Angela Merkel träumt von einem innovativen Deutschland

Die deutsche Kanzlerin Angel Merkel und der frührere Kanzler Kohl Seite an Seite

Die deutsche Kanzlerin Angel Merkel und der frührere Kanzler Kohl Seite an Seite

Technik soll dem Menschen dienen und gesellschaftliche Probleme lösen - das findet auch Angela Merkel, die auf der Suche nach innovativen Konzepten für das deutsche Exportgeschäft rund 100 clevere Unternehmer aus aller Welt ins deutsche Kanzleramt einlud.

Der Wunsch von John Kao war einfach und anspruchsvoll zugleich: Deutschland solle der Welt künftig nicht mehr nur technische Innovationen, sondern auch gesellschaftliche Lösungsmodelle liefern, forderte der Vorsitzende des Institute for Large Scale Innvoation (ILSI) aus San Francisco am Dienstag in Berlin. "Denn Länder mit wirtschaftlicher Stärke und moralischer Glaubwürdigkeit, die außerhalb ihrer Grenzen etwas ändern können, sind rar und deshalb gefragt", sagte Kao. Und er traf damit genau die Erwartungshaltung auf der anderen Seite des großen runden Tisches im Kanzleramt. Dort saß Bundeskanzlerin Angela Merkel, die seit Jahren von der Idee beseelt ist, Deutschland und Europa - wieder - zu einer Innovationsmaschine für die Welt zu machen.

Also hatte das Kanzleramt rund 100 internationale Teilnehmer geladen, die Rezepte liefern sollten, wie eine Gesellschaft innovativ sein und bleiben kann - und wie man guten Ideen zum Durchbruch verhilft. Die 25-jährige Brasilianerin Alessandro Orofino etwa stellte ihre Online-Plattform "Meu Rio" für lokale Bürgerbeteiligung in Rio de Janeiro vor, der schon zehn Prozent der eine Million Einwohner der Stadt zwischen 18 und 29 angehören. Juliana Rotich aus Kenia präsentierte ihre Open-Source-Datensoftware von "Ushahidi", und der Inder Suneet Singh Tuli, Geschäftsführer von DataWind, sein Billig-Tablet: Beide wollen mit relativ simplen Ideen die Bevölkerung auch in Schwellen- und Entwicklungsländern vernetzen. Allen ist gemeinsam, dass sie mit ihren technischen Konzepten auch tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen auslösen.

Im Kampf gegen deutsche Innovations-Müdigkeit nahm Merkel diese Beispiele ebenso begierig auf wie die Mahnungen der Gäste. So bemängelte Geoff Mulgan, Geschäftsführer der britischen Nesta-Stiftung für Innovation, dass Deutschland bei allem Respekt eben kein Kraftzentrum für soziale Ideen sei. Die Kanzlerin nickte. Das Beharrungsvermögen der Deutschen - und Europäer - sei nun einmal sehr groß. In ihrem neunten Jahr Regierungszeit scheint Merkel zunehmend besorgt zu sein, dass die Selbstbeschäftigung der Deutschen und Europäer den Blick auf die dramatischen Veränderungen und guten Ideen in anderen Teilen der Welt verdeckt. Nach jeder außereuropäischen Dienstreise klagt die Kanzlerin noch etwas lauter über die wachsende Kluft zwischen Besitzstandswahrern auf dem alten Kontinent und einer rasanten Globalisierungsdynamik in anderen Teilen der Welt.

BILLIG-TABLET GUT FÜR DEUTSCHE ENTWICKLUNGSHILFE?

Beim "Speed-Briefing" über Innovationen hatte die Kanzlerin allerdings noch einen anderen Hintergedanken als das Aufsaugen von Ideen. Denn die deutsche Politik bastelt auch daran, Deutschland zur Plattform für einen weltweiten Austausch von Politikkonzepten zu machen. "Forum für globales Lernen" lautet die etwas schwammige Formel dafür, einen solchen Ideen-Jahrmarkt künftig regelmäßig zu organisieren. Der Naturwissenschaftlerin Merkel merkte man allerdings die Ungeduld an, als die Debatte allzu allgemein wurde. "Welche Innovation würden Sie mir denn besonders ans Herz legen", drängte sie etwa Kao. Und sie forderte von den Experten Rat ein, wo genau die Politik denn innovativ sein sollte. "Wäre das für die deutsche Entwicklungshilfe gut, so was zu verbreiten?" fragte sie mit Blick auf die Billig-Tablets.

Ohnehin wird spätestens seit der Euro-Krise vom ökonomischen Kraftzentrum Europas eine stärkere außen- und entwicklungspolitische Rolle eingefordert. Also muss Berlin liefern, auch in Form von Konzepten für eine friedliche, demokratische Entwicklung von Staaten. In der "Neuen Zürcher Zeitung" wurde der Bundesrepublik jüngst sogar eine internationale Führungsrolle im ideologischen Kampf gegen den islamistischen Extremismus zugewiesen. Einfach ist das aber schon deshalb nicht, weil die politischen Akteure in Berlin erst einmal lernen müssen, welche gesellschaftlichen Entwicklungen etwa durch die Digitalisierung ausgelöst werden. Von "Neuland" hatte Merkel selbst unlängst gesprochen.

Allerdings konnte die Kanzlerin am Dienstag dann doch ein paar Pluspunkte sammeln. Denn ganz so ideenlos sei Deutschland auch bei neuen gesellschaftlichen Projekten nicht, merkten einige Teilnehmer an. So sei etwa die Energiewende mit ihrer Dezentralisierung der Stromerzeugung eines der weltweit am stärksten diskutierten Projekte. Andere Wissenschaftler verwiesen darauf, dass Deutschland bei der dualen Berufsbildung Vorbild sei. Und die USA und Großbritannien kopierten derzeit das Konzept außeruniversitärer Wissenschaftsorganisationen wie die Fraunhofer- und Max-Planck-Gesellschaften. Um so mehr müssten sich die Deutschen nun selbst auf die Suche nach guten Ideen von anderen machen, so das Credo Merkels.

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