Bürger bauen Breitband aus: Investieren in friesisches Internet

Bürger bauen Breitband aus: Investieren in friesisches Internet

Die kleine Gemeinde Löwenstedt ist ein Leuchtturmprojekt für rascjhes Internet in der Peripherie. Weitere Gemeinden sollen folgen.

Um ländliche Regionen machen großen Telekommunikationsanbieter oft einen großen Bogen, weil die hohen Kosten nicht in Relation zur geringen Zahl potenzieller Kunden stehen. In Nordfriesland nehmen Bürger den Ausbau des Breitband-Internets jetzt selbst in die Hand. Dafür werden auch private Investoren gesucht, von denen jedoch einiges an Pioniergeist gefordert wird.

Löwenstedt ist eine kleine Gemeinde in Nordfriesland: mit seinen 650 Einwohnern ein winziger Fleck auf der Landkarte zwischen Flensburg und Husum. Noch vor wenigen Monaten war die Nutzung des Internets in der von Feldern umringten Ortschaft Zukunftsmusik. Doch seit April surfen die Bewohner hier über hochleistungsfähige Breitbandanschlüsse mit einer Downloadrate von bis zu 100 Megabit pro Sekunde, wie man sie selbst in Großstädten oft vergeblich sucht. Da sich kein Telekommunikationsanbieter für den Netzausbau fand, machten sich die Gemeinden im Kreis vor gut zwei Jahren selbst auf den Weg ins digitale Zeitalter - mit Bürgern und Unternehmen als Gesellschafter.

Die Pilotgemeinde Löwenstedt ist als erste ins Neuland vorgestoßen. "Wir hier am Rand von Deutschland waren uns gewiss, dass sich wie üblich niemand um uns kümmern wird. Deshalb haben wir alles daran gesetzt, uns für den Breitbandausbau zu engagieren", erzählt Bürgermeister Holger Jensen. Die Bundesregierung schaut mit großem Interesse und auch ein wenig hoffnungsvoll in den hohen Norden, wo in den vergangenen Jahren mehrere Projekte dieser Art an den Start gegangen sind. Denn wie beim Straßenbau und anderen Infrastrukturprojekten wird auch beim Breitbandausbau händeringend nach Möglichkeiten gesucht, privates Kapital zu mobilisieren.

Quälend langsame Übertragung - Telekom will Förderung

Die Koalition hat versprochen, dass es bis 2018 überall in Deutschland Breitbandanschlüsse mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde geben soll - was als wichtige Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum gilt. Das Ziel ist ehrgeizig, denn beim schnellen Internet gibt es in Deutschland viele weiße Flecken. In manchen Gegenden stehen oft nicht mal zwei Megabit zur Verfügung, manchmal sind es langsame DSL-Verbindungen oder überaltete ISDN-Anschlüsse mit nicht mal einem Megabit pro Sekunde. Das bedeutet quälend lange Übertragungsraten. Das Versenden großer Datenpakete, hochauflösende HD-Filme, Einkäufe am Computer, Skypen mit Freunden sind da unmöglich - geschweige denn die Nutzung des Internets durch mehrere Personen eines Haushalts gleichzeitig.

Einer Studie des TÜV-Rheinland zufolge würde es rund 80 Milliarden Euro kosten, alle Haushalte in Deutschland mit den hochmodernen Glasfaserkabeln auszustatten. Infrage kommt daher nur eine Mischung aus Glasfasern, alten Kupferleitungen, Satellit, Funk- und Kabelnetzen, was mit 20 Milliarden Euro deutlich günstiger ausfallen würde.

Die Deutsche Telekom hat bereits deutlich zu verstehen gegeben, dass sie angesichts des zweistelligen Milliardenbetrags auf massive Fördermittel des Bundes setzt. So seien zehn Milliarden Euro an Unterstützung notwendig, um bundesweit eine Geschwindigkeit von 50 Megabit pro Sekunde für 90 Prozent der Bevölkerung aufzubauen, sagte Telekom-Deutschlandchef Niek Jan van Damme kürzlich. Für die letzten zehn Prozent seien weitere 15 Milliarden Euro erforderlich. Verkehrsminister Alexander Dobrindt hat bislang nur Mittel aus der geplanten Veräußerung von Mobilfunk-Frequenzen in Aussicht gestellt, allerdings sind die Erwartungen an den Erlös nicht besonders hoch.

Bürger-Initiativen rücken vor

Gerade um die ländlichen Regionen machen die großen Telekommunikationsanbieter einen Bogen, weil den hohen Anschlusskosten geringe Nutzerzahlen gegenüberstehen. Auch im Norden ist das so. Die im Jahr 2012 von den Kommunen im südlichen Nordfriesland ins Leben gerufene BürgerBreitbandNetz GmbH will gleichwohl hoch hinaus: Nach Noderstedt sollen bis zum Jahr 2020 peu a peu 58 weitere Gemeinden mit 26.000 Haushalten angeschlossen sein, auf einer Fläche von 900 Quadratkilometern, wie Sprecherin Sabine Birkigt erläutert.

Um die notwendigen Eigenmittel für das 70-Millionen-Euro-Projekt auf die Beine zu stellen, nahm sich der Kreis die Windenergie zum Vorbild. Vor 25 Jahren wollten die Menschen vor Ort gern Vorreiter in diesem Bereich sein und nicht fremden Konzernen das Feld der Energieversorgung überlassen. Daher wurden zahlreiche Bürger-Windparks gegründet, an denen sich Anwohner bis heute beteiligen können. Dadurch erhöhte sich zugleich die Akzeptanz für die Windkraftanlagen vor der Haustür.

Bei der BürgerBreitbandNetz GmbH, an der aktuell 56 Gemeinden beteiligt sind, läuft es ähnlich: Für mindestens 100 Euro können Hausbesitzer Anteile erwerben und müssen 900 Euro als Darlehen beisteuern. Auch Inhaber von Ferienwohnungen können mitmachen. Im Gegenzug werden sie an den Gewinnen beteiligt und erhalten einen attraktiven Zinssatz. Wer möchte, kann noch stärker einsteigen. So sind laut Sprecherin Birkigt mehrere Bürgerwindparks mit mehr als 100.000 Euro am Breitbandausbau beteiligt. Das Infrastrukturministerium in Berlin sieht auf einer solchen Grundlage gute Möglichkeiten, dass sich beispielsweise auch Banken und Versicherungen beim Netzausbau engagieren.

Neue Möglichkeiten für Anleger

Beim Leiter des Breitband-Kompetenzzentrums in Schleswig-Holstein, Richard Krause, gehen inzwischen immer häufiger Anfragen von Lebensversicherungen und Investmentgesellschaften ein, die sich auf Investitionen ins Breitbandnetz beziehen. Gerade Investoren, die ihr Geld über langfristige Anlagen verdienten, hätten entdeckt, dass für sie die Finanzierung in die Netzstruktur ein Modell sein könne. "Allerdings sind das noch ganz zarte Pflanzen", sagt Krause.

Der netzpolitische Sprecher der Unions-Fraktion im Bundestag, Thomas Jarzombek, sieht im Breitbandbereich genügend Investitionsmöglichkeiten. Immer wieder treffe er Leute, die nicht wüssten, wo sie angesichts der niedrigen Zinsen ihr Geld anlegen sollten. Da biete es sich doch regelrecht an, auch mal in einen Kabelkanal zu investieren. Die Leitungen könnten dann an Netzbetreiber vermietet werden.

Pioniergeist gefragt

In Breklum im nördlichen Teil Nordfrieslands haben sich schon vor mehr als sechs Jahren Gemeinden zusammengeschlossen, um die Internetanbindung selbst in die Hand zu nehmen. Gesellschafter sind neben den Kommunen die Betreiber erneuerbarer Energien, insbesondere die Windmüller.

Ohne Pioniergeist geht es aber nicht. "Bei all diesen Modellen brauchen Sie jemanden mit einem großen Verantwortungsgefühl, dort Geld hineinzugeben", betont Experte Krause. Eine Rendite erziele ein Investor in diesem Bereich eher langfristig in 20 bis 25 Jahren. "Aber die haben etwas im Boden liegen, das Geld wert ist." Letztlich sei davon auszugehen, dass kein Zweiter dort mehr ein Netz verlege. Allerdings könne ein gesetzlicher Investitionsschutz noch mehr Sicherheit für Geldgeber schaffen und so die Attraktivität erhöhen. Denn der Telekom oder anderen sei es letztlich nicht untersagt, direkt daneben ein eigenes Kabel in den Boden zu legen, beklagt Krause.

"Wie Asterix und Obelix"

Die große Koalition hat private Geldgeber zur Finanzierung des Highspeed-Internets auch noch auf andere Weise im Blick - beispielsweise in Form von Bürgerfonds. "Bürger und Firmen können zum Beispiel über einen bestimmten Zeitraum Geld in einen solchen Fonds anlegen und dafür einen garantierten Zinssatz erhalten", regt der netzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Lars Klingbeil, an. Das angelegte Geld werde dann für den Breitbandausbau genutzt. "Ein Breitband-Bürgerfonds ist nicht nur eine spannende Idee, sondern aus meiner Sicht auch notwendig", betont er. Allerdings liegt bislang noch kein konkretes Modell für einen Bürgerfonds vor. Aus dem Ministerium heißt es allgemein: "Wir begrüßen grundsätzlich Initiativen, bei denen Bürgerinnen und Bürger eigenverantwortlich derartige Herausforderungen annehmen und lösen."

Im Koalitionsvertrag wie auch in der Digitalen Agenda der Regierung ist darüber hinaus ein Förderprogramm der Staatsbank KfW vorgesehen, zu dem aber ebenfalls noch keine Details bekannt sind. Investitionswilligen könne ein solches Programm helfen, ist CDU-Netzexperte Jarzombek überzeugt. Doch wie sein SPD-Kollege Klingbeil warnt er zugleich, ein Allheilmittel für den Netzausbau gebe es am Ende nicht.

Die Gemeinde Noderstedt hat inzwischen über Deutschland hinaus Bekanntheit erlangt. Rund um den einzigen Gasthof "Friedensburg", wo die Dorfgemeinschaft viele Abende über den Netzausbau diskutiert hat, gibt es sogar einen öffentlichen Hot Spot. Kein Wunder, dass sich die Bewohner ein wenig wie das kleine gallische Dorf fühlen. "Wir sind da, wie Asterix und Obelix, sehr kämpferisch wie immer für unser Dort eingetreten", sagt Bürgermeister Jensen stolz.

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