IFA: Internet der Dinge soll der Branche wieder Schwung verleihen

Die Armbanduhr verschickt Emails, die Kaffeemaschine twittert. Bis 2020 werden die Deutschen rund 100 Millionen vernetzte Endgeräte nutzen, glaubt man bei Deloitte. Dadurch sollen klassische Geschäftsmodelle revolutioniert werden.

IFA: Internet der Dinge soll der Branche wieder Schwung verleihen

Der große Boom bei smarten Armbanduhren steht nach Ansicht des Branchenverbands Bitkom noch bevor.

Das Internet der Dinge entwickelt sich rasant und macht einer ganzen Branche Beine. Nach Einschätzung von Marktexperten dürfte der neue Trend nicht nur dem Verbraucher viele nützliche Anwendungen bescheren, sondern Anbieter vor ganz neue Herausforderungen stellen. Es ist jedenfalls eines der großen Themen auf der IFA in Berlin - und treibt die Branche der Unterhaltungselektronik kräftig an. Die IFA in Berlin findet in diesem Jahr vom 4. bis zum 9. September statt.

Nach Einschätzung der Beratungsagentur Deloitte werden sich vernetzte Geräte in den nächsten Jahren klar durchsetzen. "Bis 2020 werden die Deutschen rund 100 Millionen vernetzte Endgeräte nutzen - Smartphone und Tablet Computer nicht mitgerechnet", sagte Klaus Böhm von Deloitte. Schnelle Datenleitungen würden diese Entwicklung weiter befeuern. Bereits im laufenden Jahr erwartet Deloitte, dass weltweit eine Milliarde vernetzte Gegenstände verkauft werden. Das seien beispielsweise Geräte, die am Körper getragen werden ("Wearables"), Komponenten im smarten Zuhause oder im vernetzten Auto.

"Das Internet der Dinge revolutioniert klassische Geschäftsmodelle"

Das Internet der Dinge wird nach Einschätzung der Marktbeobachter auch massive Veränderungen bei den Unternehmen in der Unterhaltungselektronik nach sich ziehen und neue Kooperationen erforderlich machen. "Das Internet der Dinge revolutioniert klassische Geschäftsmodelle", sagte Böhm. Neben den Produkten rückten etwa die damit verbundenen Dienste und Inhalte in den Vordergrund. Dies betreffe zum Beispiel Inhalte von Streamingdiensten, Navigationslösungen für das Auto oder auch Sicherheitssysteme für das vernetzte Zuhause.

Auf der IFA in Berlin werden in diesem Jahr zahlreiche Lösungen für das vernetzte Heim zu sehen sein. Das reicht von Audiosystemen, die über das Netz mit dem Smartphone gesteuert werden, über Waschmaschinen, die dem Handy Bescheid geben, wenn das Waschprogramm beendet ist, bis hin zu intelligenten Steuersystemen per Smartphone für die Heizungsanlage. "Die Vernetzung macht aus herkömmlichen Geräten intelligente Geräte, die zahlreiche neue und kreative Nutzungsmöglichkeiten eröffnen", sagte Tim Lutter vom deutschen Branchenverband Bitkom.

Absatz von Smartwatches soll explodieren

Zentrale Treiber der Vernetzung seien Smartphones und Tablets, so die Branchenbeobachter. Laut Erhebungen des Bitkom nutzen inzwischen 65 Prozent der Menschen in Deutschland ein Smartphone, 40 Prozent haben einen Tablet-Computer. Großes Potenzial schreiben Branchenbeobachter auch den sogenannten Wearables wie Computer-Uhren (Smartwatches) oder Fitness-Trackern zu. Der Bitkom erwartet für Smartwatches in diesem Jahr ein Absatzwachstum von 348 Prozent auf 645.000 Stück und einen Umsatzzuwachs von 566 Prozent auf 169,2 Mio. Euro.

Auf der IFA sollen die kleinen Geräte, die vor allem Biodaten aufzeichnen und damit die Fitness und Gesundheit ihrer Nutzer überwachen ein zentrales Thema sein. Einen großen Impuls bekam die Branche durch die Vorstellung der Apple Watch, die im April auf den Markt gebracht wurde. Zu den großen Konkurrenten des iPhone-Konzerns gehören Samsung, Sony, Huawei, Asus, LG Electronics und auch Intel. So stellt der US-Chipkonzern auf der Branchenmesse sein Fitness- und Schlafanalysearmband Basis Peak vor, Samsung zeigt seine Uhr Gear S2 und Huawei sein - schlicht "Watch" genanntes - Gerät.

Email auf dem Handgelenk

"Derzeit dominiert Apple eindeutig den Markt", sagt IHS-Analyst Roeen Roashan. Er gehe davon aus, dass allein in diesem Jahr 16 Millionen Apple Watches über die Verkaufstische wandern. Insgesamt sollen nach IHS-Schätzung 29 Millionen Geräte verkauft werden. Wer Apple abgeschrieben habe, liege falsch, ergänzt Analyst Ben Wood von CCS Insight. Allein im ersten Verkaufsquartal hätten die Kalifornier eine Milliarde Dollar mit ihrer Watch umgesetzt.

Marktbeobachter rechnen damit, dass sich in Zukunft die Menschen wieder sehr viel häufiger Uhren umbinden werden. Dabei wird die Zeitanzeige allerdings zur Nebensache. Im Mittelpunkt steht neben der Fitnessfunktion die Verbindung zum eigenen Smartphone. So kann der Nutzer mit einem Blick aufs Handgelenk nachsehen, wer ihn angerufen oder ihm Mails geschrieben hat. Die Analysefirma CCS Insight prognostiziert, dass sich der Markt mit tragbaren Computern - zu denen auch Fitnessarmbänder und Computerbrillen gehören - in den nächsten fünf Jahren auf mehr als 25 Milliarden Dollar verfünffacht.

Adidas und Intel setzen auf Runtastic

Die Sportartikelbranche will den Trend nicht verschlafen, sondern mitgestalten. Fast alle großen Ausrüster bauen ihr Geschäft mit tragbaren Fitnessmessgeräten seit Jahren aus - darunter Branchenprimus Nike, Verfolger Adidas und deren aufstrebender US-Rivale Under Armour. Vor allem Jogger und Fußballer sollen auf die Geräte zurückgreifen, um ihre Leistungen zu überwachen. Geschwindigkeit, Strecke, Herzfrequenz und Armbewegungen werden mit Ortungsdaten, Landkarten und persönlichen Informationen wie Körpergewicht und Alter kombiniert. Apps werten die Informationen aus und stellen sie zu einem persönlichen Leistungsprofil zusammen.

Adidas-Chef Herbert Hainer schwärmte jüngst bei der Übernahme des österreichischen Fitness-App-Anbieters Runtastic für 220 Millionen Euro von dem Kundenpotenzial: Rund 70 Millionen Nutzer, etwa die Hälfte davon im wichtigen europäischen Markt, sind bei Runtastic registriert. Ab Oktober kooperiert auch Intel mit dem österreichischen Anbieter.

Ein smarter Fußball für 200 Euro

Die neuen Uhranbieter haben allerdings noch einige Aufgaben zu bewältigen. So müssen potenzielle Nutzer davon überzeugt werden, warum sie ein weiteres Gerät brauchen. Ferner halten die Akkus häufig noch nicht lange genug. Auch sind Fragen des Datenschutzes nicht umfassend geklärt. "Alle Hersteller müssen bei der Benutzerfreundlichkeit und dem Mehrwert nachlegen. Das dauert noch, wird aber kommen", sagt Gartner-Analystin Annette Zimmermann. Sie empfiehlt den Anbietern, Kunden über eine Benutzerplattform an sich zu binden. Dies sei zum Beispiel Fitbit im Geschäft mit Fitness-Armbändern gut gelungen. Als Kunde des US-Konzerns kann man sich auf der Internetseite anmelden und mit anderen über sportliche Leistungen austauschen und gegenseitig anspornen.

Die Sportartikelfirmen haben allerdings nicht nur Uhren und Armbänder im Angebot, sondern wollen Biodaten auch über Kleidung und Sportgeräte aufzeichnen. Als Vorzeigeprojekt verpasste Adidas vor der Fußball-WM 2014 der deutschen Nationalmannschaft sensorengespickte T-Shirts, mit denen die Spieler trainierten. Im laufenden Jahr stellte die Firma einen Fußball vor, der ebenfalls Bewegungsdaten misst. Er wird für 200 Euro verkauft.

Doch schon längst geht die Forschung in die nächste Richtung. Laut Zimmermann versuchen sich einige Anbieter derzeit an Pflastern, die Patienten mit Hilfe von Sensoren überwachen: "Das kann in einigen Jahren vor allem für die Gesundheitsbranche spannend werden."

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