Landwirtschaft 4.0: Digitale Revolution am Bauernhof

Landwirtschaft 4.0: Digitale Revolution am Bauernhof

Schädlinge ausrotten ist keine angenehme Tätigkeit - nun übernimmt BoniRob diesen Job.

Der Bauernhof der Zukunft wird per Smartphone-App verwaltet, Roboter bestellen das Feld, gewaltige Datenmengen machen die Arbeit effizienter. Unternehmer sehen Chancen, aber auch Gefahren in der "Landwirtschaft 4.0": Unter anderem soll auch US-Konzern Google an derartigen Lösungen forschen.

Langsam bewegt sich der Roboter von der Größe eines Kleinwagens über das Gemüsefeld. Seine optischen Sensoren scannen eine lange Reihe Möhren. Sie erfassen ein Blatt, das von den Blättern der Karotten-Schösslinge abweicht - ein Unkraut. Aus dem Roboter schießt ein Stahlstab heraus und rammt die Schadpflanze tief in den Boden. Der Kasten auf vier Rädern an Stelzen fährt weiter, zentimetergenau gesteuert über ein Zusammenspiel der Boden-Sensoren und GPS-Daten auf der Suche nach weiteren Schädlingen.

Was anmutet wie die Zukunftsvision einer herbizidfreien Landwirtschaft, wird bereits erprobt, und wird auch bei der am Donnerstag in Berlin beginnenden Grünen Woche eine dominierende Rolle spielen. Der Feldroboter BoniRob ist von Bosch, dem Landmaschinenhersteller Amazone und der Hochschule Osnabrück entwickelt worden. Der Prototyp steht beispielhaft für die "Landwirtschaft 4.0", mit der analog zum Schlagwort "Industrie 4.0" die Vernetzung von Sensoren, Maschinen, Computern, Dienstleistern, Kunden und Herstellern gemeint ist. Diese Digitalisierung ist dabei, die Arbeit auf dem Bauernhof umzukrempeln.

Beispiel für diese komplexen, aufeinander abgestimmten Arbeitsabläufe bietet die Getreideernte. Moderne Mähdrescher sind Hochleistungsmaschinen, die pro Stunde zwischen 60 und 100 Tonnen verarbeiten. Der Korntank des Mähdreschers ist dann alle zehn Minuten voll und muss geleert werden. Ein Traktor fährt heran, im laufenden Betrieb schwenkt der Mähdrescher das Abtankrohr aus und der Anhänger des Traktors wird beladen. Das Getreide wird dann zu einem LKW am Ackerrand gebracht, der es zum Getreidesilo bringt.

Datenflut für die Landwirtschaft

Während dieses Ablaufes, der sich in der Erntezeit pro Tag zwölf Stunden lang wiederholen kann, werden permanent Daten ausgetauscht: Ein Sensor im Tank des Mähdreschers misst den Füllstand und fordert automatisch den Traktor mit dem Hänger an. Die Software im Traktor kennt das Gelände und ermittelt den besten Weg zum Mähdrescher. Die übernommene Getreidemenge wird einschließlich Qualitätsdaten ans Silomanagement übermittelt. Während der Mähdrescher über die Felder fährt, empfängt er laufend Wetterdaten. Droht baldiger Regen, schlägt die Maschine dem Fahrer vor, sofort mit maximaler Leistung anstatt mit minimalen Spritverbrauch zu arbeiten.

Wesentliches Kennzeichen der Landwirtschaft 4.0 ist die wachsende Datenflut. Noch vor 30 Jahren waren in den Ställen von Milchkühen Tafeln mit wenigen Kerndaten pro Tier üblich. Heute wirbt der niederländische Hersteller Lely damit, dass sein Melkroboter "Astronaut" unter anderem die Milchfarbe, den Fett-, Laktose- und Proteingehalt, die Milchtemperatur, die Immunabwehr, die Melkzeit, das Kuhgewicht und die Futteraufnahme misst, und zwar laufend und teils für jede der vier Zitzen einzeln. Der Roboter schlägt dann vor, wieviel Futter in welcher Zusammensetzung jedes einzelne Tier bekommt, um ein optimales Kosten/Nutzen-Verhältnis zu erzielen.

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"Das Datenvolumen ist seit 1965 in vielen Betriebe auf das bis zu 400.000-fache gestiegen", sagt Klaus-Herbert Rolf, Marketing-Chef des Dienstleisters 365farmnet. Die Firma, zu deren wichtigen Partnern der Landmaschinenhersteller Claas zählt, hat sich darauf spezialisiert, die Daten so aufzubereiten, dass der Bauer damit auch etwas anfangen kann. Mit der Software von 365farmnet kann der gesamte Hof gesteuert werden kann. Auf der 365farmnet-App können die rund 5000 Kunden jederzeit auf Handy oder Ipad checken, was Stand der Dinge im Stall oder auf dem Feld ist und gegebenenfalls vom Sofa aus in die Prozesse eingreifen.

Ziel ist eine Effizienz-Steigerung. Das Optimierungspotenzial liege bei zwei bis drei Prozent der laufenden Kosten eines Betriebes, schätzt Rolf. Nach Angaben des Digitalverbandes Bitkom nutzt bereits jeder fünfte Betrieb Industrie-4.0-Anwendungen, bei Höfen über 100 Hektar sogar jeder dritte. Die deutschen Maschinenhersteller profitieren von diesem Trend. Nach Angaben des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) erzielten deutsche Hersteller hierzulande 2015 mit Agrar-Technik einen Umsatz von rund acht Milliarden Euro. Das meiste Geld wird aber im Ausland verdient, die deutschen Hersteller haben nach VDI-Angaben eine Exportquote von 70 Prozent.

Die omnipräsente Google-Angst

Der Deutsche Bauernverband (DBV) verfolgt diese stille Revolution mit gemischten Gefühlen, denn noch lässt sich nicht absehen, wer aus den Umwälzungen als Gewinner hervorgeht. Mit einer gewissen Sorge wird verfolgt, dass etwa auch der Internet-Gigant Google Innovationen für den Bauernhof entwickelt. Die Befürchtungen speisen sich auch aus der Forschung von Google über das autonome Fahren. Experten weisen darauf hin, dass Google und andere Entwickler autonomen Fahrens sich zwischen Autoindustrie und Endkunden schieben könnten. Ähnliches könnte Landwirten drohen.

Der DBV sieht aber auch große Chancen. "Schlüsselfrage wird sein, wer digitale Vermarktungsplattformen in Zukunft betreibt", erklärt der stellvertretende DBV-Generalsekretär Udo Hemmerling mit Blick auf den wachsenden Online-Handel. Hier liege eine große Möglichkeit für landwirtschaftliche Direktvermarkter, der Einzelhandel könnte umgangen werden. Fest steht bereits jetzt, dass die digitale Vernetzung vor allem größeren Betrieben nutzt.

Neben jungen Bauern sind es nach Angaben von Rolf auch ältere Hofbetreiber, die auf die Landwirtschaft 4.0 setzen. Die Altersgruppe zwischen 35 und 50 Jahren hat dagegen andere Prioritäten. Warum ausgerechnet ältere Landwirte, denen das Internet nicht unbedingt geläufig ist, auf die neue Technik setzen, erklärt Rolf folgendermaßen: "Die Alten stehen vor der Hofübergabe und wollen die Weichen für den Nachfolger in Richtung Zukunft stellen."

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