Internet-Zensur in China – Die Kommunistische Partei hat die Jugend im Griff

Internet-Zensur in China – Die Kommunistische Partei hat die Jugend im Griff

Weil die Regierung über die Zensur viele Gerüchte im Internet nicht zulasse, gebe es auch weniger Gewalt in China, sagt eine 22-jährige Chinesin. Die Amokläufe in den USA sind nach ihrer Ansicht unter anderem ein Produkt einer zu offenen Internetkultur. "In China sollte die Regierung noch mehr gegen die ganzen Gerüchte online tun", fordert sie. Ernsthaft?

In Windeseile huschen ihre Finger über das Handydisplay. Nachrichten lesen, Freunden schreiben und dann noch ein Foto hochladen. Die 22 Jahre alte Chinesin Hang ist in ihrem Element. Die schulterlangen schwarzen Haare streicht sie sich aus dem Gesicht. "Ohne mein Handy könnte ich keine Minute auskommen", sagt sie, blickt kurz auf und schaut dann wieder auf das Smartphone.

Freunde sind virtuell nur noch einen Wisch über das Display entfernt - egal, ob sie gerade am Tisch gegenüber, in der gleichen Stadt oder in einem anderen Land sind. Nach einer Regierungsstatistik gibt es in China insgesamt geschätzte 560 Millionen Internetnutzer. 420 Millionen sind mit ihren Handys online.

Gigantischer Käfig, der größer wird

Die junge Generation im Netz unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum von ihren Altersgenossen in Berlin oder London. Aber Internet ist nicht gleich Internet. Denn die Zensur unter der alleinherrschenden Kommunistischen Partei produziert in China ein gefiltertes Netz, einen "gigantischen Käfig", wie das britische Magazin "Economist" es jüngst nannte.

Während die "Große Firewall" – die Zensur – in China ausländische Portale wie Facebook, Twitter oder Youtube sperrt, gestatten die Zensoren zumindest den Kurzmitteilungsdiensten "Weibo" noch eine größere Freiheit. Darüber verbreiten sich Informationen über politische Skandale, vergiftete Lebensmittel oder auch abstruse Gerüchte.

"Auf Weibo kann ich fast alles finden", sagt Hang und hält ihr Smartphone demonstrativ in die Luft. Neues aus den USA, wo sie bald studieren will, Nachrichten aus China oder einfach nur Neuigkeiten von ihren Freunden. Doch auch hier schlagen die Zensoren manchmal zu und löschen Mitteilungen. "Wir leben in einem Käfig, aber er wird größer, und das ist gut", meint Hang, die Kommunikationswissenschaften studiert. Schließlich sei auf Weibo nicht alles verboten.

Gewalt – eine Folge der zu offenen Internetkultur?

Und die 22-Jährige geht noch einen Schritt weiter: "Der Käfig hat Vorteile." Weil die Regierung viele Gerüchte nicht zulasse, gebe es auch weniger Gewalt in China, sagt Hang. Die Amokläufe in den USA sind nach ihrer Ansicht unter anderem ein Produkt einer zu offenen Internetkultur. "In China sollte die Regierung noch mehr gegen die ganzen Gerüchte online tun", fordert sie.

Meint sie das ernst? Der Jugendforscher Lu Deping von der chinesischen Universität für Politikwissenschaft und Recht in Peking zweifelt daran. "Bevor junge Leute in China öffentlich antworten, denken sie darüber nach, wie ihre Aussage von Behörden interpretiert werden könnten." Während in Deutschland junge Leute zum kritischen Denken aufgefordert würden, sei das in China traditionell nicht üblich.

Die jüngeren Generationen in China stehen nach Einschätzung des Soziologieprofessors Feng Xiaotian von der Nanjing Universität unter einem gewaltigen Erfolgsdruck. "Für junge Leute ist es das Wichtigste, eine gute Arbeit zu finden." Damit stünden sie im Gegensatz zur chinesischen Tradition, die die Familie an die erste Stelle setze. "Man kann heute ohne Freund oder Freundin überleben, aber nicht ohne eine Arbeitsstelle", fasst Feng Xiaotian die Zwänge für junge Chinesen zusammen.

Pragmatische Standardantworten sollen Karriere nicht gefährden

Letztlich sind Hangs Antworten zum Internet dann eben doch wieder typisch für einen Teil ihrer Generation. "Das sind Standardantworten, die jeder etwa aus dem Fernsehen kennt", sagt Lu Deping. Aus Unsicherheit griffen die Jungen auf die bekannten Slogans zurück. Denn viele richteten ihr Leben pragmatisch auf eine gute Karriere aus. Und die wollten sie nicht mit zu kritischen Aussagen gefährden.

Den Druck spürt auch Hang. Das Studium in den USA wird sehr teuer werden. "Ich möchte meiner Mutter das Geld in jedem Fall zurückzahlen", sagt sie. Und dafür werde sie auch Hürden in Kauf nehmen. "Meine Karriere ist mir wichtiger als mein Freund", betont sie. In jedem Fall wolle sie später eine Arbeit finden, bei der sie viel verdient. Denn nur so könne sie ihrer Mutter das Geld zurückgeben und später auch für sie sorgen.

Der Griff zu Standardantworten ist für viele eine Phase, prognostiziert Lu Deping. Chinesen im mittleren Alter mit guten Jobs trauten sich, offener zu sprechen. "Und alte Menschen nehmen dann sowieso kaum noch ein Blatt vor den Mund."

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