Online-Kriminalität – Die dunkle Seite des Internets

Online-Kriminalität – Die dunkle Seite des Internets

Heroin, Kokain, Ecstasy, Opium und gefälschte Ausweise – umgerechnet 1,2 Millionen Dollar werden pro Monat auf der Silk Road umgesetzt. Einem anonymen Marktplatz im Darknet. Hier wird mit allem gehandelt, was das Strafgesetzbuch verbietet.

Frank Matthews ist ein guter Verkäufer. Er hat 2.300 Fans und erhält Bewertungen, die viele Händler auf eBay oder Amazon eifersüchtig machen würden. Seine Kunden schwärmen: "Perfekte Produkte“ oder "Ich kann es kaum erwarten, bis mehr kommt“; oder sogar: "Du bist der König der Seidenstraße.“ Das Problem: Seine Produkte sind weit abseits der guten Sitten. Frank Matthews verkauft Heroin, Kokain, Ecstasy und LSD. Er ist einer der fleißigsten Dealer der Silk Road, einem anonymen Marktplatz im Darknet. Hier wird mit allem gehandelt, was das Strafgesetzbuch verbietet.

Hunderte andere Anbieter erweitern das Sortiment von Matthews um Opium, synthetische Drogen, "Juwelen“, gefälschte Ausweise oder Anleitungen für das Knacken eines Geldautomaten. Nur Kinderpornografie, Auftragsmorde und Massenvernichtungswaffen sind nach dem internen "Ehrenkodex“ verboten. Bezahlt wird nicht mit der Kreditkarte, sondern mit der anonymen Internetwährung Bitcoin . Umgerechnet 1,2 Millionen Dollar werden pro Monat auf der Silk Road umgesetzt. Beim Versand stehen Frank Matthews und seine Dealer-Kollegen den Internet-Granden wie Amazon kaum nach: Verschickt werden die Päckchen europaweit innerhalb von sieben Tagen.

Die Silk Road ist ausschließlich über einen speziellen Browser erreichbar, der Zugang zum "Tor“-Netzwerk bietet - einem der größten Darknets im Web. Dort hinterlassen User keine Spuren. Jede Verbindung ist verschlüsselt und kann nicht zurückverfolgt werden. Bislang scheiterte die Exekutive bei allen Versuchen, das Tor-Netzwerk zu knacken.

Anonyme Netzwerktechnik

Wenn eine normale Internetverbindung von einem PC zu einer Website eine einfache, Non-Stop-Busverbindung von Wien nach Salzburg wäre, dann nimmt man bei einer Tor-Verbindung mindestens drei verschiedene Busse, steigt mehrmals um, hat die Augen verbunden und weiß zu keiner Zeit, wo man sich eigentlich befindet. Trotzdem kommen die Datenpakete im Tor-Netzwerk an ihrem Ziel an - es dauert nur etwas länger. Zweck der komplizierten Route ist, die perfekte Privatsphäre im Internet zu schaffen. Kein Wunder, dass nach den Überwachungsskandalen rund um PRISM, Tempora & Co. die Nutzerzahlen steigen. Allein in Österreich gibt es schon 3.500 Darknet-User.

"Die Nutzerzahlen werden weiter steigen, weil das Bewusstsein jetzt größer ist“, glaubt Tor-Experte Pepi Zawodsky. Auf den Komfort von Google oder Facebook müssen Darknet-User allerdings verzichten: Tor ist ein Irrgarten, in dem nur Listen mit Links ("HiddenWiki“) einen Überblick bieten. Alles, was dort nicht angeführt wird, ist nur auf Einladung erreichbar. Auf den Linklisten finden sich neben der Seidenstraße auch Tauschbörsen für Pädophile, Plattformen für chinesische Regimekritiker, die vor der Zensur geflüchtet sind und Whistleblower-Seiten, wo Wikileaks-Informationen fließen.

Die Verschlüsselung macht auch den US-Geheimdienst neugierig: Ein vom britischen "Guardian“ veröffentlichtes Dokument legt nahe, dass für verschlüsselte Kommunikation ein Generalverdacht gilt. Daten dürfen so lange gespeichert werden, bis sie entschlüsselt werden können.

Noch stoßen Ermittlungsbehörden bei der Verschlüsselungstechnik aber an ihre Grenzen. Das österreichische Bundeskriminalamt hat zwischenzeitlich eine eigene Einheit mit 300 Polizisten gegen Online-Kriminalität abgestellt. Auf europäischer Ebene hat Europol in Den Haag mit Jahresbeginn ein Kompetenzzentrum gestartet.

Die Ermittlungen sind mühsam, es gibt aber schon erste Erfolge: Anfang Juli haben Drogenfahnder in Deutschland einen großen Silk-Road-Player aus dem Verkehr gezogen: 18 Kilo Amphetamine, Luxusautos, Immobilien und 700.000 Euro Bargeld wurden sichergestellt. Die Spur zum Dealer kam aus Wien. Die Ermittler knüpfen dort an, wo aus dem verschlüsselten Online-Geschäft eine Offline-Handlung wird - meistens beim Versand.

Wie gegen die Kriminalität konkret vorgegangen wird, will das BKA aus "taktischen Gründen“ nicht verraten. Wie Waffenlieferanten im Darknet operieren, hat ein Testkauf eines Berliner Ermittlungsbüros gezeigt: Drei bestellte Sturmgewehre kamen innerhalb von vier Wochen - verteilt auf mehrere - Pakete per Post an. Die Metallteile werden gemeinsam mit unscheinbaren Stahl-Teilen verpackt. Selbst eine Zollkontrolle hat eine der Teillieferungen überstanden.

Manchmal sorgt die rechtsfreie Szene selbst für ein gewisses Maß an "Ordnung“: So attackierte das Hacker-Kollektiv "Anonymous“ 2011 das Kinderpornografie-Netzwerk "Lolita City.“ Die Initiative beschoss den Server so lange mit Anfragen, bis er zusammenbrach. Namen und Adressen von 1.600 Pädophilen wurden veröffentlicht. Bei Kinderpornos verstehen also auch die Anarchisten im Darknet keinen Spaß. Drogendealer, Waffenlieferanten oder Nationalsozialisten sind aber nicht im Visier der Hacker-Gruppen. Frank Matthews hat also noch wenig zu befürchten.

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