Das Match um die "Cloud" wird richtig teuer

Das Match um die "Cloud" wird richtig teuer

Für kleine, nur wenige Jahre junge Start-Ups und Überlebende aus der Dotcom-Ära lassen die etablierten Software-Größen den Rubel rollen und bieten Milliardensummen für deren Übernahme. Jüngstes Beispiel: SAP will sich für 3,4 Milliarden Euro den 1996 gegründeten Online-Marktplatz für Unternehmen, Ariba, unter den Nagel reißen.

Der Kaufpreis entspricht dem zehnfachen des Umsatzes des vergangenen Jahres. Die sich überschlagenden und teuren Übernahmeofferten offenbaren vor allem eins: Die Software-Giganten von Microsoft bis SAP haben den Online-Trend verschlafen, von dem Apple, Facebook oder Google schon länger profitieren.

Knapp zwei Drittel aller weltweit getätigten Geschäftsumsätze laufen über SAP-Systeme, das beschert den Walldorfern sichere Einnahmen. Doch wo kommt künftig das Wachstum her? "Wagniskapital-Geber in den USA investieren seit Jahren nicht mehr in Software-Unternehmen ohne Cloud-Strategie", sagt SAP-Mitgründer und -Aufsichtsratchef Hasso Plattner. "Eine Cloud-Strategie ist essenziell für die Zukunft von SAP." Wie die Online-Strategie genau aussehe, diskutiere das Management seit Jahren.

Herausgekommen ist bisher nur ein Flickenteppich. Zu Jahresbeginn schluckten die Walldorfer den Cloud-Anbieter SuccessFactors für rund 2,5 Milliarden Euro. Der Spezialist für den Nischenmarkt Personal-Management ergänzt die eigenentwickelte Mittelstands-Software BusinessByDesign, die mäßig bei den Kunden ankam. Nun folgt der nächste Befreiungsschlag: Mit Ariba könnte SAP einen Sprung nach vorn in dem Hoffungsmarkt Cloud-Software machen. Denn Ariba betreibt den weltweit größten Online-Marktplatz, 730.000 Unternehmen nutzen diesen zur Beschaffung. Das Geschäftspotenzial für SAP mit fast 200.000 Kunden: Die Ariba-Kunden zahlen Transaktionsgebühren, 2011 rund 200 Millionen Dollar.

Mit dem Übernahme-Offert wollen die Walldorfer Konkurrenten wie Oracle ausbremsen, die mit prall gefüllter Börse ebenfalls nach Cloud-Software-Entwicklern Ausschau halten. Auch bei Oracle steht bei Cloud-Software noch ganz am Anfang. Branchenexperten rechnen daher mit weiteren Übernahmen, denn für die gesamte IT-Branche ist Gesamtmarkt Cloud Computing der große Hoffnungsträger. Marktforscher gehen davon aus, dass der weltweite Cloud-Markt bis zum Jahr 2020 von zuletzt 40 auf 240 Milliarden Dollar anwachsen wird. Allein in Deutschland sollen die Umsätze dem Branchenverband Bitkom zufolge im laufenden Jahr auf gut fünf Milliarden Euro anschwellen, was einem Siebtel des deutschen Marktes für IT-Dienstleistungen entspricht.

Die Unternehmen und ihre Mitarbeiter versuchen SAP und Co mit dem Versprechen zu ködern, dass mit Cloud-Software und -Diensten Informationstechnik künftig billiger, einfacher und jederzeit verfügbar wird. Rund um den Globus setzen auch Dienstleister die Deutsche Telekom darauf, dass die Konsumenten und die Unternehmen ihre Daten und Programme vom hausinternen Rechner ins Netz verlagern und auf eigene, teure Festplattenspeicher verzichten.

Wachstumsaussichten sind eher wolkig

Das ist eine Wette auf die Zukunft: Denn noch ist der Markt für Cloud-Software klein: Marktführer bei Software ist Salesforce aus den USA mit einer Online-Software für Kundenmanagement und zuletzt 2,25 Milliarden Dollar Umsatz. Branchengiganten wie HP, Dell und IBM springen aber inzwischen auf den Zug auf. Doch während im Software-Mekka USA bereits zahlreiche Unternehmen von der Online- und Cloud-Euphorie angesteckt wurden, regiert in Europa noch die Skepsis. Nur wenige Firmen wollen bedenkenlos ihre Geschäftsdaten über Kunden, Produktion, Mitarbeiter und Finanzen an externe Dienstleister weitergeben, die sie auf Serverfarmen rund um den Globus lagern. Denn in Europa gelten strenge Datenschutzbestimmungen, jenseits des Atlantiks nicht.

Es gebe kaum Erfahrungswerte, wie gut die Daten in den Rechenzentren wirklich gegen virtuelle Angreifer geschützt seien, warnt Magnus Kalkuhl vom Softwarehaus Kaspersky. Erste ungeklärte Ausfälle der Datendienste verunsichern die Kundschaft. Würden hunderte von Speichercomputern im Rechenzentrum zusammengeschaltet, auf denen die sensiblen Geschäftsdaten von Firmen schlummern: "Das wäre ein Jackpot für jeden Hacker." Bitkom-Chef Dieter Kempf wirbt daher um Vertrauen: "Schlüsselpunkt der Akzeptanz von Cloud Computing ist die Transparenz." Kleine Unternehmen zögerten, da sie sich mit der Technik nicht genug auskennen, sagt Kempf, der im Hauptberuf den Steuersoftware-Anbieter Datev führt. Um die Kunden von Cloud-Diensten zu überzeugen, bieten die Deutsche Telekom, Fujitsu oder IBM abgeschottete Clouds etwa in Deutschland an. Kreditkartennummern der Mitarbeiter oder Konstruktionspläne für Windräder könnten dann im Ausland nicht unbefugt mitgelesen, lautet das Versprechen.

Abseits von diesen heiß diskutierten Sicherheitsaspekten melden einige Branchenexperten grundsätzlichere Skepsis an. Die Datenwolke werde überschätzt, vielleicht sei die Cloud lediglich eine vorübergehende Mode, fragte der Vorstand der Software AG Wolfram Jost jüngst in einem Fachbeitrag. Denn: "Das Anliegen, mehr Agilität und Flexibilität in der IT zu gewinnen, ist nicht grundlegend neu!"

Von solchen Bedenken lässt sich SAP bei seinen milliardenschweren Zukäufen nicht beirren und wartet mit simplen Zahlenspielen auf. "Wussten Sie, dass es fast fünf Milliarden Mobiltelefone gibt und damit mehr Menschen ein Handy besitzen als eine Zahnbürste?", rechnete Manager Bill McDermott seinen Aktionären vor. "An einem Tag werden doppelt so viele Smartphones verkauft wie Babys geboren werden", versuchte der Amerikaner den Anteilseignern den tiefen Griff in die Unternehmenskasse schmackhaft zu machen. Vor SAP liege nicht weniger als die Weltmarktführerschaft bei Cloud-Software für Unternehmen.

Reuters

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