Bitkom-Chef Kempf warnt in NSA-Debatte vor Kleinstaaterei

Bitkom-Chef Kempf warnt in NSA-Debatte vor Kleinstaaterei

"Ich hoffe inständig, dass die Debatte über Cybersicherheit nicht wieder zu einer Renationalisierung führt", warnte Dieter Kempf, Präsident des IT-Branchenverbandes Bitkom, in einem am Sonntag veröffentlichten Reuters-Interview. Die IT-Industrie und das globale Netz seien weltweit sehr stark verzahnt. "Jeder ist auf den anderen angewiesen."

Daher sollte das Thema Datensicherheit im Rahmen des angestrebten transatlantischen Wirtschaftsabkommens geregelt werden. "Aber es darf kein Junktim aufgebaut werden, dass man die Verhandlungen abbricht, wenn wir nicht alle geforderten Informationen erhalten. Das hielte ich für eine politische Fehlreaktion", warnte Kempf mit Blick auf solche Forderungen etwa aus Frankreich nach den ersten NSA-Enthüllungen.

Der Präsident von Bitkom, wo rund 2000 IT-Firmen in Deutschland organisiert sind, sieht durch Debatte Chance gerade für deutschen Mittelstand. "Die Debatte um die Sicherheit im Internet wird das Bewusstsein professioneller Nutzer deutlich erhöhen und die Aufmerksamkeit auf mögliche Lösungen lenken", sagte Kempf, der auch Vorstandschef des IT-Dienstleisters Datev ist. Damit sei die deutlich größere Bereitschaft gerade von Firmen verbunden, für Sicherheit Geld auszugeben.

Deutscher Mittelstand als Gewinner

Daher schätzt der Verband, dass die erwartete Umsatzsteigerung der IT-Sicherheitsindustrie um fünf Prozent auf 3,3 Milliarden Euro in diesem Jahr nach der NSA-Debatte übertroffen wird. "Profitieren können etwa deutsche Cloud-Anbieter, die schon länger besonderen Wert auf Sicherheit legen", sagte Kempf. Es sei technisch einfach, eine hohe Sicherheitsstufe zu realisieren - wenn die Kunden bereit seien, dafür auch zu zahlen. Profitieren könnten auch die Anbieter von Verschlüsselungstechnologie oder Tunnelübertragungen im Datenverkehr. Hier gebe es in Deutschland namhafte mittelständische Anbieter. Ähnlich hatte sich Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler geäußert.

Bei Server-Betreibern sei die Lage dagegen zwiespältig, weil die Hardware meist nicht aus Deutschland komme. "Aber natürlich spielt auch hier die Frage eine Rolle: Wie und wo betreibe ich eine Server-Farm und welchen Datenschutzbedingungen unterliege ich?" Wichtig sei auch die Zertifizierung verlässlicher IT-Produkte. Kempf sprach sich dabei gegen den Weg über das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) und für ein privatwirtschaftliches Prüfsystem aus - "so eine Art Cybersicherheits-TÜV". Der Grund liege in der Gefahr, dass Behörden ansonsten wieder verschiedene nationale Standards entwickelt könnten. "Wenn man den Weg über das BSI geht, muss man aufpassen, dass man nicht wieder in einer Kleinstaaterei mit unterschiedlichen Zulassung in verschiedenen EU-Staaten zu landen", warnte Kempf.

Keine neuen Subventionsprogramme

Ausdrücklich warnte Kempf vor der Verlockung, nun mit großen staatlichen Subventionsprogrammen zu versuchen, den Vorsprung der US-Konzerne auf allen IT-Gebieten aufholen zu wollen. Deutschland werde etwa bei der Herstellungen von Routern nicht den Anschluss an die von zwei Firmen aus den USA und China dominierten Weltmarkt schaffen. "Man muss sich eher darauf konzentrieren, Prüftechnologien zu ersinnen, um herauszufinden, ob in Geräten oder Systemen Backdoors eingebaut sind." Experten warnen, dass Hacker durch die zunehmende Vernetzung und die nötigen Updates von Software-Programmen bei der Wartung von Firmen-Systemen vertrauliche Informationen stehlen könnten. "Um sich wirkungsvoll zu schützen, sollte man lieber darüber nachdenken als Gedanken darauf zu verschwenden, mit staatlichen Subventionen in Deutschland eine eigene Router-Industrie aufzubauen", sagte der Verbandschef.

Als ähnlich illusorisch bezeichnete er die Debatte um eine europäische Suchmaschine. Auch hier gebe es andere Wege. "Wer wirklich nicht will, dass Suchmaschinenanbieter die eigenen Daten sammeln, kann schon heute Camouflage-Technologien nutzen." Allerdings müsse man dann auch diskutieren, wohin das Versteckung der eigenen Daten führe: "Ganz am Ende einer solchen Entwicklung könnte kann das Ende des kostenfreien Google-Internet stehen."

Wirtschaft

Mateschitz und Benko checken bei Checkrobin ein

Technik

Twitter verschärft Regeln gegen Hetze und Gewaltandrohungen

Wirtschaft

Druck auf Booking.com wegen Preisklauseln