Porträt: Jean-Claude Biver - der Meister der Uhren

Jean-Claude Biver, CEO LVMH Uhren

Jean-Claude Biver, CEO LVMH Uhren

Er hat fünf große Uhrenmarken saniert, gilt als Grandseigneur der Schweizer Uhrenindustrie: Eine Begegnung mit Jean-Claude Biver, der als Chef der Uhrensparte von LVMH noch einmal ein Meisterwerk abliefert.

Ende November 1987, im tiefverschneiten Ort Le Brassus im Schweizer Uhrental Vallée de Joux nördlich von Genf, kam es zur ersten Begegnung zwischen Jean-Claude Biver und dem trend. Es war kurz nach der Zeit, als der Siegeszug der Quarzuhr der Schweizer Uhrenindustrie einen fast tödlichen Schlag versetzt, unzählige Marken ins Verderben gestürzt und 50.000 Arbeitslose beschert hatte.

Doch diesen quirligen hochgewachsenen Mann, damals 38, focht das nicht an. Fünf Jahre zuvor hatte er sein Erspartes von 60.000 Schweizer Franken, das er als Produktmanager bei Omega zurückgelegt hatte, in den Kauf der von der SSIH-Gruppe, dem Vorläufer von Swatch, stillgelegten Marke Blancpain gesteckt. Mit nur einem Ziel: entgegen aller Zeichen der Zeit aus einer Blancpain schlicht und einfach die beste mechanische Uhr der Welt zu machen.

Da stand er nun im tiefen Schnee, offene Schnürsenkel an klobigen Stiefeln, zerzaustes Haar, knittriges Hemd. "Hab wieder mal oben im Schlafsack übernachtet", lachte Biver, mit riesigen Maurerhänden zum Dachboden der Uhrwerk-Manufaktur seines Partners Frédéric Piguet deutend, wo er sich mit einer Handvoll Blancpain-Uhrmachern eingenistet hatte. Doch nur wenige Sekunden später ging die Leidenschaft mit ihm durch. Es war, als hätte ihn ein einzigartiger Zauber erfasst, eine unwiderstehliche Macht, die ihn tiefer und tiefer ins geheimnisvolle Universum der komplizierten Uhren zog, wo sich die ganz kleinen Dinge zu ganz großen Werken zusammenfügen.

"Sehen Sie nur, der ewige Kalender", fieberte Biver, die Lupe, unter Fachleuten "la migrosse", reichend. "Der Sieg der Uhr über die Jahrhunderte." Zur Betonung schlug er mit der Faust auf den Uhrmachertisch. Bumm. "Jetzt das Turbillon, auf winzigem Raum überwindet es die Schwerkraft und sorgt für Ganggenauigkeit." Bumm. "Ahhh, hier der Schleppzeiger, er ist das Gedächtnis der Uhr." Bumm. So verging Stunde um Stunde, eröffnete sich Komplikation um Komplikation.

Bumm, bumm, bumm. Es war einer jener frühen Momente, in denen man spürte, dass Jean-Claude Biver - neben dem legendären Swatch-Gründer Nicolas Hayek -das Zeug zu einer ganz zentralen Figur der Schweizer Uhrenindustrie, gleichsam einem ihrer Retter, haben könnte. Und so kam es dann auch.

KÖNIG DES UHREN-MARKETINGS

Die Biver-Story kennt in der Schweiz heute fast jedes Kind. Geboren 1949 in Luxemburg, mit zehn ins Internat bei Genf, BWL-Studium in Lausanne, dort von einem Freund, der ihm stolz seine neue mechanische Uhr vorführte, mit dem Uhrenvirus infiziert. Dann eine Uhrmacher-Lehre bei der Luxusmarke Audemars Piguet. Und nach einer kurzen, steilen Karriere bei Omega der Einstieg bei Blancpain, wo er alles auf einen Gegentrend zur Quarzuhr, jene "Technologie, die uns einst fressen könnte", wie er in seiner Autobiografie schreibt, setzt.

Seine "rückwärtsinnovative" Strategie ging auf. 1992 verkaufte Biver die hochprofitable Marke Blancpain um 60 Millionen Franken an Swatch, legte damit den Grundstein für sein vom Wirtschaftsmagazin "Bilanz" heute auf etwa 175 Millionen Franken (150 Millionen Euro) geschätztes Vermögen und machte sich für Hayek an die Sanierung der angestaubten Marke Omega.


Du musst graben, ganz tief graben. Nur dann findest du die echte Substanz und das wahre Wesen der Uhr.

Jean-Claude Biver, CEO LVMH-Uhren

"Für mich stand Blancpain für die Alpen", erinnert sich Biver an den Wechsel. "Aber Omega für den Himalaya. Also mussten wir einzigartig sein". Immerhin war Omega bereits 1932 als erste Uhrenmarke überhaupt offizieller Zeitmesser der Olympischen Spiele in Los Angeles. Und mit der "Speedmaster" am Handgelenk von Edwin "Buzz" Aldrin 1969 bei der ersten Mondlandung dabei. Biver knüpfte an diese verlorene Tradition des Produkt-Placements an und begann, Omega-Uhren an die Handgelenke von James-Bond-Star Pierce Brosnan, Supermodel Cindy Crawford oder Formel-1-Weltmeister Michael Schuhmacher zu schnallen. Innerhalb von zehn Jahren hatte er so den Umsatz der Marke verdreifacht und den Grundstein für seinen Ruf als Marketing-Genie gelegt.

Mitten in dieser Hochphase, 1998, kam ein herber Rückschlag. Bei ihm wurde die mitunter lebensgefährliche Legionärskrankheit diagnostiziert, an der er fast gestorben ist. "Für mich ein Signal, dass ich etwas in meinem Leben ändern musste", so Biver. Während der langen Genesung legte er sich zuerst in La Tourde-Peilz in den Schweizer Alpen einen Bauernhof zu und fing an, Käse zu produzieren - auf rund fünf Tonnen jährlich kommt er heute. Schließlich kehrte er 2003 auch Omega den Rücken, um noch einmal von vorne anzufangen. Im Jahr darauf stieg er mit 20, manche sagen 30, Prozent bei Hublot ein, einer 1980 vom Segler-Ehepaar Carlo und Marie Crocco gegründeten Mini-Uhrenmarke, deren Modelle sich durch ihre Bullaugen-Form und Kautschuk-Armbänder auszeichneten, aber im Absatz auf Grund gelaufen waren.

Abermals zündete Biver ein Marketing-Feuerwerk, das seinesgleichen suchte. Mit einer Stakkato von neuen Modellen, allen voran die 2005 erstmals präsentierte "Big Bang"-Reihe, köderte er zuerst die Weltklasse-Kicker von Bayern München, Chelsea, Manchester United oder Juventus Turin. 2008 wurde Hublot Official Timekeeper der Fußball-Europameisterschaft, dann der ganzen Fifa, und schließlich der beiden darauf folgenden Weltmeisterschaften sowie der Formel 1. Und natürlich ist Hublot, dessen Modell-Preise zwischen 20.000 und fünf Millionen Euro schwanken und das unter Bivers Ägide seinen Umsatz auf etwa eine Milliarde Franken gesteigert hat, im Segel-, Golf-, Polo oder Skisport vertreten.

2008 übernahm der französische Luxusgüterkonzern LVHM Hublot, ließ Biver noch ein paar Jahre an seinem dritten Meisterstück feilen und übergab ihm dann 2014 die Leitung seiner gesamten Uhrensparte, die neben Hublot auch die Marken TAG Heuer und Zenith umfasst und zusammen auf etwa 2,2 Milliarden Franken Umatz kommt.

DER EWIGE SANIERER.

Nyon am Genfersee, im Herbst 2017. In der Kantine von Hublot, wo er auch die LVMH-Uhrenzentrale installiert hat, lässt der gut gelaunte Biver bei Schonkost - einem Teller Erbsen -die vergangenen 30 Jahre, in denen er wie kaum ein anderer die Uhrenbranche gepägt hat, Revue passieren. Sein Fazit: "Konzentration bei den Marken, Konzentration bei den Zulieferern, Konzentration im Vertrieb."

Tatsächlich befinden sich heute etwa 80 Prozent der knapp 400 Schweizer Uhrenmarken, die zusammen im Export auf knapp 20 Milliarden und auf ein Inlandsgeschäft von rund drei Milliarden Franken Umsatz kommen, in den Händen der vier Konzerne Swatch, LVMH, Richemont und Rolex, die auch immer mehr Hersteller von Zahnräder, Spiralen oder Zeigern aufkaufen und die Distribution dominieren. "Für neue Marken ist kaum noch Platz", seufzt Biver. "Du kannst nur versuchen, bestehende bestens zu platzieren." Bei TAG Heuer ist ihm das, auch dank der Einführung einer digitalen Smartwatch als Antwort auf die Apple-Uhr, so gut gelungen, dass die Marke nach langer Durststrecke heute etwa eine Milliarde Umsatz macht und hohen Millionengewinn abwirft. Nun ist seine fünfte Sanierung dran, jene von Zenith, dem LVMH-Sorgenkind.

Die 1865 gegründete Marke hatte 1969 mit ihrem Modell "El Primero" die erste mechanische Uhr, die auf die Zehntelsekunde genau ging, produziert, sei aber "in ihrer Tradition hängengeblieben", so Biver. Dann schildert er, wie er sie da rausholen will, und zwar mit der neuen "Defy Lab", die nicht mehr und nicht weniger die Neuerfindung der Uhr darstellt. Wie er darauf gekommen sei? Plötzlich glänzen seine Augen so wie damals in Le Brassus. "Ja, da müssen Sie tief graben", schlägt er auf den Tisch. Bumm. Dann springt er auf, kniet nieder und wühlt entrückt am Kantinenboden. "Graben, ganz tief graben", ruft er herauf. "Nur so" - bumm -"findest du das Wesen" - bumm - "und die Substanz der Uhr." Bumm, bumm, bumm.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 47/2017 vom 24.11.2017 entnommen.

PIAGET EXTREMLY LADY: Die Genfer Luxusmarke lanciert eine ganze Reihe edler Damenmodelle mit Vintage- Touch - charmant präsentiert von Jessica Chastain, überzeugen auch diese Uhren durch ihre Detailverliebtheit. Eine Besonderheit sind die Armbänder in beeindruckenden Oberflächen-Finish- Varianten. Das feminine Design trägt die Handschrift der neuen CEO Chabi Nouri, die 2016 die Agenden von Philippe Leopold Metzger übernommen hat. Die schmucken Zeitmesser sind ab 54.500 Euro erhältlich.

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