Big Data – Die Revolution, die unser Leben verändern wird

Big Data – Die Revolution, die unser Leben verändern wird

Er hat in Harvard seinen Master gemacht, lehrt heute in Oxford. Die eineinhalbstündige TV-Dokumentation über sein jüngstes Meisterwerk konnte er dennoch nur als Stummfilm genießen. Viktor Mayer-Schönberger kann kein Chinesisch, aber er weiß sich zu helfen. "Mein Lieblingsprogramm ist Google Translate“, sagt er und zückt das Smartphone. "Damit kann ich mir die Rezensionen auf Amazon-China kursorisch übersetzen lassen“.

Mayer-Schönberger und "Economist“-Autor Kenneth Cukier haben ein Buch geschrieben, das in den letzten Monaten zum meistverkauften Titel ausländischer Provenienz in China wurde. Das war Zufall, kein Ergebnis von Marktforschung. Der chinesische Telekommunikationsminister hatte eine Ausgabe in die Hände bekommen und begeistert verbreitet. Wie konnte das einem Buch mit dem sperrigen Titel "Big Data“ passieren? Mayer-Schönberger und Cukier beschreiben ein Phänomen, das bis vor kurzem nur Wissenschafter oder Konzerne interessierte - das Geschäft mit der Bewirtschaftung von Daten.

Für die Öffentlichkeit ist das Panoptikum der Datenwirtschaft erst in Ansätzen erkennbar. Beispiele gibt es zuhauf: Hier die kanadische Informatikerin, die mithilfe von Messdaten den Zustand von Frühchen besser einschätzt als erfahrene Neonatologen, dort die Entscheider in US-Bewährungsausschüssen, die aufgrund soziodemografischer Daten entscheiden, ob jemand auf Bewährung aus dem Gefängnis kommt. "Wir wollten mit der Vorstellung aufräumen, dass Big Data nur ein Thema für Internetfirmen ist, weit weg von der Lebensrealität,“ sagt Mayer-Schönberger. Diese Beweisführung ist gelungen und liest sich als nüchterne Bestandsaufnahme stellenweise packender als ein Thriller.

Die Autoren grenzen das Thema gut ein, denn das Schlagwort Big Data wird oft so beliebig gebraucht wie jenes des Cloud Computing. "Bei Big Data geht es nicht um die schiere Menge an Daten, sondern um die Korrelationen, die man herauslesen kann,“ so Mayer-Schönberger. Und hier haben die Möglichkeiten der Datenverarbeitung neue Auswertungs-Szenarien geschaffen. Eine Technologie wie sie Google Translate bietet, hatte IBM bereits in den 90er-Jahren. Die Forscher hatten kanadische Parlamentsprotokolle (englisch-französisch) erfasst, und das Übersetzungsproblem maschinell gelöst. Das Projekt wurde späterhin gestoppt, zu teuer für den Output. "Der Algorithmus konnte nicht verbessert werden“, sagt Mayer-Schönberger. Gut zehn Jahre später löste Google das Problem besser und billiger. Womit? "Die haben das ganze Internet eingesaugt. Firmen-Websites, EU-Websites und digitalisierte Bücher. Viele Daten waren dabei von variabler Qualität, aber es war mehr, führte mit einem banaleren Algorithmus zum besseren Ergebnis“.

Solche und andere Fälle in dem Buch illustrieren den neuen Trend zur "Unschärfe“, wie Mayer-Schönberger das nennt. So ähnlich - und selbstredend in Echtzeit - entstehen auch die Grippewelle-Prognosen von Google, wo anhand der Suchbegriffe die Ausbreitung ermittelt wird. Wo Google allein durch seine ubiquitäre Präsenz mit Datenwirtschaft assoziiert wird, übersieht man in der Öffentlichkeit, dass sich um das Thema Big Data eine Industrie neuer Prägung formiert. "In den USA gibt es eine große Hausse auf Big-Data-Start-ups,“ sagt Mayer-Schönberger, "da passieren mindestens so spannende Dinge wie bei Google“. Die US-Firma Decide (mittlerweile von eBay gekauft) holte jeden Tag Preispunkte von Konsumgütern aus dem Netz und rechnete aus, wann der ideale, weil günstigste Erwerbszeitpunkt ist. "Die sagten ihnen, wann in den nächsten Tagen der beste Zeitpunkt für den Kauf einer Videokamera wäre,“ so Mayer-Schönberger, "und sie hatten zu 80 Prozent recht“.

Daten-Moral

Solange die Analysen zum persönlichen Vorteil gereichen, werden die meisten Verbraucher sie auch befürworten. Das Problem eines adäquaten Datenschutzes ist aber noch ungelöst. "Datenschutz alter Prägung wird irrelevant bei Big Data, weil wir zum Zeitpunkt der Datenerfassung noch nicht wissen, was mit den Daten zu einem späteren Zeitpunkt passieren kann“, sagt er, und zitiert wiederum das Google-Grippeprognosemodell. "Wer hätte sich gedacht, dass Suchabfragen für so etwas verwendet werden. Und müsste Google von jedem Nutzer das Einverständnis einholen, hätten sie sich diese Arbeit nie gemacht.“

Heikel wird die Datenwirtschaft, wenn sie in die persönlichsten Lebensbereiche hineingeht. Dass sich die Höhe der Kfz-Versicherung am persönlichen Fahrstil orientieren wird, mag noch angehen. Was aber passiert, wenn Wahrscheinlichkeitsrechnungen über eine Operation entscheiden? Das Ringen um juristische Datenschutz-Standards und ihre Durchsetzung, wird mühevolle politische Kleinarbeit, ganz abgesehen von den moralischen Debatten, die noch zu führen sein werden. Die Autoren präsentieren sich in ihrem Buch aber durchaus lösungsorientiert, skizzieren gar ein neues Berufsbild, das des Algorithmikers, einer Art neuer "Daten-Doktoren“.

Viktor Mayer-Schönberger, Kenneth Cukier "Big Data.“
Bereits ein Standardwerk und exzellente Einführung in das Thema. Der Titel steht seit Monaten auf den US-Bestsellerlisten, wird in 20 Sprachen übersetzt und ist auf der Shortlist zum Businessbook of the Year (Financial Times). Jetzt auch auf Deutsch. Redline/München. € 24,99

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