Keine Chance für Spione? Die Deutsche Telekom bringt das neue Internet

Keine Chance für Spione? Die Deutsche Telekom bringt das neue Internet

Viele Deutsche stellen sich derzeit die gleiche Frage: Wenn sich der Verdacht bewahrheiten sollte und nicht einmal das Handy der Kanzlerin vor den Lauschangriffen der US-Geheimdienste sicher ist, wie soll sich dann Otto Normalverbraucher vor den großen Augen und Ohren der Amerikaner schützen? Ein Konzern glaubt die Antwort gefunden zu haben: Die Deutsche Telekom will deutsche Daten erst gar nicht aus dem Land lassen.

Die Daten von Mails und Internetseiten in Deutschland sollen demnach nicht mehr irgendeine Route durch das Dickicht des weltweiten Internet-Dschungels nehmen, bei der sie auch mal im Ausland landen könnten, sondern an den Grenzen kehrtmachen. Die Idee ist erst zwei Wochen alt, und dementsprechend viel Arbeit liegt noch vor der Telekom. Vor allem müssen große Rivalen mitspielen. Doch das ist nicht der einzige Stolperstein: Nach Ansicht von Internet-Experten müssen die Bonner Netzingenieure noch eine ganze Reihe Hürden überwinden. Und ob die Daten ängstlicher Bundesbürger wirklich sicher sind, wenn sie zwischen Flensburg und Garmisch gespeichert werden, ist alles andere als ausgemacht. Denn wer wie die Kanzlerin die verfügbaren Verschlüsselungen nicht nutzt, lädt Spione zum Mithören ein.

Das Experiment der Telekom findet viel Beachtung: Deutschland wäre das erste demokratische Land, das die weltweiten Datenströme kanalisiert. "Es gibt international kein Beispiel dafür, dass der Internet-Traffic eines Landes Server und Netzknoten eines anderen Landes ausspart", sagt Torsten Gerpott, Wirtschaftsprofessor an der Universität Duisburg-Essen. "Der Vorstoß ist löblich, aber ein Gutteil der Aktion ist auch PR", fügt er allerdings hinzu. Die letzte Werbeaktion ging in die selbe Richtung: Im August kündigte der rosa Riese an, die komplette elektronische Post seiner Kunden zu verschlüsseln. Experten zufolge ist der Schritt aber nicht ausreichend, da die Daten nur bis zu den Rechnern der Telekom gesichert sind.

Änderungen im Maschinenraum

Um seinen neuen Plan umzusetzen, muss der Bonner Konzern in den Maschinenraum des Internets hinabsteigen und einige fundamentale Änderungen vornehmen. Das Internet in seiner heutigen Form besteht aus einer Zusammenschaltung vieler Netze, die sich nicht nach Landesgrenzen richten. Jeder Betreiber eines dieser Teilnetze schaufelt Bits und Bytes in das nächste Netz, und zwar so schnell wie möglich - im Fachjargon heißt das "hot potato routing". Die Daten werden an den Nachbarn mit den größten Kapazitäten abgegeben. Und das sind häufig die breiten Datenautobahnen nach Amsterdam oder London. Eine Mail von Hamburg nach Frankfurt wird also schnell in diese Metropolen geleitet und von dort wieder zurück nach Deutschland.

Geografisch ist das ein Umweg, im Internet aber eine Abkürzung. US-Sicherheitsspezialist Dan Kaminsky sieht die Telekom-Idee deshalb skeptisch. Falls die Initiative Nachahmer finde und weitere Staaten Brandmauern zum Rest des Internets hochzögen, drohe eine "Balkanisierung" des Netzes, sagt er. Die Merkmale, die das Internet zu einem riesigen Erfolg machen - Offenheit und Effizienz - wären bedroht.

Telekom-Rivalen zögern

In der Debatte um Gegenmaßnahmen gegen allzu neugierige Geheimdienste geht nach Aussage von anderen Experten aber unter, dass es für die Telekom ein Leichtes wäre, ohne neue Regeln mehr Daten im Land zu halten. Über 90 Prozent des Internet-Verkehrs laufe bereits innerhalb der Bundesrepublik, sagt Klaus Landefeld, Vorstand für Infrastruktur beim Verband Eco, dem Betreiber des weltgrößten Internetknotens De-Cix. Eine Ausnahme sei ausgerechnet die Telekom, die mit relativ wenigen anderen Netzen in Deutschland direkte Daten austauscht.

Telekom-Datenschutzvorstand Thomas Kremer sagt, dass der Konzern sich noch mit drei größeren Netzbetreibern auf eine Zusammenschaltung einigen müsse, damit das deutsche Internet Realität werde. Die äußern sich zurückhaltend: Telefonica Deutschland sagt, das Thema genau prüfen zu wollen. Vodafone will untersuchen, "ob und wie" die Vorschläge umgesetzt werden könnten. Bundesnetzagentur-Chef Jochen Homann unterstützt den Vorstoß. "Wir begrüßen jede Initiative des Marktes, durch die die Informationssicherheit der Bürger verbessert wird."

Facebook speichert Daten am Polarkreis

Auch wenn Internet-Vermittlungsstellen so programmiert werden können, dass Datenpakte in bestimmte Richtungen gelenkt werden, ist der Weg zum nationalen Datennetz noch weit. Globale Internet-Konzerne ignorieren Grenzen und verlassen sich häufig auf wenige, dafür aber sehr große Rechenzentren. Ausschlaggebend ist für die Standortwahl häufig nicht die Nähe zu den Kunden, sondern andere Faktoren wie etwa günstiger Strom, kühle Temperaturen oder superschnelle Datenautobahnen vor der Tür.

Eine Online-Unterhaltung zwischen zwei Facebook -Nutzern in Berlin und München etwa dürfte entweder über eines der beiden Datenzentren in den USA oder über das in Luleå laufen - in der schwedischen Stadt am Polarkreis betreiben die Amerikaner eine gigantische Rechnerhalle. Google hat drei große Datenzentren in Europa hochgezogen - keines davon in Deutschland. Die deutsche Regierung kann an der Praxis nichts ändern.

"Unternehmen können ihre Dienstleistungen wie etwa die Übertragung und Speicherung von Daten über Landesgrenzen hinweg anbieten", betont Landefeld. Sollte ein EU-Land dieses Recht einschränken und verlangen, dass deutsche Daten auch hier gespeichert werden müssen, würde Brüssel sofort einschreiten. Die für Telekommunikation zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes äußert sich schon kritisch. Sie verstehe zwar, dass Deutschland seine hohen Sicherheitsstandards besser vermarkten wolle, sagte Kroes dem "Spiegel", betonte aber: "Wir können den globalen Markt nicht erobern, wenn wir unsere Daten in nationalen Grenzen einsperren."

Und wer wirklich auf Nummer sichergehen will, muss sich von US-Diensten wie Facebook oder Google-Mail wohl verabschieden. Professor Gerpott betont allerdings auch: "Für die Sicherheit der Daten ist es zweitrangig, welchen Weg sie nehmen oder wo sie gespeichert sind. Wichtiger ist es vielmehr, Daten und Mails sicher zu verschlüsseln - und zwar so, dass sie von Geheimdiensten gar nicht oder nur mit sehr großem Aufwand entschlüsselt werden können."

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