"Das Internet ist nicht der große Feind"

"Das Internet ist nicht der große Feind"

FORMAT: Mittlerweile traut man sich ja schon vom Ende der Krise zu sprechen. Auch der Druckereibranche geht es wieder etwas besser, ist die Krise vorbei?

Anton Piacek: Ich würde mich nicht trauen vom Ende der Krise zu sprechen. Die Druckerei-Branche ist sehr stark mit Werbung und Marketing verknüpft und dieser Bereich ist der erste der in einem Konzern aufgrund der Kostenstruktur abgedreht, und das letzte Budget, das wieder aufgedreht wird. Solange es den Konzernen nur mittelmäßig geht haben auch die Druckereien, die Werbeagenturen und die Online-Agenturen nicht viel zu tun. Ich sehe da keinen Silberstreif am Horizont.

Welche Produkte bietet Ihre Druckerei an?

Piacek: Wir sind eine klassische Offset-Druckerei. Wir bezeichnen uns noch als "analoge" Druckerei, d.h. wir haben noch eine sehr gute Kundenbeziehung die auf persönlichen Kontakt aufbaut – eine Arbeit von Jahrzehnten. Wir drucken im Akzidenz-Bereich, d.h. wir drucken Kataloge, Broschüren, Kunstkataloge, sehr viel im hochqualitativen Bereich. Deswegen geht es uns noch den Umständen entsprechend gut. Unsere Kundenklientel weiß dass Qualität kostet, deswegen haben wir noch einen soliden Umsatz.

Sollte man sich als Druckerei nicht spezialisieren bzw. versuchen eine eigene Nische finden

Piacek: Spezialisierung ist ein heißes Thema, die Frage ist, worauf? Spezialisiert man sich so wie wir auf Akzidenzdruck , oder - wie ein weiteres Standbein von uns, das wir seit 20 Jahren machen - auf den Sparbuchdruck, oder aber spezialisiert man sich z.B. auf Verpackungsdruck. Verpackungsdruck ist ein hoch voluminöser Bereich aber die Gewinnmarge ist extrem gering. Eine Zukunftsvision ist gedruckte Elektronik. Aber irgendwann wird das wahrscheinlich nach Indien ausgelagert, weil dort billiger produziert werden kann. Die Aufgabe eine Nische zu finden ist also eine ehrenvolle aber schwierige. Jede neue Richtung in die man gehen könnte ist mit Investitionen verbunden und eine Fehlinvestition kann sich heutzutage niemand mehr leisten. Deswegen sind heute alle sehr vorsichtig.

Was versteht man unter "gedruckter Elektronik" genau?

Piacek: Das sind Chips, Leiterplatten oder aber Batterien die sich über Sonnenlicht aufladen, etwa in Glückwunschkarten etc. Solche Produkte wandeln sich dann aber oft zu Billig-Produkten und die Produktion wandert in Billiglohnländer ab. So ist es jetzt ja auch bei Handys. Auch die werden nicht im Mitteleuropa produziert sondern in Asien. Genauso wird es mit gedruckter Elektronik passieren, weil es in Mitteleuropa aufgrund der Löhne und der Lohnnebenkosten einfach zu teuer ist.

Die größte Konkurrenz lauert also gar nicht in unmittelbarer Nachbarschaft bzw. in Osteuropa sondern in Fernost?

Piacek: In Osteuropa hat sich das Lohnniveau schon angepasst. Für High-Tech-Druck ist der Mittbewerber Asien. Was immer für Innovationen kommen, sie wandern irgendwann nach Asien ab. Kommen wir nochmal zurück zum Thema gedruckte Elektronik: Auch in Indien wir schön gedruckt, dort verwendet man die gleichen Maschinen die wir auch verwenden. Hier geht es rein um die Lohn- und Nebenkosten und darum wie wir hier mithalten können.

Im letzten Jahr wurde ein neuer KV ausverhandelt. Hat sich die Situation dadurch verbessert?

Piacek: Kaum. Wenn wir etwa das 4-Schichtmodell hernehmen: Das ist nur für Großbetriebe interessant, also für Zeitungen und Magazine. Für KMUs, wie sie in Österreich hauptsächlich vorhanden sind, ist das völlig uninteressant. Die zweite und dritte Schicht hat enorme Schichtzuschläge. Jedes Unternehmen wird sich genau überlegen ob es so ein Modell fährt. In Deutschland, wo die Lohn- und Nebenkosten anders gestaltet sind macht das durchaus Sinn. In Österreich haben wir eine zu schwache Lobby um der Gewerkschaft entsprechend entgegentreten zu können.

Welche Rolle spielen Umweltschutzbestimmungen?

Piacek: In diesem Bereich bin ich auf die Branche wirklich stolz. Das grafische Gewerbe hat in diesem Bereich in den letzten 15 Jahren enorm viel getan. Zu erwähnen wäre hier das österreichische Umweltzeichen, FSC und PEFC-Zeichen, Farben auf nicht-mineralölhaltiger Basis, chemiefreie Druckplatten-Produktion uvm. Da hat das Gewerbe gewaltig aufgeholt und ist auch in der Industrie ein Vorreiter. Vielleicht passierte das nicht immer freiwillig aber der Weg war auf jeden Fall der Richtige.

Ein Standortnachteil?

Piacek: Im Gegenteil. Ich sehe das eher als Vorteil. Weil es nicht wirklich was am Preisgefüge ändert. Es ist eine Image- und eine Verantwortungsfrage unseren Kindern gegenüber. Man geht mit unseren Ressourcen sehr sinnvoll um. Sicher ein Vorteil gegenüber den osteuropäischen Ländern.

Mit 50 Mitarbeitern gehört ihre Druckerei zu den kleineren. Kann das ein Vorteil sein oder muss man ihrer Meinung nach danach trachten durch Zusammenschlüsse u.ä. zu wachsen um mit den Großen mithalten zu können?

Piacek: Ich glaube es ist nicht so die Frage ob Großkonzern oder KMU. Die Probleme verlagern sich nur. Es ist wie mit Kindern: kleine Kinder – kleine Sorgen, große Kinder – große Sorgen. Wir kämpfen mit Großbetrieben und die wiederum kämpfen mit international vernetzten Konzerndruckereien. Es gibt keinen Global Player der ein Alleinstellungsmerkmal hat. Die Probleme sind in jeder Druckerei dieselben: Auslastung, fehlendes Fachpersonal und jeder kämpft mit der Preissituation. Das Problem ist die über Jahre aufgebaute Überkapazität.

Ganz Unabhängig von der Krise wird der Branche aufgrund zunehmender Digitalisierung und dem Boom mobiler Endgeräte keine rosige Zukunft prophezeit. Die Auflagen sinken und auch die Werbung verlagert sich immer mehr ins Internet. Wie will man das ausgleichen?

Piacek: Ich sehe das Internet nicht als großen Feind der Print-Industrie. Will ich nachhaltige und wertige Werbung haben kommt man an Print nicht vorbei. Es kommt auf einen guten Marketingmix an. Nur mit online wird man nichts erreichen, nur mit Print auch nicht. Das Problem ist, dass wir dieses Medium zu lange nicht verstanden haben. Das Internet ist auch eine Riesenchance, denn nun hat man einen globalen Zugang zum Kunden. Seit ein bis zwei Jahren kümmern wir uns gezielt um Marketing und PR und sehen plötzlich, wo unsere Kunden überall herkommen. Und das ist nicht mehr der Raum Wien. Das Internet ist eine Möglichkeit um innovative Schritte zu setzen. Wir müssen die Scheu ablegen und es als Chance verstehen.

Aber was ist mit den mobilen Endgeräten? In den USA werden mittlerweile mehr eBooks verkauft als gedruckte Bücher. Auch die Auflagen der Zeitungen und Magazine sinken.

Piacek: Die Frage ist, ob sich das eBook bei uns durchsetzt. Es ist auch eine Kulturfrage. Ich würde nie ein eBook lesen. Ich bin einfach so mit Papier verbunden, dass das für mich keine Option ist. Mobile Endgeräte verändern natürlich viel, aber Druckereien werden deswegen nicht aussterben. Papier wird immer bedruckt werden, egal in welcher Form. Auch das mobile Endgerät muss irgendwie verpackt werden, und zwar in Papier. Genauso wie die beigelegte Bedienungsanleitung. In der Papierindustrie wird fünf- bis sechsmal mehr Umsatz gemacht als in der Autoindustrie. Diese gigantische Industrie wird nicht auf einmal verschwinden. Zurzeit wird mehr gedruckt denn je, nur die Herstellungszeit hat sich extrem verkürzt. Einen Folder für dessen Produktion man vor zehn Jahren zehn Tage gebraucht hat, kann man heute in zwei Tagen produzieren. Auch das Kundenverhalten ist heute ganz anders. Der Kunde ist gewohnt eine Bestellung innerhalb von 48 Stunden geliefert zu bekommen. Das ist eine Herausforderung, davor muss man aber keine Angst haben.

Welche Rolle spielt die zunehmende "Automatisierung" der Maschinen?

Piacek: Vor zehn Jahren hatte ich elf Mitarbeiter in der Druckvorstufe. Heute sind es vier, und das mit 30 Prozent mehr Umsatz. Das ist aber wohl in jedem Bereich so. Die Druckerei-Branche ist hier nicht die große Ausnahme.

Wie glauben Sie wird sich die Branche in Zukunft weiter entwickeln? Gibt es technische Neuerungen? Neue Geschäftsfelder?

Piacek: Das große Thema für uns "analoge" Druckereien wird die Zusammenführung mit den online-Druckereien sein. Online-Druckereien lukrieren ihre Kunden aus dem Internet, das ist ein sehr gutes Beschaffungsmodell von dem wir uns durchaus etwas abschauen können. Ich denke in zehn Jahren wird es eine Druckerei geben, die beide Vertriebswege anbietet – online und analog. Viele Online-Druckereien haben auch jetzt schon wieder Kundenbetreuer und Außendienstmitarbeiter. Es wird also einen Zusammenschluss dieser beiden Geschäftsmodelle geben, da wird kein Weg daran vorbei führen. In Zukunft wird außerdem nicht die maschinelle Ausführung die entscheidende Frage sein, sondern die Frage "Verstehe ich meinen Kunden?". Die Herausforderung wird sein, Kunden ordentlich zu betreuen, aber auch, um 20.00 Uhr noch eine Bestellung entgegenzunehmen für einen Flyer der am nächsten Tag fertig sein soll. Es muss eine Kundenbindung hergestellt werden ohne dass es eine persönliche Bindung gibt. Wer das nicht schafft, den wird es in zehn Jahren nicht mehr geben.

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