Der Fremde in meinem Bett: Die Macht des Vertrauens

Der Fremde in meinem Bett: Die Macht des Vertrauens

Vertrauen ist gut: Mit dem Web 2.0 ist eine neue "Sharing Economy" entstanden. Das Verleihen, Tauschen und Teilen weitet sich auf immer mehr Lebensbereiche aus. Anstelle von persönlichem Kontakt findet das Kennenlernen über Online-Portale statt. Es entsteht eine eigene Bewertungsökonomie.

Matthias lässt Fremde in seiner Wohnung übernachten. Der 30-jährige Student wohnt im sechsten Wiener Gemeindebezirk. Seit Oktober vergangenen Jahres ist er bei Airbnb angemeldet, einer Internet-Plattform, die es Privatpersonen ermöglicht, Zimmer, Wohnungen oder Häuser als Urlaubs- oder Feriendomizile zu vermieten. Airbnb gibt es mittlerweile schon in rund 40.000 Städten weltweit, seit Juni 2012 auch in Wien. Seit dem Start im Jahr 2008 hat sich die von den US-Amerikanern Brian Chesky, Joe Gebbia und Nathan Blecharczyk in San Francisco gegründete Unternehmen zu einer günstigen Alternative zum klassischen Hotelzimmer entwickelt.

Matthias vermietet seine 35m²-Wohnung im Schnitt zweimal im Monat an Reisende aus aller Welt. Seine Wohnung stand relativ oft leer, deshalb wollte er sich ein Taschengeld hinzuverdienen, 55 Euro verlangt er pro Nacht. Dafür dürfen die Gäste auch alles benutzen, was er in seiner Wohnung hat.

Fremde Menschen in seiner Wohnung sind für ihn kein Problem: "Man lernt die Gäste ja schon vorher kennen, man schreibt sich Emails und kann sich die Bewertungen ansehen. Außerdem habe ich außer Büchern und Schallplatten keine Wertsachen in meiner Wohnung", sagt Matthias. Bisher seien alle sehr nett gewesen, meist waren es Pärchen und seine Wohnung hinterließen sie immer sauber.

Die Bettenbörse Airbnb soll bereits zehn Milliarden Dollar wert sein


Bild: Justin Sullivan/Getty Images

Teilen, Tauschen, Vermieten

Airbnb ist ein Paradebeispiel der "Sharing Economy", dem von Zukunftsforschern, Wirtschaftsexperten und Nutzern vielbeschworenen Trend: Statt etwas zu besitzen wird geteilt, getauscht und vermietet. Zu fremden Menschen werden über soziale Dienste oder Netzwerke kurzfristige "Beziehungen" aufgebaut.

Man steigt zu Fremden ins Auto ( Lyft , Sidecar , Uber ), verleiht es an sie ( RelayRides , Getaround ) oder lässt sie Pakete im Auto mitnehmen ( CheckRobin ).

Zuhause lässt man Fremde in den eigenen vier Wänden nächtigen ( Airbnb , Couchsurfing ), ihre Toilette benutzen ( Airpnp ), vertraut die Hunde einer fremden Person an ( DogVacay , Rover ). Man isst und kocht bei Fremden in der Küche ( Open Kitchen , Feastly , EatWith ). Oder man überlässt gleich sein ganzes Haus an jemand anderen ( HomeAway ).

Lyft-Autos in den USA tragen einen pinken Moustache


Bild: Justin Sullivan/Getty Images

Internetsoziologin: "Vermeintliches Kennenlernen"

Doch warum vertrauen wir Fremden? Wiegt das Vertrauen in die technologischen Entwicklungen, die Sicherheit von Accounts oder die Kraft der Community stärker als die Tatsache jemand zu kennen? "Ein Grund sind die Bewertungssysteme dieser Plattformen. Das hat mit Amazon und den Urlaubsplattformen begonnen. Die Nutzer können nachlesen, ob Anbieter verlässlich sind und man ihnen vertrauen kann", sagt Internetsoziologin Bernadette Kneidinger von der Universiät Bamberg.

App-Angebote wie Airbnb, Uber oder auch Ebay bieten ein Rating- oder Review-System an, um Dienstleistung, Qualität, Komfort oder eben einen Nutzer zu bewerten. Außerdem kann sich jeder ein Bild vom Gegenüber machen, ohne ihn oder sie zu kennen. Denn die Plattformen ermöglichen den Kontakt schon vorab, über Chat oder Skype finde ein "vermeintliches Kennenlernen" statt, so Kneidinger. Die Bewertungssysteme ersetzen im Prinzip die Mundpropaganda. "Früher hat man sich im Freundeskreis umgehört, ob man sich auf jemand verlassen kann, heute geschieht dies online."

Beziehung zwischen Mensch und Netzwerk

Smartphones, mobiles Internet und soziale Medien vernetzen die Gesellschaft immer mehr, vor allem die jüngere Generation nutzt die Möglichkeiten des Tauschens und Leihens 2.0. Das Internet ist schneller als die Realität und so bringt es den, der etwas sucht und den, der etwas braucht, schnell zusammen. Auch Sharing Economy-Plattformen wirken sich auf die Gesellschaft aus: "Die Offenheit, mit fremden Menschen Kontakt zu haben ist stärker geworden als noch vor zehn Jahren. Gleichzeitig sind die Nutzer aber schon sehr gut sensibilisiert, sie geben nicht zu viel von sich preis", so Internetsoziologin Kneidinger.

Manche Plattformen bringen Leute mit gemeinsamen Interessen zusammen, bei Open Kitchen etwa Menschen, die gerne miteinander kochen. Beim Wiener Startup Fragnebenan.com soll sich die Nachbarschaft online vernetzen, um vom Miteinander zu profitieren: Pflanzen gießen, Werkzeug ausleihen oder auf die Katze aufpassen. Auch das Startup versucht, durch ein Bewertungssystem Vertrauen zu schaffen. Statt "Gefällt mir" kann man beim Nachbar den "Danke"-Button drücken.

Kochen mit Fremden in der "Open Kitchen"


Bild: OpenKitchen/Dominique Hammer

Viele soziale Netzwerke und Sharing-Dienste versuchen, eine Beziehung zu den einzelnen Nutzern aufzubauen. Beim amerikanischen Dienst Lyft wird das eigene Auto kurzum zum Taxi, Fremde werden von A nach B chauffiert. Das Motto lautet "Your friend with a car", "Dein Freund mit dem Auto". Im Gegensatz zum Taxi soll der Mitfahrer vorne sitzen.

Soziale Erfahrung wichtiger als Vertrauen?

In der vielzitierten Studie "Sharing Economy – Auf dem Weg in eine neue Konsumkultur" von Harald Heinrichs und Heiko Grunenberg aus dem Jahr 2012 – übrigens von der Bettenverleihplattform Airbnb finanziell unterstützt – beschreiben die Autoren Vertrauen als "notwendige Bedingung für die Nutzung der kollaborativen Konsumformen". Sie bezeichnen Menschen, die Plattformen wie Airbnb benutzen als "sozialinnovative Ko-Konsumenten". Ihnen sind soziale Erfahrungen wichtig, sie haben sehr wenig Misstrauen in andere Menschen.

Die Studie ergab, dass nur 15 Prozent der Befragten anderen Menschen auf der Basis von Informationen aus dem Internet vertrauen. Allerdings gibt es einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Nutzung von Sharing Economy-Plattformen und dem Vertrauen in Online-Bewertungssysteme: "Je mehr kollaborativer Konsum desto mehr Vertrauen in die Online-Informationen über andere Menschen". Das bedeutet: Je mehr Menschen selbst Sharing Economy-Plattformen nutzen, umso mehr vertrauen sie auch anderen Nutzern dieser Plattformen.

Trust-Index als ökonomischen Wert

Alexander Igelsböck, CEO von i5invest, einer "Startup-Factory" für Internet und mobile Projekte in Wien, sieht in Vertrauen gar den fundamentalen Baustein von Sharing Economy: "Die Reputation spiegelt das Vertrauen der Community wieder, der Trust-Index ist ein tatsächlicher ökonomischer Wert." Für ihn werde Sharing Economy immer wichtiger, da die Technologie eine schnellere Kommunikation ermöglichen würde.

Im Gegensatz zu den USA, wo Sharing Economy bereits ein Milliarden-Markt ist, geht es in Österreich hingegen noch relativ ruhig zu: „Das ist eine Kulturfrage, in Österreich spielt der Gedanke an Besitz noch eine sehr große Rolle“, so Igelsböck. Außerdem sei es kein neues Modell, in der Landwirtschaft würden gemeinsam teure Maschinen angeschafft, die jeder in der Gemeinschaft nutzen könne. Durch die Technologie werde dieser Gedanke nur auf neues Level gehoben, die Reichweite sei größer, so Igelsböck.

Links zum Artikel:
Airbnb
Lyft
Sidecar
Uber
RelayRides
Getaround
Couchsurfing
Airpnp
DogVacay
Feastly
EatWith
HomeAway
Open Kitchen
FragNebanan
CheckRobin

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