Mit dem Handy zur Kassa - wer will das?

Mit dem Handy zur Kassa - wer will das?

Apple-CEO Tim Cook würde gerne Geldbörsen durch Smartphones ersetzen.

Mit "Apple Pay" möchte der Konzern aus Cupertino das iPhone zur Geldbörse machen. Die Idee ist nicht neu - doch bisher ist es keinem westlichen Anbieter gelungen, den Kunden vom Konzept der Handy-Zahlung zu begeistern. Stattdessen gewinnt die gute, alte Bankomat-Karte weiter an Attraktivität.

Das Hantieren mit der Geldbörse an der Supermarkt-Kassa und falsch herausgegebenes Wechselgeld sollen bald Geschichte sein – so lautet zumindest das Versprechen der Anbieter so genannter „Mobile Payment“-Dienste. Stattdessen soll einfach das Mobiltelefon an ein Terminal gehalten und anschließend eine Abbuchung durchgeführt werden. Laut nachgedacht wurde über das Bezahlen per Handy erstmals Mitte der 1990er Jahre, als Mobiltelefone den Massenmarkt eroberten; mit dem Siegeszug der Smartphones wurde der Ruf nach der digitalen Geldbörse noch lauter – doch durchgesetzt hat sich das Konzept in Europa noch immer nicht.

Tim Cook, CEO von Apple, präsentiert Apple Pay im September 2014.

Nun möchte auch Apple seinen Beitrag zum Heranwachsen eines Ökosystems aus mobilen Bezahldiensten leisten. „Apple Pay“ startet am 20. Oktober in den USA; über einen Europastart ist noch nichts bekannt. Mit dem iPhone soll der Bezahlvorgang besonders unkompliziert sein, verspricht der Konzern: Einfach das Handy ans Terminal halten und den Daumen auf dem „Home“-Button der Geräts lassen – schon wird die Zahlung abgebucht. Ein Pin-Code muss nicht eingegeben werden; stattdessen dient der Fingerabdruck als Sicherheitsmerkmal. Dabei erfährt Apple nichts über die Einkaufshistorie des Kunden, die Kreditkartennummer wird nicht unverschlüsselt auf dem iPhone gespeichert – das betont jenes Unternehmen explizit, welches jüngst wegen des NSA-Skandals und diverser Promi-Nacktbilder mit negativer Publicity zu kämpfen hatte.

Cash is king – und Plastikkarten sind Kaiser

Apple wird spätestens bei einem Start in Europa mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben wie alle anderen auch. Zum einen wäre da etwa die Angst der Mitteleuropäer, zu viele Daten an Drittanbieter preiszugeben – gerade in Deutschland sitzt die historisch gewachsene kollektive Besorgnis um einen „Big Brother“ noch tief. Hinzu kommt, dass Mobile Payment die Antwort auf eine Frage ist, die in Österreich und anderen europäischen Ländern nie gestellt wurde: Das Bezahlen mit Bargeld ist nicht wirklich ein Ärgernis, weil es an jeder Ecke einen Bankomaten gibt – und wenn nicht, dann ist die Bankomat-Karte bei der Supermarkt-Kassa ebenso schnell gezückt wie das Handy.

Hier sitzt auch die größte Konkurrenz für die Vertreter des Mobile Payments: Das kontaktlose Zahlen über Bankomat-Karten, in die spezielle Chips („Near Field Communication“, NFC) eingebaut sind, floriert. Laut Angaben der Betreiberfirma Payment Services Austria vom 16. September sind derzeit in Österreich 4,3 Millionen Karten mit dieser Funktion im Umlauf, 2014 sollen rund 4,6 Millionen Karten hinzu kommen – damit wären in Österreich alle 8,9 Millionen Bankomatkarten mit dieser Funktion ausgestattet. Beträge bis 25 Euro werden mit den Karten bezahlt, indem sie einfach an ein Terminal gehalten werden; bei höheren Beträgen muss ein Pin eingeben werden.

Pin am Handy – ist das praktischer?

Erfolgreich ist dieses System unter anderem, weil weniger Akteure in das System eingebunden sind – denn im Gegensatz zum Plastikgeld wollen bei Mobile Payment neben den Banken und Zahlungsanbietern auch Mobilfunkbetreiber und Hardware-Hersteller, wie etwa Apple, ihre Vorstellungen durchsetzen. Google hat mit seinem Projekt „Google Wallet“ mehrmals Gehversuche des Mobile Payments gestartet – sich hierzulande aber nie durchgesetzt. Sicherheitsbedenken gibt es von Kunden auch gegenüber der genannten NFC-Technologie – es geht die Angst um, Kriminelle könnten über den Chip Kreditkarten-Daten aus dem Handy auslesen. Ob diese Bedenken berechtigt sind oder nicht, das ist im Grunde irrelevant – die subjektive Wahrnehmung verhindert den Durchbruch.

Lösung aus Österreich: Bezahlen mit VeroPay.

Einen anderen Weg geht daher der Anbieter VeroPay, der das Bezahlen per Handy bei zahlreichen österreichischen Handelsketten ermöglicht – ohne NFC. Laut Website muss zum Bezahlen nur die App installiert und mit dem Bankkonto verknüpft werden; statt der Geldbörse wird dann an der Kassa das Handy gezückt, statt am Terminal wird in der App ein Pin-Code eingegeben. Die App generiert daraufhin einen Strichcode, der vom Mitarbeiter an der Kassa gescannt wird. Ist das nun einfacher als das Bezahlen per Bargeld oder Bankomat-Karte? Die Beantwortung dieser Frage überlassen wir dem gesunden Menschenverstand des Lesers.

Facebook, Twitter, PayPal – und jetzt auch Apple?

Doch es gibt ja nicht nur das Ladengeschäft – auch die Online-Shopper hat Apple Pay im Visier. Über das neue System soll das Einkaufen im Web leichter fallen, ganz ohne das lästige Eingeben von Kreditkarten-Daten, verspricht Apple. Jedoch: Auch hier ist die Konkurrenz groß.

Da wäre etwa die Tatsache, dass Platzhirsche wie Amazon ohnehin bereits die Kreditkartendaten ihrer Kunden gespeichert haben. Wer dort auf den „Jetzt mit 1-Click kaufen“-Button klickt, der bezahlt augenblicklich beim weltgrößten Online-Händler; einfacher geht es kaum noch. Ähnlich simpel ist die Zahlung etwa bei der Videospiele-Plattform Steam oder den App-Stores von Größen wie Google oder Apple. Und PayPal, der große Umsatzbringer von eBay, bietet bei allen anderen Web-Shops schnelles und sicheres Bezahlen im Web.

Gleichzeitig preschen Social-Media-Unternehmen beim Bezahlen im Internet vor. Twitter bietet in Frankreich bereits Zahlungen von Nutzer zu Nutzer über Tweets an; Facebook wird wohl die Messenger-App bald ähnlich nutzen und hat äußerst ambitionierte Pläne im Banking-Bereich – gemeinsam mit der Rakuten Bank bietet CEO Mark Zuckerberg in Japan bereits einen derartigen Dienst.

Innovatives Afrika

Doch vielleicht kommt der Drive für die Revolution des mobilen Bezahlens auch gar nicht aus dem Silicon Valley, Europa oder Japan – sondern aus Afrika. Das merken jene Reisende, die sich im Rahmen eines Safari-Urlaubs eine afrikanische PrePaid-Simkarte zulegen. Denn mit dem auf der Karte eingezahlten Budget können Direkt-Zahlungen an andere Mobilfunk-Nutzer durchgeführt oder zusätzliche Dienste beim Mobilfunkanbieter erworben werden; aufgeladen wir das Guthaben unter anderem über Papier-Bons, die selbst in den kleinsten südafrikanischen Dörfern erhältlich sind.

Treiber dieser Entwicklung ist der Dienst M-Pesa: Die vom kenianischen Anbieter Safaricom in Kooperation mit Vodafone entwickelte digitale Währung ermöglicht Transaktionen über Mobiltelefone und ist ein echter Hit; im Jahr 2011 stieg die Zahl der Nutzer laut Wikipedia auf 1,6 Millionen; das Konzept wird inzwischen auch in anderen Ländern umgesetzt. Die starke Akzeptanz, vor allem in afrikanischen Ländern, macht M-Pesa zum globalen Marktführer. Um hier Schritt halten zu können, sind für erfolgsverwöhnte Anbieter wie Apple noch viele Schritte notwendig.

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