Streaming: Retter und Feindbild der Musikindustrie

In Österreich hat sich der Umsatz mit Streaming-Diensten wie Spotify und Deezer verdreifacht. Das sorgt für frischen Wind und bremst den jahrelangen Einbruch des Wirtschaftszweigs. Doch auch die kritischen Stimmen werden immer lauter. Eine Analyse - inklusive Einblick in die beliebtesten Werke des Jahres.

Streaming: Retter und Feindbild der Musikindustrie

Katy Perry war 2014 die beliebteste Künstlerin auf Spotify - ihre Kollegin Taylor Swift boykottiert hingegen die Plattform.

In Österreichs Musikindustrie überwiegen noch immer die Moll- gegenüber den Dur-Tönen, auch wenn mittlerweile etwas fröhlichere Melodien angestimmt werden. Denn zwar wurden 2013 hierzulande mit 150 Millionen Euro um zwei Prozent weniger erwirtschaftet als im Vorjahr – doch das sind in Zeiten der Raubkopien und illegalen Internet-Streams noch vergleichsweise gute Nachrichten. Denn im Vorjahr war der Umsatz um satte acht Prozent eingebrochen.

Verantwortlich für diesen Kurswechsel ist vor allem das legale Musik-Streaming über Dienste wie Spotify, Deezer, Simfy oder das vormals illegale Napster. Denn während die CD ein Umsatzminus von zehn Prozent hinnehmen musste, stieg der Umsatz mit Musik-Abos aus dem Netz um 330 Prozent – und kompensierte somit die Einbrüche bei physischen Tonträgern zumindest teilweise. Auch in der ersten Jahreshälfte 2014 gab es wieder ein deutliches Plus; und mittlerweile machen die Dienste bereits 25 Prozent des Online-Musikmarkts aus – der Rest gehört mp3-Verkäufern, allen voran etwa Apples iTunes.

30 Millionen Songs um zehn Euro

„Nutzen statt besitzen“ ist das Motto dieser Plattformen. Der Kunde kauft dort keine Musik mehr, sondern richtet sich einen Account ein, mit dem er unbegrenzt Zugriff auf das globale Musik-Repertoire der Anbieter hat – in vielen Fällen mehr als 30 Millionen Songs. Verfügbar sind die Lieder anschließend auf dem PC ebenso wie auf mobilen Geräten, wie etwa Handy oder Tablet. Wer den Dienst gratis verwendet, muss sich zwischen den Liedern mit Werbung berieseln lassen; um etwa zehn Euro pro Monat kann eine werbefreie Version genutzt werden.

Platzhirsch und Pionier ist das Unternehmen Spotify, das in Schweden gegründet würde – also ausgerechnet im Heimatland von PirateBay, der weltweit größten Internet-Plattform für digitale Raubkopien. Nach Eigenangabe hat Spotify derzeit 50 Millionen aktive Kunden, die sich heuer sieben Milliarden Stunden Musik anhörten. Herausforderer Deezer hat ein Angebot, das mit jenem von Spotify vergleichbar ist – und versucht, den Schweden mit Kooperationen zu trotzen: So gibt es etwa bei Abschluss eines Handy-Vertrags bei T-Mobile ein ermäßigtes Deezer-Abo; und pünktlich zur Weihnachtszeit werden spezielle Soundtracks des Unterhaltungskonzerns Disney exklusiv auf Deezer veröffentlicht.

Umstrittenes Geschäftsmodell

Für die Kunden ist das ein reizvolles Angebot – doch für Musiker gibt es ebenso noch viele Fragezeichen wie für die Unternehmen. Erstens wäre da nämlich das Problem, dass IPO-Kandidat Spotify noch keinen Gewinn macht: Laut kürzlich in Stockholm vorgelegten Zahlen konnte das Unternehmen seinen Umsatz 2013 zwar von 430 auf 740 Millionen Euro steigern, gleichzeitig stieg der Verlust aber von 80 auf 93 Millionen Euro, berichtet das „Manager Magazin“. Zu neu ist wohl noch das Geschäftsmodell, zu viel muss in Werbung investiert werden, und zu viele Kunden setzen auf das kostenlose, werbefinanzierte Abo-Modell – das für Spotify weniger lukrativ ist.

Zweitens laufen die Content-Produzenten Sturm gegen die Abo-Modelle – darunter manchmal ganze Plattenfirmen, manchmal einzelne Künstler. Thom Yorke, Sänger der britischen Band Radiohead, gehört etwa zu den lautesten Spotify-Kritikern: Pro abgespieltem Song erhielten die Künstler nur den Bruchteil eines Cents, sagt er – gerade für kleine, unbekannte Bands zahlt sich das Streaming-Modell daher oft nichts aus. Die Band Radiohead selbst hat ihr Album „In Rainbows“ auf der eigenen Website zum Download angeboten – gegen eine freiwillige Spende.

Einen radikalen Schritt ging hier auch zuletzt Popstar Taylor Swift, die ihre Musik von Spotify entfernen ließ und ihr neues Album nur auf Plattformen vertrieb, bei denen man dafür bezahlen muss. Mit dem Ergebnis, dass sie sie binnen einer Woche 1,3 Millionen Exemplare verkaufte – das gelang zuletzt Eminem im Jahr 2002.

Spotify – die Wohlfühl-Datenkrake

Andere Musiker glauben, dass Geld nicht alles ist. So könnte man etwa auch indirekt aus den Streaming-Diensten Gewinne erzielen, wenn diese den Musikern Daten über das Nutzerverhalten bekannt geben. Denn wenn eine Band weiß, wie viele Menschen welche Lieder in welcher Stadt hören, dann lässt sich eine Tour entsprechend effizienter planen – mit höheren Einnahmen aus dem Live-Geschäft.

Denn Spotify sammelt viele Daten – das geht aus dem Jahresrückblick 2014 hervor, den das Unternehmen diese Woche veröffentlichte. Auf www.spotify-yearinmusic.com erfahren die Fans einiges über das Verhalten der 50 Millionen Kunden – zum Beispiel:

• Am 7. Jänner wurden die Neujahrsvorsätze umgesetzt. Denn dann haben die Fans Musik gehört, die zum Sport machen passt
• Am liebsten wird Musik zum Laufen und Trainieren zwischen 17 Uhr und 19:30 gehört
• Die meiste „glückliche“ Musik wurde am 30. Mai gespielt
• Am 8. Juli hörte man in Deutschland gerne „We are the champions“ von Queen – aus offensichtlichen Gründen
• Der weltweit meistgehörte Künstler war Ed Sheeran
• Die weltweit meistgehörte Künstlerin war Katy Perry
• Die meistgehörte Band war Coldplay
• Das meistgehörte Album war „x“ von Ed Sheeran
• Der weltweit meistgehörte Song war „Happy“ von Pharrell Williams

Wer selbst einen Spotify-Account hat, der kann sich von der Website einen persönlichen Jahresrückblick erstellen lassen – in dem angeführt wird, welche Alben, Lieder und Künstler man am öftesten gehört hat. Basierend auf diesen Daten erstellt Spotify eine Playlist mit Vorschlägen für Songs im Jahr 2015. Ist das ein Service, oder doch Bevormundung? Das muss wohl Jeder für sich entscheiden.
Nachstehend gibt es jedenfalls eine Playlist mit den beliebtesten Liedern in Österreich.

Im kommenden Jahr dürfte das Geschäft der Streaming-Dienste spannend bleiben. Börsianer dürfen etwa darauf schielen, ob Spotify seinen ursprünglich für Herbst 2014 anvisierten Börsengang umsetzt. Musiker werden weiter dafür lobbyieren, dass sie mehr Geld von den Unternehmen bekommen, die wiederum selbst erst mal in die Gewinnzone kommen müssen. Und die Kunden müssen sich nicht nur entscheiden, welche Musik sie hören wollen – sondern auch, von wem sie die erquickenden Töne beziehen möchten.

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