Floskelwolke: Ein Blick in den Giftschrank des Journalismus

Floskelwolke: Ein Blick in den Giftschrank des Journalismus

Dazu scannen sie mit Hilfe von Google den Inhalt von 1600 deutschsprachigen Websites. Ein Glossar der schlimmsten Floskeln könnte helfen, die Nachrichten-Welt ein wenig besser zu machen.

„Am helllichten Tag hat sintflutartiger Regen etliche Tote gefordert“ – Sätze wie dieser haben die beiden Nachrichtenredakteure Udo Stiehl und Sebastian Pertsch inspiriert, die Website www.floskelwolke.de zu erschaffen. Hier werden zwei Mal täglich mit Hilfe von Google rund 1600 deutschsprachige Domains danach abgescannt, wie intensiv sie jene Phrasen verwenden, die Stiehl in seinem „Nachrichtengiftschrank“ als überflüssig betrachtet.

Damit wollen die beiden Initiatoren – wie sie auf der Website schreiben – „Aufmerksamkeit wecken und natürlich auch Debatten anregen“; dem professionellen Nachrichtengeschäft soll der Spiegel vorgehalten werden. Kritisch sei die Verwendung von Floskeln vor allem dann, wenn es um präzise Formulierung geht und Sachverhalte neutral dargestellt werden müssen: „Dann können sie falsche Bilder erzeugen, Informationen verschleiern oder schlicht einen Text hässlich und langweilig machen.“ Der humorvolle Zugang kommt in der Branche gut an; in kurzer Zeit sammelte das Projekt auf dem Kurznachrichtendienst Twitter über 1200 Follower.

Die Daten zum Ranking der häufigsten Floskeln werden von den beiden Initiatoren auf ihrer Website frei zur Verfügung gestellt, so dass auch andere Programmierer sie in ihre Projekte einbinden können.

Blick in den Giftschrank

Um die (Nachrichten-)Welt ein bisschen besser zu machen, liefern Stiehl und Pertsch auch gleich einen Einblick in den „Giftschrank“, inklusive Erklärungen. Ein kleiner Einblick:

“abgesegnet“
Verleiht Parlamenten bei Abstimmungen ungewollt religiöse Mythen und Nachrichtentexten einen leichte Weihrauchnote, die dort aber nichts zu suchen hat.

“Datendiebstahl“
Ist technischer Unfug. Werden Daten gestohlen bzw. geklaut, wird in fast allen Fällen nur eine Kopie erstellt. Die Originaldateien werden von den Dieben in der Regel nicht gelöscht.

“Menschen evakuiert“
Nach langjähriger Falschbenutzung inzwischen sogar vom Duden zugelassen. Menschen werden demnach "luftleer" gemacht oder "vollständig geleert". Das sollte eigentlich für die Gebiete gelten, aus denen sie in Sicherheit gebracht wurden.

“protestiert für“
Rutscht schnell ins Manuskript, wenn ein Synonym für "demonstriert für" zur Hand sein soll. Protest richtet sich jedoch grundsätzlich gegen etwas. Zum Beispiel gegen Demonstrationen, die sowohl für als auch gegen Proteste gerichtet sind.

“Thermometer fällt“
Wenn Herbst und Winter völlig überraschend einbrechen, gehen erstaunlich viele Thermometer kaputt, denn die Medien berichten von "fallenden" Messgeräten. Millionen Barometer und Hygrometer erleiden jährlich ähnliche Schicksale.

“Tote gefordert“
Ereignisse können nichts fordern. Der "Absturz eines Hubschraubers hat drei Tote gefordert" ist falsch. Bisher wurde noch kein folgenschweres Unglück mit dieser Forderung gehört. Abstürzende Hubschrauber sprechen nicht.

“am hellichten Tag“
Beschreibt sämtliche Tage, an denen keine komplette Sonnenfinsternis herrscht; also quasi den alltäglichen Zustand zwischen Sonnenauf- und Untergang. Formschön und sinnfrei.

“Blutbad“
Schiefes Bild. Mag auch viel Blut in einer gewaltsamen Auseinandersetzung geflossen sein, baden tut dennoch niemand darin.

“neue Innovation“
Alter Klassiker eines weißen Schimmels in dunkler Nacht. Auch die tote Leiche kommt der neuen Innovation gefährlich nahe.

“sintflutartiger Regen“
Übertreibung in der Wetter-Berichterstattung: Kann durch "sehr starken Regen" oder "ungewöhnliche hohe Regenmengen" eimerweise sachlicher beschrieben werden, ohne Noah um Rat zu bitten.

“auf offener Straße“
Hier ist eigentlich "vor aller Augen" oder in "aller Öffentlichkeit" gemeint. Frage nach dem Gegenteil: Gibt es geschlossene Straßen, die nicht gesperrt sind? Und werden die nicht als "Tunnel" bezeichnet?

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