in einem Dorf in Oberösterreich.

FORMAT: Daten und deren Nutzung sind in Europa ein Dauerthema. 2014 hat die Diskussion um die Verwertung von Daten einen neuen Höhepunkt erreicht: Das Europäische Parlament hat einen Antrag zur Zerschlagung von Google eingebracht. Zu Recht?

Viktor Mayer-Schönberger: Die Google-Causa muss mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge gesehen werden. Google hat eine große informationelle Marktmacht. Damit geht auch eine gewisse Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft, der Gesellschaft einher. Dem muss Google nachkommen, vor allem in Europa. Google darf seine Marktmacht nicht unbegrenzt nutzen. Wir müssen Google mehr auf die Finger schauen. Und wenn es dann Strafen gibt, darf Google auch nicht weinen.

FORMAT: Finden Sie allfällige Strafen mit Bußgeld ausreichend?

Mayer-Schönberger: Die Marktmacht alleine ist schließlich noch kein Grund, das Unternehmen zu zerschlagen. Monopole gibt es auch andernorts. Die Wiener Linien sind ja auch Monopolist. Wenn man dort 365 Euro für eine Jahreskarte bezahlt – einen Euro pro Tag – ist das sicher auch nicht gegen das Interesse der Konsumenten. In der E-Wirtschaft oder der Telekommunikation gibt es ebenfalls Quasi-Monopolisten. Wollen wir diese Unternehmen zerschlagen? Oder konkret: Wollen wir wirklich Google zerschlagen?

FORMAT: Also definitiv keine Zerschlagung?

Mayer-Schönberger: Ich bin nicht der Meinung, dass Google zerschlagen werden sollte und glaube auch nicht, dass es dazu kommen wird. Dahinter steckt ja in Wirklichkeit der chauvinistische, nationalistische Wunsch einiger. Wir müssen auch sehen, dass Google in den vergangenen Jahren viele Dienstleistungen bereitgestellt hat, viele davon gratis. Die Konsumenten wissen das auch zu schätzen. Wir sollten in der EU vielmehr darauf schauen, eigene Googles oder Facebooks zu entwickeln.

FORMAT: Der Datenschutz ist dennoch in Europa eine große, offene Baustelle.

Mayer-Schönberger: Richtig. Wir brauchen daher auch schnell eine einheitliche Grundverordnung, die in allen 27 EU-Staaten gilt. Nicht so wie jetzt, wo es in jedem Land eigene Datenschutz-Bestimmungen gibt. Das ist letzten Endes auch wirtschaftsfeindlich, vor allem für die Klein- und Mittelbetriebe. Eine EU-Verordnung bedeutet Vereinfachung und Klarheit für das Geschäft.

FORMAT: Aus Sicht des Konsumenten sind die Datenschutz-Bestimmungen oft nur schwer nachvollziehbar. Im Internet es oft so aus, dass die Kunden mit ewig langen AGBs konfrontiert werden. Wenn sie diese akzeptieren treten sie weitgehend Rechte ab. Das kann es doch nicht sein?

Mayer-Schönberger: Die Idee der informationellen Selbstbestimmung ist leider zu einem Formalismus verkommen. Es gilt das „all or nothing“, alles oder nichts, ob online oder offline. Auch bei der Hausbank. Die Kunden müssen die vorgegebenen Allgemeinen Geschäftsbedingungen akzeptieren, ob diese AGB nun haarscharf geltendes Recht tangiert oder nicht. Das hat nichts mehr mit informationeller Selbstbestimmung des Individuums zu tun. Unternehmen wie Amazon müssten 18 verschiedene Optionen von AGB anbieten. Datenschutz-Bestimmungen würden alleine nicht helfen. Die Geschäftsbedingungen blieben dennoch unüberschaubar und das Prozedere wäre für die Geschäftsabwicklung hinderlich – sowohl für das Unternehmen als auch für die Kunden.

FORMAT: Die Lösung?

Mayer-Schönberger: Die Komplexität des Datenschutzes kann nur durch eine geänderte Regulierung aufgefangen werden. Die muss es geben. Dann wird manches erlaubt sein, manches weniger. Für Medikamente, Lebensmittel oder Autos gelten ja auch internationale Bestimmungen, die Sicherheitskriterien erfüllen müssen. Und wenn man von einem Wirt in der Provinz in Oberösterreich Seit Mitte Dezember verlangt, dass er die Kunden auf Allergene hinweisen muss, dann kann man von Google und Facebook auch eine Verantwortung erwarten. Wir brauchen jedenfalls einen Neustart beim Datenschutz.

FORMAT: Ihre Arbeiten finden Gehör in der EU-Kommission und werden auch zu Teilen zumindest in die EU-Politik umgesetzt. Wie lange wird das mit dem neuen EU-Datenschutz noch dauern, bis es eine wirkliche Lösung gibt – ein, zwei Jahre?

Mayer-Schönberger: Danke für ihren Optimismus (Anm.: lacht herzlich) . Aber ich bin nicht in der Lage vorauszusagen, wie schnell politische Entscheidungen fallen können. Ich befürchte das wird aber schon noch eine Weile dauern.

FORMAT: Sie haben schon vor gut fünf Jahren das „Recht auf Vergessen im Internet“ gefordert, mit dem die Nutzer selbst personenbezogene Daten löschen können. Vor allem, wenn diese unrechtmäßig ins Internet gekommen sind. Wie sehen Sie die Maßnahmen, die seither gesetzt wurden?

Mayer-Schönberger: Da ist noch nicht so viel geschehen, trotz der rechtlichen Änderungen. Die Zahl der Nutzer, die Löschung ihrer Daten bei Google beantragt haben, sagt alles. Das waren gerade einmal ein paar 100.000 Personen. Das ist nichts. Es ist eben immer noch zu kompliziert.

FORMAT: Wie könnte das Problem gelöst werden?

Mayer-Schönberger: Ein Löschknopf löst das Problem, nicht das Recht, dass man sich darum kümmern kann. Und dass es technisch nicht möglich ist oder gar nicht angenommen wird, kann keiner mehr behaupten. Man sieht das an Snapchat (Anm. einem Messaging-Dienst mit dem Bilder verschickt werden) , das ja bereits von einigen Hundert Millionen Nutzern genutzt wird. Dort können die Bilder nur wenige Sekunden angeschaut werden, ehe sie wieder gelöscht werden. Das zeigt: Die Leute nehmen das sehr wohl ernst mit dem Datenschutz.

FORMAT: Sie üben nicht nur Kritik an der Verwendung von digitalen Daten, sondern sehen durchaus auch große Chancen im Geschäft mit Big Data – in welchen Bereichen?

Mayer-Schönberger: Es ist noch nie so einfach gewesen ein Unternehmen zu gründen. Früher musste man viel Geld riskieren und Fabriken bauen. Heute kann man schon mit 30 bis 40.000 Dollar ein Unternehmen gründen. Digitale Tools helfen außerdem Unternehmensgründern Entscheidungen zu treffen, bevor sie investieren.

FORMAT: Es gibt ja bereits Unmengen von Daten, die man für punktgenaue Prognosen einsetzen kann. In Ihrem Buch „Big Data: Die Revolution, die unser Leben verändern wird“ schreiben Sie davon, dass da noch Einiges zu erwarten ist.

Mayer-Schönberger: Stimmt. Denken Sie zum Beispiel an Google Flu Trends. Damit kann sehr zeitnah die Entwicklung und Verbreitung einer Grippewelle festgestellt werden. Google gräbt dafür aktuelle Daten aus dem Internet ab. Auf Basis dieser Daten kann man Maßnahmen ergreifen. Früher hatte man bestenfalls 14 Tage alte Daten. Die nutzen wenig.

FORMAT: Sie sehen durch Big Data auch großes Potenzial für die Finanzbranche oder den Handel.

Mayer-Schönberger: Da gibt es große Chancen. Es gibt zwar viele, die meinen über Twitter, Facebook oder Google Stimmungen abzufangen. In der Tat kann eine solche Sentimentanalyse helfen, die Kunden zu verstehen. Wann sie kaufen, warum und wie viel. Aber es geht einfacher. Das Interbankensystem SWIFT überwacht zum Beispiel sämtliche digitalen Zahlungen, Trillionen von Buchungen. SWIFT weiß somit genau, was wann wo gekauft wird. Sieht, wann und wohin die Zahl der Transaktionen zunimmt. Übrigens ist SWIFT ein Monopolist. Und verkauft seine Daten.
Ein weiteres Beispiel ist Pricestat. Das Unternehmen kombiniert 1 Milliarde Preispunkte pro Tag von 1000 E-Commerce-Händlern. Diese Daten können für den Handel eingesetzt werden oder auch für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, etwa um zu prognostizieren, wie sich die Inflation entwickeln wird.
Im Gegensatz zu Wirtschaftsforschern können diese Unternehmen zeitnah Daten liefern. So können etwa im Fall von Argentinien die wirklichen Daten und nicht die offiziell veröffentlichten Daten analysiert werden. Oder denken sie daran, dass die US-Notenbank Fed die Geldmenge besser, weil zeitnaher steuern. Im Zuge der Lehman-Pleite und der darauffolgenden Finanzkrise im Jahr 2007 wäre dies bestimmt ein hilfreiches Werkzeug gewesen, hätte man es genutzt.

FORMAT: Sie sagten zuvor, Europa müsse selbst darauf schauen eigene Google und Facebook zu gründen, statt Google zu zerschlagen.

Mayer-Schönberger: Der Geist des Silicon Valley mit all seinem Stolz müsste bei uns stärker ausgeprägt sein. Wir hätten auch gute Gründe dafür, denn viele heute maßgebliche Entwicklungen stammen aus Europa. Das World Wide Web als Basis fürs Internet, MP3 als digitales Musikformat oder Skype als Peer-to-peer-System - das sind Beispiele von bedeutenden Top-Erfindungen aus Europa. Und warum sollte man nicht auch einmal genauso stolz sein auf die Freunde von Runtastic in Oberösterreich wie auf Österreichs Skisportler?

FORMAT: Die Frage ist halt, womit diese Unternehmen Geld verdienen. Gratis-Downloads von Apps wie bei Runtastic bringen eben nicht das große Geld.

Mayer-Schönberger: Die Wirtschaft ist im Umbruch. Nehmen wir den Handel: Amazon macht seit über 15 Jahren Riesenumsätze. Es gibt jetzt zwar noch immer Verluste, Amazon investiert aber auch viel in Technologie und in die eigene Zukunft. Oder Unternehmen wie der Online-Händler Zalando aus Berlin. Darüber wird viel derzeit negativ berichtet, aber das Unternehmen ist noch jung. Man wird noch sehen, wie es sich entwickelt. Aber auch alte Unternehmen, wie der Otto Versand, sind im Internethandel recht erfolgreich. Und es gibt viele Unternehmen, die noch gar nicht bekannt sind, aber ihren Weg machen werden. Und im Jahr 2015 werden noch einige neue Firmen aufkommen, die wir heute noch gar nicht kennen. Und Big Data ist ein Schlüssel dafür - das geht erst jetzt richtig los.

Zur Person: Viktor Mayer-Schönberger

Über die Praxis in die Wissenschaft

Der 1966 in Zell am See geborene Viktor Mayer-Schönberger gründete noch während des Studiums der Rechtswissenschaften an der Universität Wien das Unternehmen Ikarus, das sich mit Antivirus-Programmen und Datensicherheit bis heute beschäftigt. Mit Ikarus hat er seinen ersten beruflichen Höhenflug erlebt. Seine Karriere entwickelte sich aber weg von der Praxis in die in Richtung Wissenschaft.
1991 promovierte er an der Universität Salzburg. Sechs Jahre nach Gründung von Ikarus verkaufte Mayer-Schönberger im Jahr 1992 sein Unternehmen. Zwei Jahre lang arbeitete er in der Steuerberatungskanzlei seines Vaters.


1994 ging der Jurist zurück an die Uni Salzburg. Die gesetzlichen Grundlagen des damals noch als "Informationsrecht" bezeichneten Teilbereich der juridischen Forschung sollten für Mayer-Schönberger der Schwerpunkt seiner Tätigkeit für die kommenden Jahre werden. 1996 wechselte er als Assistent an die Juridische Fakultät der Universität Wien. 1999 folgte der Ruf der John F. Kennedy School of Government in Harvard in Cambridge, Massachusetts in den USA, wo er über zehn Jahre eine Professur inne hatte. Mit der Habilitation im Jahr 2001 an der Universität Graz steuerte der damals 35-Jährige einen weiteren Höhepunkt seiner Wissenschaftlerkarriere an. Zwischenzeitlich war er auch Director of the Information Policy Research Center an der National University in Singapur.

Im Mai 2010 folgte der gebürtige Österreicher dem Ruf der renommierten Oxford University in Großbritannien als Professor für Internet Governance und Regulierung an der Oxford University.

Mayer-Schönberger ist Autor verschiedener Bücher. Seine Ideen zum Datenschutz - unter anderem auf das "Recht auf Vergessenwerden" - sind mittlerweile auch eingeflossen in die Gesetzgebung zum Datenschutz in der EU. Er ist unter anderem im Beraterstab der EU-Kommission, des Finanzministeriums in Österreich sowie auch Mitglied im Advisory Board von Unternehmen wie Microsoft oder dem World Economic Forum.

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