Mobile World Congress: Wo die gute Verbindung alles entscheidet

Mobile World Congress: Wo die gute Verbindung alles entscheidet

Über 70.000 Besucher aus 200 Ländern kommen Ende Februar zum Mobile World Congress nach Barcelona. Darunter sind immer mehr Bosse (allein 4.300 CEOs) und immer mehr Branchenfremde. Schon ein Fünftel der Besucher kommt aus Auto-, Pharma- oder Unterhaltungsbranche.

Ein 29-jähriger Internet-Milliardär und die mächtigste Frau der IT-Branche. Programmatisch ist die Wahl der Headliner auf dem wichtigsten Event der globalen Mobilfunkindustrie (24. bis 27. Februar). Mark Zuckberg ging mit seinem Facebook-Handy baden, die Netzwerk-App ist für Millionen Nutzer trotzdem wichtiger als jeder Ausschaltknopf. Und Virginia Rometty predigt als IBM-Chefin ihren Kunden seit Jahren sowieso nichts anderes als "smarte“ und "mobile“ Geschäfte.

Der Mobile World Congress zeigt in seiner 27. Auflage, dass neue Smartphones und Geschwindigkeitsrekorde bei der Datenübertragung eigentlich nur mehr das Zubehör sind, das man für ein "Ökosystem für Mobilprodukte“ (so nennen das die Veranstalter) halt braucht. Den Ton geben immer weniger die Netzbetreiber an, der kommt aus dem vielstimmigen Chor neuer branchenfremder Mitspieler im mobilen Geschäft.

Gerade noch ein Viertel der Besucher ist dem Hardware produzierenden Kernsegment der Industrie zuzurechnen. Allein fast 8.000 App- und Softwareentwickler tummeln sich - und immer mehr Abgesandte der Medizin- und Pharmabranche, der Bildungs- und Unterhaltungsindustrie. Und: In Barcelona fahren seit zwei Jahren massiv die Autobauer vor, um passende Co-Piloten für ihre neuen vernetzten Fahr- und Entertainmentkonzepte zu finden. Gesundheitsdienstleister zeigen ihre Gadgets zur Körpervermessung her und die Big-Data-Propheten skizzieren, wie sich diese neue mobile Datenflut umsatz-bringend bewirtschaften lässt.

Billigware bringt mehr Umsatz

Das Scheinwerferlicht fällt natürlich auch heuer auf die hochpreisige Hardware, die aber immer kürzere Schatten wirft. Was die Hersteller betreiben, ist Modellpflege mit Verbesserungen. LG experimentiert mit gebogenen Bildschirmen, Sony setzt auf hochwertigste Kameraausstattung und robuste Verarbeitung, damit die Geräte dem Alltag besser standhalten. Marktführer Samsung wird seine Galaxy-Reihe um das Modell S5 erweitern, das mehr Marktanteile im Firmenkundengeschäft holen soll: mit Knox, einem Blackberry-ähnlichen Konzept für die Trennung von Job- und Privatleben. Generell geht der Trend zur Übergröße (Bildschirmdiagonalen über 5 Zoll) und auch die Tablet-Computer haben größere Abmessungen. Das dominierende Betriebssystem ist seit dem letzten Jahr auch hier Googles Android und nicht mehr Apple iOS.

Mobilfunk-Revolutionär Apple bleibt dem Branchentreff wie immer fern, wird aber auf den Ständen der Zubehörhersteller doch omnipräsent sein. Nokia dürfte mit einer Überraschung aufwarten - und ein günstiges Smartphone ausgerechnet mit dem Betriebssystem der Konkurrenz (Android) vorstellen. Das Modell hatten die Finnen aber schon vor dem Kauf durch Microsoft in der Lade. Daraus schon Schlüsse für eine Strategieänderung beim Microsoft-Nokia-Gespann zu ziehen, ist zu früh: der neue Microsoft-CEO Satya Nadella ist ja gerade einmal zwei Wochen im Amt.

Motorola: Zukunft ungewiss

Auch wie es mit dem US-Funkpionier Motorola weitergeht, ist noch nicht abzusehen. Vor drei Wochen erst hatte Google den Handybauer Motorola an den chinesischen Lenovo-Konzern verkauft. Das stärkt die asiatische Phalanx weiter (siehe Grafik Seite 41). Die chinesischen Hersteller Huawei und Lenovo kratzen an der Fünf-Prozent-Marke im Smartphone-Markt, und das fast allein durch die Verkäufe am Heimmarkt.

Die Wachstumsmärkte liegen in China, Indien und Afrika. Dort haben chinesische Anbieter wie Huawei oder ZTE ihr Terrain abgesteckt. In Europa stoßen sie nun in die Premiumliga vor - Design-und Menüvorlieben wurden dem europäischen Geschmack schon ganz gut angepasst. Marktbeobachter Gartner schätzt, dass 2014 weltweit zwischen 1,2 und 1,4 Milliarden Stück Smartphones verkauft werden. Trotz Rekordabsatz wird die Umsatzkurve weltweit abflachen, denn die neuen Absatzmärkte verlangen günstigere Ware.

Prolongierter Machtverlust

Gar nicht neu ist das Wehklagen der Mobilfunker über ihren Bedeutungsverlust. Innovationen kommen von den so genannten Over-the-Top-Playern, also Internetfirmen, die auf der Mobilfunkinfrastruktur ihre Geschäfte machen. Bewegtbild, vor allem YouTube, macht heute bereits 40 Prozent des mobilen Datenverkehrs aus. Ein Messaging-Dienst wie WhatsApp ist mit einer halben Milliarde Nutzer schon halb so groß wie Facebook und "vernichtet“ den Mobilfunkern SMS-Umsätze im zweistelligen Milliarden-Euro-Bereich. Das erklärt, warum die Netzbetreiber ihre Preismodelle ändern und Dienste wie SMS oder Sprachtelefonie nicht mehr auspreisen, sondern die Differenzierung über Geschwindigkeit suchen (Kasten links).

Mit der jüngsten Technologiegeneration LTE sinken zwar die Herstellungskosten für die Netzbetreiber, dafür müssen sie sich jetzt mit neuen Zugängen in der Qualitätssicherung auseinandersetzen: "Eine der größten Herausforderungen wird sein, den Verbrauchern bei steigender Datenmenge die Qualität zu liefern, die sie gewohnt sind“, sagt Gartner-Analystin Jessica Ekholm. "Die Netzbetreiber müssen sich mit der Optimierung von Videoströmen, dem Verkehrsmanagement der Daten bis hin zur Qualitätsanalyse beschäftigen.“

Ob Computerspiel oder Conference Call - wenn etwas ruckelt, ist im Zweifelsfall der Netzbetreiber, nicht der Dienstanbieter, schuld. Vor diesem Hintergrund ist auch zu verstehen, warum sich viele Netzbetreiber für eine Priorisierung des Datenverkehrs (Kritiker nennen es Zwei-Klassen-Internet) oder die Beschränkung bestimmter Dienste (etwa YouTube) stark machen. Dann könnte man unter Umständen ja auch Anbieter wie Google zur Kasse bitten, so die Idee der Netzbetreiber. Und sie müssten nicht mehr heimlich die Fäuste in den Hosentaschen ballen, wenn ausgerechnet ein Mobilfunk-Frischling wie Mark Zuckerberg den weltweit wichtigsten Branchenevent eröffnet.

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