Die dunklen Seiten des Handymarktes

Die dunklen Seiten des Handymarktes

Dabei beruht der Boom am Handymarkt auch auf Missständen in der Produktionskette, so findet der Abbau der Rohstoffe unter unmenschlichen Bedingungen statt.

Können Sie sich ein Leben ohne Handy noch vorstellen? Das Ding ist faktisch mit unserem Körper verschmolzen und unser ständiger Begleiter geworden. Kein Wunder, dass der weltweite Handymarkt weiter wächst, vor allem die Nachfrage nach Smartphones – also Handys mit Computerfunktionen und Internetzugang – steigt. Davon profitieren die Hersteller dieser Geräte ebenso wie die Mobilfunkunternehmen, weiters die Anbieter entsprechender Accessoires, der Elektronikhandel und diverse Dienstleister.

Wachsender Markt mit guten Margen

Doch der Handymarkt hat seine Schattenseiten: Die teilweise enormen Margen, die in diesem Geschäft verdient werden, beruhen auf der Bereitstellung von günstigen Rohstoffen und auf der Billigstproduktion in Ländern wie China. Davon profitieren in erster Linie die Gerätehersteller selbst, aber indirekt auch die anderen Sparten und die Konsumenten. Sonst wäre es nicht möglich, dass im Monatstakt neue und günstige Modelle auf den Markt geworfen werden.

Das deutsche Südwind-Institut hat sich in einer vor kurzem veröffentlichten Studie diesen dunklen Seite des Handymarktes gewidmet. Nüchternes Fazit: In der Produktionskette von Mobiltelefonen gäbe es „große Missstände“. Besonders schlecht seien die Bedingungen beim Abbau von Kobalt, ohne das die Akkus der Handys nicht funktionieren würden.

Rohstoffe aus aller Welt

Ein Handy besteht aus bis zu 60 unterschiedlichen Stoffen, größtenteils Metalle. Diese werden in aller Welt eingekauft; so wird das Kupfer für ein Mobiltelefon aus Erzen aus verschiedenen Quellen bezogen. Weiters werden etwa Silizium, Aluminium, Kobalt, Lithium, Eisen, Silber, Gold und Platin verarbeitet. In ganzen Zahlen ausgedrückt: Schätzungen zufolge wurden im Vorjahr für die Herstellung von Handys 16.000 Tonnen Kupfer und 6800 Tonnen Kobalt verwendet.

Das ist das Problem bei der Beurteilung der Wertschöpfungskette eines Handys: Die Zahl der Zulieferer und Produzenten ist groß – und darauf reden sich die Hersteller auch heraus, wenn es um den ethischen und ökologischen Aspekt ihrer Produkte geht: Sie könnten ja nicht herausfinden, woher etwa bestimmte Erze stammen. Eine fadenscheinige Ausrede: Es ist sicher nicht unmöglich, in den Büchern und Produktionslisten die Herkunft aller Teile zu erforschen – aber unbequem. Die Konzerne verschließen lieber die Augen.

Zum Beispiel vor solchen Tatsachen: Das für die Handyherstellung wichtige Metall Tantal stammt unter anderem aus dem Kongo, wo es schon eine Rolle bei der Finanzierung blutiger Bürgerkriegen spielte und auch heute noch unter schlechten Bedingungen gefördert wird. Auch nach Kobalt wird in diesem afrikanischen Land geschürft; laut Südwind unter katastrophalen Bedingungen und mit Kinderarbeit.

Weitreichende ökologische Folgen hat der Abbau von Kupfer, dem wichtigsten Rohstoff für den Handyboom: So sorgt die Grasberg-Mine in der indonesischen Provinz West-Papua seit mehreren Jahrzehnten für Aufregung in der einheimischen Bevölkerung und für eine enorme Belastung der Umwelt der Region. Regelmäßig kommt es zu Schießereien, in den vergangenen drei Jahren sind dabei 15 Menschen getötet worden.

Die Billigherstellung

Nach der Verarbeitung der Rohstoffe, für die ein enormer Energieaufwand nötig ist, werden die Handys nach und nach zu den Produkten verarbeitet, die letztlich in unseren Geschäften landen. Diverse Produktionsstätten, vor allem in China gelegen, erschaffen Modelle wie iPhone, Galaxy S, Sony Xperia und Nokia Lumia. Dieser Bereich ist noch am ehesten der Öffentlichkeit bekannt, denn beispielsweise die Vorfälle und Zustände bei Foxconn sorgen regelmäßig für Aufsehen . Erst unter dem Druck der Öffentlichkeit hat sich etwa Apple, einer der wichtigsten Kunden des taiwanesischen Konzerns mit einer Vielzahl Fabriken in China, dazu genötigt gefühlt, auf bessere Arbeitsbedingungen zu drängen. Doch das dauert angeblich und bis dahin werken tausende Arbeiter zu geringen Löhnen in Akkord an Geräten, die dem kalifornischen Konzern Margen je Gerät bringen, für die diese Arbeiter mehrere Monate arbeiten müssen.
Auch Samsung ist in der Hinsicht nicht viel besser, wie Studien immer wieder zeigen. So werden in Fabriken, in denen Samsung-Geräte hergestellt werden, erwiesenermaßen Kinder eingesetzt, die die Arbeit von Erwachsenen tun. Im Gegensatz zu Apple hätte Samsung zudem die Möglichkeit, rascher die Missstände zu ändern – schließlich gehören die meisten Produktionsstätten dem koreanischen Konzern selbst. Generell kommt die Südwind-Analyse aber zu dem Schluss, dass kein Hersteller freigesprochen werden kann; jeder profitiert von der Ausbeutung billiger Arbeitskräfte.

Was könnte man tun?

Was aber können die Unternehmen, Politiker und letztlich auch Konsumenten tun, um solche Missstände zu vermeiden? Organisationen wie UNO und OECD kämpfen für entsprechende Regelungen, die aber meist unverbindlichen Charakter haben und nur eine Empfehlung sein können. Auch die Politik ist teilweise machtlos; der Rohstoffmarkt ist undurchschaubar und die Regierung der Abbauländer lassen sich nicht dreinreden.

Am meisten können Unternehmen tun, die beispielsweise auf Einhaltung von Sozial- und Umweltrichtlinien auch bei ihren Zulieferern drängen könnten. Und da sollte noch ausreichend Spielraum vorhanden sein, den Kostendruck auf diese Zulieferer zu senken und sie an die Kandare zu nehmen. So hat beispielsweise Apple bei seinem jüngsten Produkt iPhone 5 eine Rohertragsmarge von 70 Prozent ; für Foxconn bleiben rund acht Dollar pro Handy – und das bei einem Verkaufspreis von 650 Dollar aufwärts.

….und wir Konsumenten?

Aber auch jeder einzelne Konsument kann etwas tun, an den Zuständen zu ändern. Derzeit spielt es für die meisten von uns keine Rolle, woher das Gerät stammt und wie es produziert wurde. Wenn die Käufer etwas sensibler für Umwelt- und Sozialaspekte werden, zwingt das die Konzerne zu einem Umdenken. Das mag jetzt blauäugig klingen, doch gerade bei einem Produkt wie dem Handy, das stark an moderne Kommunikationsformen gebunden ist, kann es möglich sein, entsprechende Informationen rasch und weit zu verbreiten. Hier könnte sich der Kreis zur Politik schließen: Mit der Unterstützung entsprechender „Gütesiegel“ würde man den Konsumenten und den Konzernen ein Instrument in die Hand geben. Damit man sich nicht mehr aus der Verantwortung stehlen kann.

Robert Prazak

Dem Autor auf Twitter folgen:

Nokia Zentrale in Espoo, Finnland

Wirtschaft

Nokias Auferstehung: Finnen beleben Handy-Marke wieder

Technik

Apple knickt ein: Weg frei für iPhone-Entsperrung

Technik

Und Action: GoPro kauft zwei Video-Apps