Crowdfunding: Kleines Geld, großer Effekt

Crowdfunding: Kleines Geld, großer Effekt

In Atlanta läuft ein Eichhörnchen namens Alf Netek herum. Der Mann, der diesen Namen eigentlich trägt, sitzt in Wien, ist Marketingvorstand bei Kapsch und ein Fan des Crowdfunding. Zwischen zehn und 500 Dollar investiert er regelmäßig privat auf der Plattform Kickstarter in neue Initiativen oder Produkte.

Die Eichhörnchen-Patenschaft war Spaß, in der Regel wird Netek als Gegenleistung mit tollen Gadgets belohnt und "dem erhebenden Gefühl, früh an etwas Neuem dran zu sein“. Dank Internet erledigt er seine Investments bequem, wöchentlich informiert ihn ein Newsletter. Findet Netek etwas gut, machen ihn ein paar Mausklicks zum Unterstützer ("Backer“), seine Dollars ("Pledges“) werden bequem von der Amazon-Kreditkarte abgebucht. US-Plattformen wie Kickstarter oder Indiegogo haben diese Art der Schwarmfinanzierung populär gemacht. 2012 wurden 2,7 Milliarden Crowdfunding-Dollar weltweit eingesammelt. Für 2013 gehen Experten von einer Verdoppelung aus.

Das Kleingeld der Massen weckt auch in Österreich Gründergeist: Anfragen bei der Wirtschaftskammer häufen sich, viele KMU wollen wissen, wie das denn funktioniert mit dem Crowdfunding. Es gibt österreichische Plattformen wie Conda , 1000x1000 und Green Rocket - und erste Erfolgsgeschichten: 107 Investoren finanzieren die Burgermasta-Restaurants mit 124.300 Euro. 153 Financiers steckten 81.600 Euro in die Compuritas-Idee: ausgemusterte Computer werden repariert und Schulen oder NGOs zur Verfügung gestellt. 177 Menschen gaben 166.950 Euro für das Projekt einer iPad-Hülle aus Holz, Woodero genannt. Technologie und Gastronomie gefallen den Österreichern.

Viel PR für das Thema hat der Waldviertler Schuhfabrikant Heinrich Staudinger gemacht. Mit seinem Kampf gegen die Finanzmarktaufsicht wurde der "Finanzrebell“ zur Galionsfigur für das Crowdfunding - das in seinem Falle gar keines ist. Bei den Begriffen kommen "Crowd und Rüben“ leicht durcheinander.

Im strengen Sinn basiert Crowdfunding nämlich auf Spenden, es gibt für die Investoren keine geldwerte Gegenleistung. Dafür steht die österreichische Plattform respekt.net , die seit 2010 fast 660.000 Euro lukriert hat, die in gemeinnützige Projekte fließen, etwa Nachhilfeunterricht für Migrantenkinder. Bei der populärsten Form des Crowdfunding, wie sie über Kickstarter betrieben wird, bekommen die "Backer“ ein Produkt früher oder billiger. Oft gibt es dazu ein Dankschreiben, so wie das Rockstar Neil Young mit seinem auf diese Weise entwickelten Music Player macht. Das Risiko ist überschaubar, da es sich meist um kleinere Beträge handelt - die große Masse macht es aus.

Eine Spielart, das Crowdlending, basiert hingegen auf Krediten. Hier treten die Investoren in eine klassische Gläubigerrolle ein, sie bekommen das Geld mit Zinsen zurück, tragen aber das Ausfallsrisiko. Beim Crowdinvesting ist es ähnlich, die Investoren bekommen ihre Renditen bei Verkäufen zugesprochen. Crowdfunding hat sich aber als Art Oberbegriff durchgesetzt.

Wer sich als Unternehmer für die "professionellen“ Varianten interessiert, kommt um eine Rechtsberatung nicht umhin. Da es sich hier um eine Form der Eigenkapitalbeteiligung handelt, hat die Finanzmarktaufsicht (FMA) ihr Auge drauf, auch wenn das zurzeit noch anlassbezogen passiert, wie auch im Falle Staudingers. Dem hat die FMA grünes Licht für ein Drei-Millionen-Darlehen signalisiert, wenn er seine 197 Darlehensgeber von einem "nachrangigen“ Status überzeugen kann. Staudinger sagt: "95 Prozent haben bereits unterschrieben. Sollten die restlichen fünf Prozent nicht unterschreiben, zahle ich ihnen das Geld zurück.“

60 Fälle hat die FMA bereits auf ihren Schreibtischen darunter auch die Betreiber der Conda-Plattform. Manager Daniel Horak: "Wir haben uns vorab informelles Feedback geholt. Als das erste Projekt finanziert war, prüfte die FMA und gab grünes Licht.“ So wurde das kalorienarme Nixe-Bier von Constantin Simon zum prototypischen Crowdinvesting-Fall. Für die Einführung einer zweiten Produktlinie - eines Radlers - stand Simon letztes Jahr vor der Wahl: Bankkredit, Business Angel oder Risikokapitalfonds. Er entschied sich für Crowdinvesting und konnte über die Conda-Plattform 182 Leute überzeugen, 150.000 Euro zu investieren. Sie sind in einem "Owner’s Club“ versammelt und haben ein Substanzgenussrecht. Macht die Nixe Gewinn, erhalten sie vier Prozent Fixzins - mittelfristig. Vorerst werden Überschüsse reinvestiert. "Wir sind kein Sparprodukt“, gibt sich Simon transparent gegenüber seinen "Ownern“. Er hat mit dem Nixe-Projekt aber ein zweites Kriterium der Schwarmfinanzierung gut erkannt. Seine Owner haben eine hohe Affinität zum Produkt und helfen bei der Vermarktung: "Die Crowd ist auch ein Vertriebs- und Marketingwerkzeug, das man einsetzen muss, um erfolgreich zu sein,“ sagt Conda-Mann Daniel Horak.

Mit 1,5 Millionen Euro ist das Crowd-Volumen in Österreich noch recht überschaubar, der zunehmende Wunsch von KMU nach alternativer Finanzierung aber evident. Allein bei Conda haben 500 Firmen eingereicht, fünf wurden finanziert. Die strengeren Eigenkapitalrichtlinien für Banken lassen viele über die Crowd-Finanzierung nachdenken. Auch die EU will jetzt "das Potenzial von Crowdfunding freisetzen“. Nicht ganz einfach: Zum einen müssen die renditeorientierten Plattformen rechtlich sauber in das Finanzsystem eingepasst werden, zum anderen muss der Verbraucherschutz durch Gütesiegel oder Ähnliches gewährleistet sein. Und letztlich braucht es international abgestimmte Regeln: Denn die US-Plattformen zieht es aggressiv nach Europa bzw. finden die Europäer ihre Wege, um sich Geld aus den USA zu holen. Der Wiener Wirtschaftsinformatikstudent Max Müller sammelte letztes Jahr auf Kickstarter 12.000 Dollar für die Produktion seiner Designer-Brieftasche Wallum ein. Er gründete mit einem Kollegen in London einfach eine Ltd nach britischem Recht und wurde auf Kickstarter zugelassen.

Dabei ist in den USA Crowdinvesting nach europäischem Muster gar nicht erlaubt, nur Crowdfunding für Kreativprojekte wie über Kickstarter. In den USA darf ein Privater nicht mehr als fünf Prozent seines Jahreseinkommens einsetzen, in Großbritannien wiederum dürfen nur professionelle Anleger investieren. In Deutschland kann jede geschäftsfähige Person Crowdinvestings tätigen. Die Rechtslage ist komplex und wird sowohl von Investoren als auch von Unternehmern oft zu wenig beachtet. Ausgerechnet eine der großen internationalen Crowdfunding-Erfolgsgeschichten landete so vor dem Richter: Oculus Rift, der Hersteller von Virtual-Reality-Brillen, war mit den 2,4 Millionen Dollar über die Indiegogo-Plattform auf die Beine gekommen - die "Backer“ erhielten Brillen und T-Shirts. Im März 2014 kaufte Facebook die Firma für zwei Milliarden Dollar, die Sahne schöpften die Risikokapitalgeber ab, die erst später dazugekommen waren. Viele "Backer“ und Kunden wendeten sich von dem Projekt ab, und nun klagt der Exarbeitgeber des Oculus-Technikchefs auch noch auf Patentverletzungen.

In die euphorische Grundstimmung mischen sich kritische Stimmen, es mangelt nicht an Beispielen, wo das investierte Geld in den Sand gesetzt wurde: "Crowdfunding ist eine trendhafte Bewegung, die noch in den Kinderschuhen steckt. Funktionsweisen, Chancen, Risiken, aber auch Kontrolle oder Regulierung sind aufgrund mangelnder Erfahrung, Statistiken und Historie (noch) unzureichend erforscht“, resümiert die Deutsche Bank in einem neuen Report. Natürlich genießt das Thema erhöhte Aufmerksamkeit bei den Banken. Erste-Bank-Vorstand Peter Bosek: "Ob Crowdfunding der große Heuler wird, bleibt abzuwarten. Es ist schon skurril, dass die Regularien auf der Bankenseite verschärft wurden, die Kreditvergabe tendenziell erschwert wurde, aber auf der anderen Seite alternative Finanzierungsformen mit deutlich geringeren Anforderungen forciert werden.“

Tatsächlich hat die EU mit dem European Crowdfunding Network eine erste Informationsdrehscheibe institutionalisiert. EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier hat das Thema auf der Agenda, wie er unlängst in Wien betonte. Auch Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner will jetzt eine neue Kontaktplattform aufsetzen, auf der sich Firmen über alternative Finanzierungsformen informieren können oder Unterstützung bei der Erstellung eines Kapitalmarktprospekts bekommen. Ein Viertel der Kosten soll die AWS übernehmen. "Wir wollen Serviceunterstützung bieten, aber auch die Bekanntheit von Crowdfunding erhöhen, um Vorurteile abzubauen“, sagt Mitterlehner.

Für Österreich, wo sowohl ein Mangel an Eigenkapital in Unternehmen als von Risikokapital für neue Ideen herrscht, ist diese Stoßrichtung zu begrüßen. Trotz der Probleme, die noch der Klärung harren.

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