IT in der Industrie: China läuft Europa den Rang ab

IT in der Industrie: China läuft Europa den Rang ab

CeBIT-Organisator Oliver Frese und sein Counterpart Gong Xiaofeng unterzechnen den Vertrag, der China zum CeBIT-Partnerland 2015 macht.

Als "Industrie 4.0", also vierte industrielle Revolution, bezeichnen Branchenexperten die Integration von IT-Prozessen in Fabriken. Europa wäre gerne Vorreiter in diesem Trend, der die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen soll - aber China hat die besseren Karten.

Es kommt zwar nicht der chinesische Präsident, sondern "nur" der Vizeministerpräsident Ma Kai: Aber auf der Computermesse CeBIT plant das heurige CeBIT-Partnerland China kommende Woche dennoch einen sehr machtvollen Auftritt. Mit rund 620 Ausstellern will das Reich der Mitte in Hannover zeigen, dass man sich von einem Entwicklungsland zur digitalen Weltspitze vorgearbeitet hat. Und Ma wird sich nun in Deutschland zusammen mit chinesischen Firmen das nächste Ziel vornehmen - eine technologische Führerschaft auch beim Zukunftsthema Industrie 4.0, also der Vernetzung der industriellen Produktion mit dem Internet. Das aber ist eine Domäne, in der auch Deutschlands Wirtschaft gerne führend wäre. Und auch Österreich ist vom Spitzenfeld noch weit entfernt.

"Wir haben tatsächlich erreicht, dass der in Deutschland geprägte Begriff Industrie 4.0 weltweit mittlerweile so eingeführt ist wie der Kindergarten, die Lederhose oder der Rucksack", meint Wolfgang Dorst, beim IT-Verband Bitkom zuständig für das Thema. "Nun müssen wir aufpassen, dass das Konzept nicht von anderen schneller umgesetzt wird." Tatsächlich will Vizepräsident Ma auf seinem Deutschland-Besuch eine Reihe von Betrieben anschauen, die bereits diese Vernetzung umsetzen und selbst digitale Daten aus der Produktion sammeln und auswerten. Er sucht Partner und Vorbilder.

Bundeskanzlerin Angela Merkel drängt die deutsche Industrie bei diesem Thema seit Monaten zur Eile. Bisher galten aber immer die IT-Giganten aus den USA als Hauptkonkurrenz. Doch nun richtet sich der Blick stärker auf Asien. Als Merkel Anfang der Woche in Japan war, wollten deutsche Wirtschaftsvertreter in der drittgrößten Wirtschaftsnation der Welt das Thema Industrie 4.0 gar nicht mehr offensiv ansprechen. "Es ist im Moment zu früh, dass wir als deutsche Industrie große strategische Initiativen starten und etwa eine Abstimmung mit den japanischen Partnern anstreben", hatte der Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft (APA), Hubert Lienhard, im Reuters-Interview gesagt. "Dazu sind wir noch nicht weit genug." Erst einmal sollten Deutsche und Europäer untereinander versuchen, sich auf Standards für die digitale Revolution verständigen.

CHINA SETZT ZUM SPRUNG AN

Doch nun setzt die kommende Supermacht China zum Sprung an, warnt auch das China-Institut Merics in Berlin. Bereits bei den deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen im vergangenen Jahr war eine bilaterale Zusammenarbeit auch bei der digitalen Vernetzung vereinbart worden. "Chinas Industrie ist zwar in der Breite noch Jahrzehnte entfernt von Industrie 4.0", sagte der stellvertretende Forschungsdirektor von Merics, Björn Conrad. Bisher könne China auch notwendige Technologien wie Sensorik oder Industrie-Software noch nicht selbst herstellen. "Aber einige der chinesischen Großkonzerne wie Sany oder Haier sind deutlich weiter und einigen deutschen Unternehmen in der Anwendung von Industrie 4.0 bereits dicht auf den Fersen", warnt er.

Und anders als Deutschland ist China nicht nur industrielle Werkbank, sondern verfügt auch über die nötige IT-Kompetenz. "China hat fast alle Bausteine, die man braucht - eine IT-Infrastruktur mit eigenen Suchmaschinen oder sozialen Netzwerken. Das Land produziert dazu auch die IT-Hardware", meint Dorst. Nicht ohne Grund tritt bei der CeBIT-Eröffnung auch Jack Ma, Chef des Internat-Giganten Alibaba, auf.

Wie bei allen strategischen Themen gibt es zudem einen klaren Schulterschluss von Politik und Wirtschaft in Peking. Das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie (MIIT) in Peking hatte schon 2014 die Parole ausgegeben, dass China bis 2025 zur modernen Industriemacht werden soll. In diesem Jahr soll nun eine genaue Strategie veröffentlicht werden, wie man das mit Industrie 4.0 erreichen will.

GEMEINSAM GEGEN US-KONKURRENZ?

Soviel Tatendrang und Tempo im Reich der Mitte vergrößert nur die Verunsicherung über die digitale Revolution gerade im deutschen Mittelstand - zumal alle wissen, dass China mit seinen riesigen Devisenreserven im Hintergrund ohnehin auf Einkaufstour in Europa ist. "Aber Abschottung kann für die deutsche Industrie keine Lösung sein", warnt Bitkom-Experte Dorst. Entscheidend sei, selbst rasch die digitale Vernetzung der Produktion voranzutreiben. Dann müsse man auch keine Kooperation fürchten.

Merics-Experte Conrad sieht dies ähnlich. Gerade kleinere Unternehmen dürften sicher nicht blind für die "enormen Risiken" des chinesischen Marktes sein. "Eine Lösung ist die 'Testpiloten'-Funktion der deutschen Marktführer, die das Risiko von Pilot-Kooperationen mit chinesischen Partnern stemmen können. Dabei sollten sie volle politische Unterstützung und Rückendeckung erhalten", empfiehlt er. Aber Conrad sieht einen klaren Nutzen in einer Zusammenarbeit: "Bei der Standardisierung kann eine deutsch-chinesische Kooperation ein Gegengewicht zu den US-amerikanischen Bemühungen der Standardsetzung herstellen. Eine Verbreitung deutscher Industrie 4.0-Standards in China würde das Rennen mit den USA wieder offener gestalten."

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