Ballmers Spätzünder

Microsoft Surface - Die erste Tablet-Hausmarke

Mächtig, luxuriös, solide wie ein Cadillac - schrieb einer der wenigen, die schon Hand an das Teil legen konnten.

Microsoft Surface

Als Karosserie bringt Microsoft ein robustes, wasser- und schmutzabweisendes Chassis zum Einsatz, wie es auch in der Uhrenindustrie zum Einsatz kommt.

Microsoft überrascht mit einem Coup die Branche und baut sich seine Waffe für den Tablet-Krieg jetzt selbst: Mit "Surface“ gibt es eine überzeugende und längst überfällige Antwort auf Apple.

Ein Befreiungsschlag war das. Am 18. Juni schlug Microsoft-Chef Steve Ballmer mit einer flachen Flunder zu. Was für Prügel hatte der Mann zuletzt einstecken müssen! Ein Hedgefonds-Manager hatte ihn als ewigen Verlierer, als Charlie-Brown-Manager, verspottet, das Magazin "Forbes“ gar zum schlechtesten CEO der Branche gekürt. Vergeben, vergessen.

Ein echtes Microsoft-Baby sei das "Surface“ geworden, wurde Ballmer nicht müde zu betonen. Konzeption, Design - alles Eigenbau, eine solide, überzeugende Arbeit, glaubt man den ersten Augenzeugenberichten. Denn noch ist das Teil nicht im Handel, und es gibt keinen Preis. Spannend war in den letzten Tagen vielmehr, wer nichts zum jüngsten Strategie-Schwenk bei Microsoft sagte. Kein Kommentar kam von HP und Co, jenen Firmen, die seit Jahrzehnten in friedlicher Koexistenz mit Microsoft die Investitions-Wellen der Industrie reiten. Ballmer hatte den Coup nicht nur vor den eigenen Leuten geheimgehalten, sondern auch dreist vor seinen Partnern. Microsoft bringt neue Software, die Kunden brauchen deswegen schnellere Hardware. Dieses Perpetuum mobile ist der Kitt zwischen Microsoft und seinen Lieferanten.

Sand ins Getriebe brachte 2007 das verunglückte Microsoft-System Vista, das viele Kunden schlichtweg ausließen. Das Nachfolgesystem Windows 7 verkaufte sich ab 2009 zwar gut, aber ab 2010 gewann eben auch Apple mit seinem iPad rasant an Fahrt und erhöhte mit seiner App-Wirtschaft sowie der neuartigen Gestensteuerung den Druck auf Microsoft, das eigentlich erst einmal das 7er-System verkaufen wollte. Blödes Timing.

Ballmer hatte zu der Zeit viele peinliche Bühnenauftritte zu absolvieren, mit sprichwörtlich nichts in der Hand. Im Hintergrund wurde aber Gas gegeben.

Herausgekommen ist Windows 8, das als Hybrid-Software Tablet- und Notebook-Nutzer gleichermaßen glücklich machen soll. Die Testversion ist draußen und gut aufgenommen, entfalten soll sich das 8er im globalen Maßstab ab Herbst.

Wer spät kommt, kann wenigstens die Konkurrenzanalyse gründlich betreiben. Microsofts Strategen haben sich genau angesehen, wo die iPad-Schwachstellen liegen. Die größte ist sicher die Interaktion, wie Studien zum iPad-Nutzungsverhalten beweisen. Am iPad wird eher passiv konsumiert oder präsentiert als aktiv gearbeitet. Die Tastatur, die viele iPad-Kunden als Zubehör kaufen, liefert Microsoft mit Surface gleich mit - und erlaubt das Arbeiten in zwei Modi: der vom Tischrechner gelernten Tastatureingabe oder dem Wechsel zum reinen Tipp- und-Wisch-Rechnen über die sogenannte Metro-Oberfläche. "Surface ist als iPad-Konkurrenz sicher ernster zu nehmen als etwa der Kindle“, sagt Gartner-Analystin Carolina Milanesi, "das Design spricht Konsumenten und Firmennutzer gleichermaßen an.“

Surface ist nicht der erste Ausflug der Ballmer-Company ins Hardwaregeschäft. Das Geschäft mit Computermäusen war nur ein Groscherlgeschäft, die eigenen Musikplayer und Handys verschwanden bald wieder aus den Läden. Wirklich Land gewannen die Redmonder nur mit ihrer Spielkonsole.

Dass Microsoft im großen Stil ins Hardwaregeschäft einsteigen wird, ist nicht anzunehmen. Im Massenmarkt sind die strategischen Hardwarelieferanten zu wichtig für den Marktanteilserhalt. Über den Surface-Erfolg werden die Programme ("Apps“) und der Preis entscheiden. Gartner-Expertin Milanesi rechnet nicht mit Billigpreisen: "Microsoft achtet auf die Margen seiner Entwickler und Produzenten.“

Die Pläne zum Vertrieb legen nahe, dass Microsoft bei seinen Leisten bleibt, und Ballmer hielt den Ball am Montag flach. Verkauft werde Surface über wenige Läden und den eigenen Online-Store. Hardwareservice und -logistik sind im Softwarekonzern nicht hoch entwickelt.

Außer Microsoft bringt einen Joker ins Spiel, der diese Prozessketten schon weltweit aufgesetzt hat: Nokia. Der finnische Handy-Bauer auf Talfahrt und die Amerikaner sind so eng, dass nichts mehr ausgeschlossen scheint. Der Produktname Surface könnte sich noch als programmatisch erweisen. Unter der Microsoft-Oberfläche tut sich viel, und Microsoft schafft es, ganz Apple-like, es geheimzuhalten.

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