Google: Die einzige Weltmacht

Google: Die einzige Weltmacht Google: Die einzige Weltmacht

Google ist mit seinen beliebten Diensten sehr mächtig geworden - zu mächtig, wie manche finden. Doch der Hunger nach Wachstum ist noch nicht gestillt.

Mathias Döpfner hat einen Brief geschrieben, ihn in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ veröffentlicht - und ein Tabu gebrochen. Der Chef des deutschen Verlagshauses Axel Springer ("Bild“, "Die Welt“) gestand in dem offenen Brief an Google-Aufsichtsratspräsident Eric Schmidt, Angst vor Google zu haben: vor seiner Macht, vor der Abhängigkeit, in die es Verlagshäuser und andere Unternehmen bringe. Ohne Google (ISIN US38259P5089). Das kommt nicht von ungefähr. Erstens ist Google nur sechzehn Jahre nach der Gründung so etwas wie das Synonym für das Internet geworden. Egal, ob man unerklärliche Zahnschmerzen hat, die Waschmaschine oder die Orientierung streikt: Die Suchmaschine hilft. "Googeln“ steht längst im Duden und ist im Alltag der meisten Menschen so selbstverständlich wie Zähneputzen. Dass dahinter ein gewinnorientiertes Unternehmen steht, wird manchmal fast vergessen.

Zweitens soll in den kommenden Wochen ein Wettbewerbsverfahren gegen das mächtige Google seinem Ende zugehen. Kurz vor Abschluss werden die Lobbyisten beider Seiten laut, oder greifen, wie Döpfner, auf die Form des offenen Briefes zurück.

Dabei stellt sich natürlich die Frage: Wie mächtig ist Google wirklich? Was bedeutet diese Macht für Unternehmen, was für den Einzelnen? Und wo will Google in Zukunft noch hin?

Google ist digitaler Alltag

Ein Blick auf die Zahlen zeigt zunächst einmal eines: Das Unternehmen mit dem Hauptsitz in Mountain View, Silicon Valley, hat aus Sicht seiner Nutzer offenbar sehr vieles richtig gemacht. Seine großteils kostenlosen Dienste setzen sich durch; dass dafür persönliche Daten gesammelt werden, nimmt man in Kauf. Abgesehen von China und Russland ist Google dank seines Algorithmus weltweit die klare Nummer eins der Suchmaschinen. Mit der Möglichkeit, sich eine Suchplatzierung zu ersteigern, ist Google die Weltmacht der Onlinewerbung. Mit YouTube hält es das meistbesuchte Videoportal, dessen Kanäle vor allem junge Zielgruppen anziehen und dabei sind, klassisches Fernsehen zu ersetzen. Werbekunden ziehen den Zusehern nach.

Beim Wandel hin zu mehr mobilen Geräten hat Google sich schnell unverzichtbar gemacht: Wer am Handy oder Tablet sucht, nutzt großteils Googles Browser Chrome, und binnen weniger Jahre wurde das Android-Betriebssystem mit dem angeschlossenen Appstore Google Play zum Fixstarter der meisten Smartphones.

Google+, das soziale Netwerk des Konzerns, mag zwar weit abgeschlagen hinter Facebook und Twitter liegen, aber dennoch lässt sich sagen: So gut wie überall, wo wir uns im Internet bewegen, treffen wir auf Google. Es weiß, was wir suchen, was wir kaufen, worüber wir in unseren Google-Mails tratschen und - dank Google Maps - sogar, wie unsere Häuser aussehen. Es ist die einzige Weltmacht - und hat damit offenbar noch lange nicht genug (siehe Google-Zukunft): Mit Signale sendenden Ballons und Drohnen, aber auch über ganz klassische Glasfasernetze, ist Google drauf und dran, seine Monopolstellung weltweit zu festigen. Im Netz entkommt man Google nicht.

Daten sind Macht

Seit Edward Snowden zeigte, wie unsicher persönliche Daten heute sind, kann diese Omnipräsenz und allwissende Machtfülle beunruhigen. Googles Verteidiger betonen, dass weder Privatpersonen noch Unternehmen gezwungen sind, Google-Dienste zu nutzen oder zu finanzieren. Bisher hat außerdem niemand eine funktionierende Alternative entwickelt. Kann man dem Unternehmen also wirklich seinen Erfolg - seine Größe, seine Gewinne, seine Daten - zum Vorwurf machen?

Google selbst beteuert regelmäßig, verantwortungsvoll zu handeln und weist jede Form von Verschwörungstheorien und Weltmachtgelüsten zurück. Vordergründig präsentiert sich der Konzern, der unter dem Motto "Don’t be evil“ agiert, als transparent und immer am Wohl des Nutzers orientiert. Doch nicht erst seit Döpfners Aufschrei wird kritisiert, dass die Abläufe im Hintergrund ziemlich undurchsichtig sind - und Folgen für jeden haben, der sich im Internet bewegt. Die Vorwürfe, die dem Konzern entgegenschlagen, kommen von Unternehmen, Konkurrenten und Datenschützern: Google ist zu groß, es missbraucht seine Macht, es zahlt zu wenig Steuern, es verdient an Inhalten, die es nicht selbst erstellt, und hat Daten an den US-Geheimdienst NSA weitergegeben.

All diese Vorwürfe eint, dass diejenigen, von denen sie kommen, auch von Google profitieren. Kritische Bürger, weil auch sie sich über Google informieren und den Gratis-E-Maildienst Gmail nutzen. Verlage, weil Google ihre Inhalte Lesern online zugängig macht. Unternehmen, weil ihre Kunden über Google in ihre Webshops finden. Sie tun das, so der größte Vorwurf, aber nicht immer ganz freiwillig: "An Google führt kein Weg vorbei, das ist ein Naturgesetz,“ sagt Markus Höfinger ganz pragmatisch. Der Geschäftsführer von Wunderman PXP berät Firmen bei ihren E-Commerce-Strategien. "Ob sich ein Webshop mit Damenhandtaschen rechnet, entscheidet der Traffic, den ich über Google bekomme.“ Wer nicht auf den ersten Plätzen der Suchergebnisse landet, ist chancenlos. Die Agentur rechnet aus, wie viel "natürlichen“ Verkehr man auf diesem Weg bekommen kann und was die "bezahlte Suche“ über Google kostet: "Wenn das dann soviel ausmacht, dass die Margen zu klein sind, raten wir Kunden vom Shop ab.

Trial & Error

Viele Geschäftsmodelle hängen an einem seidenen Google-Faden.“ Und wenn Google den Algorithmus ändert, dann kommen von einen Tag auf den anderen keine Leute mehr auf eine Seite. 40 bis 80 Prozent weniger Zugriffe sind keine Seltenheit. Gerade für kleine Shops kann das existenzbedrohend sein. Ausweichrouten gibt es nicht: Anders als in den USA, wo Suchmaschinen wie Bing oder Yahoo zumindest ein klein wenig Relevanz haben, ist Google im deutschsprachigen Raum konkurrenzlos. Mathias Döpfner nennt das "alternativlos“.

Ambivalente Beziehungen

Googles Marktdominanz beschäftigt die Kartellbehörden weltweit seit Jahren. Die Suchmaschine soll sie missbrauchen und ihre eigenen Dienste bevorzugt anführen. Aus Googles Sicht ist das nachvollziehbar, weil das Unternehmen mit seiner Suchmaschine immer mehr Geld verdienen will. Unternehmen, die darauf angewiesen sind, im Web gefunden zu werden, sehen das anders. Sie nennen es unfaire Verdrängung.

Laut Robert M. Maier, der das internationale Internetshoppingunternehmen Visual Meta betreibt, läuft dieses Geschäft angelehnt ans Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeihung: Wenn Google etwa bemerkt, dass ein Unternehmen erfolgreich Ferienwohnungen vermittelt, macht es seine eigene Vermittlung auf und platziert sie in der Ergebnisliste der Suche nach Ferienwohnungen ganz oben. Irgendwann werden allein dadurch so viele Leute angezogen, dass die Anbieter von Ferienwohnungen das bemerken. Statt bei ihren früheren Anbietern werden sie also jetzt beim Google-Dienst inserieren. Die anderen Anbieter werden automatisch unwichtiger - und der Wettbewerb kleiner.

Die EU prüft

In Europa werden diese Vorwürfe seit Ende 2010 geprüft. Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia will den Fall nun unbedingt vor den Europawahlen abgeschlossen wissen. Es zeichnet sich ein Kompromiss ab. Almunia hat - vor allem für Medienkonzerne interessant - ein sogenanntes Opt-out ausverhandelt. Wer nicht will, dass seine Nachrichtengeschichten ohne Gegenleistung kopiert und verteilt werden, kann sich praktisch abmelden - und auf den Google-Traffic verzichten, was auch Verlegern schwer fallen dürfte. Die heikle Ambivalenz Verleger-Google wird auch in Österreich untersucht. Der ORF wandte sich im Herbst 2013 an die heimische Wettbewerbsbehörde, "dass diese im Sinne aller österreichischen Marktteilnehmer untersuche, ob es im Zusammenhang mit Werbeblockersoftware zu einem Missbrauch von Marktmacht durch Google zum Nachteil der heimischen Medien gekommen ist.“ Nutzer, die keine Onlinewerbung wollen, können sie ausblenden (blocken). Google zahlt dafür, dass seine Anzeigen dennoch gezeigt werden. Die Untersuchung läuft. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz äußerte den Unmut bei den Medientagen im Herbst: "Wir reden über Regeln beim Tischfußball, während Google mit dem ganzen Stadion abhaut.“

Wie schwierig die Beweisführung und Würdigung in Sachen Google mitunter ist, musste auch der Schweizer Onlinewerbevermarkter Contaxe erkennen. Geschäftsführer Matthias Hofmann hatte umfassende Dossiers in Brüssel und bei den Wettbewerbsbehörden eingereicht, in denen er die Verstöße gegen Wettbewerbsrecht und Datenschutz dokumentierte. Die Reaktionen: "Die einen sagten, sie haben ja Recht, aber uns liegen so viele Beschwerden vor. Wir schaffen das logistisch nicht. Andere reagierten gar nicht oder beriefen sich auf Formfehler.“ Hofmann hat aufgegeben: "Der politische Druck ist offensichtlich da, aber gegen dieses Lobbying ist man machtlos“.

Google delenda est?

Eine Gewaltlösung wie die Zerschlagung Googles wird trotz seiner Macht weder gefordert, noch ist sie realistisch. Ebenso wenig wie Döpfners Forderung, dass Google sich freiwillig zurückhält. Eine umso größere Rolle könnten also auch in Zukunft die Wettbewerbshüter spielen - und der Datenschutz. Den anonymen Nutzer gibt es längst nicht mehr, vor allem nicht bei Google: Über den virtuellen Sekretär Google Now und Google Maps bis hin zur Datenbrille Google Glass wird das Profil der Einzelnen immer detaillierter. "Nutzer werden ihre digitalen Spuren hinterlassen, lange bevor sie die Konsequenzen ihrer Handlungen verstehen“, schreibt Eric Schmidt in seinem Buch zu Googles Zukunft. Und diese liegt in Projekten, die auf Daten basieren, aber über das Internet hinausgehen.

Dass der Konzern nur mit Werbeeinnahmen immer weiter wachsen kann, halten neben dem Konzern auch Analysten für unwahrscheinlich. Sowohl die Ausdehnung der Suchdienste als auch die Werbebudgets sind begrenzt. Google investiert also Milliarden US-Dollar in Roboter, fahrende Autos, künstliche Intelligenz, Bezahlsysteme, Buch- und Bildungsprojekte, die alle ihre Wurzeln darin haben, Nutzer und ihre Bedürfnisse zu kennen.

Es braucht keinen Propheten, um vorherzusehen, dass Google künftig Dauergast bei einschlägigen Behörden sein wird. Aber es ist zu hoffen, dass es starke Konkurrenz bekommt.

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