Sterben war gestern: Ist Altern besiegbar wie die Pest?

Sterben war gestern: Ist Altern besiegbar wie die Pest?

Fortschritte in der Medizin und ein gesünderes Leben: Wer heute geboren wird, hat gute Chancen, 100 Jahre alt zu werden. Und im Silicon Valley wird schon an der Unsterblichkeit gearbeitet.

Hilft Fasten? Oder Medikamente, die die Reparaturmechanismen der körpereigenen Zellen ankurbeln? Oder bringt doch eine Mischung aus Schlangenfleisch und Hanfsamen, wie sie der Arzt Paracelus vor 500 Jahren empfahl, die gesuchte Lösung?

Immer geht es um die Frage, wie das menschliche Altern verzögert oder gar gestoppt werden kann. Tatsache ist, dass die Lebenserwartung kontinuierlich steigt. Wer heute geboren wird, hat gute Chancen, 100 Jahre alt zu werden. Aber ist das schon der Höhepunkt, oder lässt sich der Tod immer weiter hinausschieben? Ein Mann, der 1871 geboren wurde, hatte im Durchschnitt 39 Jahre vor sich. Knapp 150 Jahre später liegt die Lebenserwartung für Männer bei 80 Jahren, also doppelt so hoch, für Frauen bei 84 Jahren. Geht die Entwicklung kontinuierlich so weiter, könnten in 200 Jahren die ersten Menschen ihren 200. Geburtstag feiern.

„Ich halte das für unwahrscheinlich, aber theoretisch möglich“, kommentiert das der Genetiker Markus Hengstschläger. Zwar habe jedes Lebewesen einen bestimmten Rahmen, in dem sich seine Lebensspanne bewegt, dieser lasse sich aber dehnen. Hengstschläger: „Im alten Rom wurden Hunde 14 Jahre alt, Eintagsfliegen maximal zwei Tage, Menschen im Durchschnitt 20 Jahre alt. Heute werden Hunde immer noch 14 Jahre alt, Eintagsfliegen leben maximal zwei Tage – aber Menschen werden 80 und noch älter. Die offene Frage ist, ob sich der Rahmen jetzt auch noch sprengen lässt.“

Ist Altern besiegbar wie die Pest?

Ist körperliches Altern also wie eine Krankheit, die sich besiegen lässt wie die Pest, an der auch niemand mehr stirbt? Manche Forscher sind da skeptisch. Sie sind überzeugt, dass es bei 120 oder 125 Jahren ein maximales Ablaufdatum für den menschlichen Organismus gibt. Mehr geht einfach nicht. Dass sei durch die Evolution so vorgesehen, damit an den Futtertrögen wieder Platz für die nächste Generation wird.

Geschenkte Jahre: Die Lebenserwartung hat sich in den vergangenen 150 Jahren verdoppelt.

Geschenkte Jahre: Die Lebenserwartung hat sich in den vergangenen 150 Jahren verdoppelt.

Auch Markus Hengstschläger sieht das so. „Im Sinne der Evolution wurden in den menschlichen Organismus quasi Fehler eingebaut, damit irgendwann Platz für die nächste Generation frei wird. Findet man diese Fehler und auch Methoden, sie effizient zu beheben, kann das die Lebenserwartung vielleicht noch weiter steigen. Dass Menschen in zwei oder drei Jahrhunderten 200 Jahre alt werden, würde ich nicht vollkommen ausschließen.“
Und das ist erst der Anfang: Im Silicon Valley, dem Mekka des technischen Fortschritts, hat das „Projekt Unsterblichkeit“ längst begonnen. Getrieben von der Überzeugung der Ingenieure, für jedes Problem dieser Welt eine technische Lösung zu finden, ausgestattet mit Milliardenbudgets und einer gehörigen Portion Selbstüberschätzung, ist die Überlistung des Todes das ganz große Thema. Das Elektroauto ist schon fast von gestern, Anti-Aging ist der neue Boom – und das nächste ganz große Geschäft. Nachdem den Betriebssystemen von Computern und Maschinen ist jetzt Optimierung des menschlichen Betriebssystems an der Reihe.

Mit Google gegen den Tod

Ganz vorne dabei sind die Großen der Branche. Google hat bereits 2013 unter dem Namen California Life Company – kurz: Calico – eine Tochterfirma gegründet, die an der Verlängerung des Lebens forscht. Startkapital: eine Milliarde Dollar. Mit an Bord ist die Forscherin Cynthia Kenyon, der es schon vor 20 Jahren gelang, die Lebenszeit von -Fadenwürmern durch Eingriffe ins Genmaterial zu versechsfachen.

Das große Problem: Noch ist nicht einmal restlos geklärt, warum wir eigentlich altern. Die derzeit gängigste Theorie ist, dass der permanente Erneuerungsprozess im Körper von den Zellen über das Blut bis zur Haut nach dem Überschreiten der besten Fortpflanzungsjahre nachlässt. Bei jeder Regeneration verdoppeln sich Zellen. Dabei wird die DNA der „alten“ Zelle abgelesen und vervielfältigt. Doch bei diesem Ableseprozess passieren immer wieder Fehler, die sich mit den Lebensjahren summieren – die Ursache für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, die gehäuft im Alter auftreten. Außerdem werden Teile der DNA, die Telomere, nicht vollständig abgelesen und daher im Alter -immer kürzer. Hinzu kommen äußere Faktoren wie Übergewicht und Umweltgifte.

Penicillin und Kanalisation

Der Alterungsprozess beruht also auf inneren wie äußeren Faktoren. Dass wir eine höhere Lebenserwartung haben als unsere Vorfahren, verdanken wir bahnbrechenden Entdeckungen von Forschern und Medizinern. Vor 200 Jahren war ein eitriger Zahn noch ein Todesurteil. Dank der Entdeckung des Penicillins ist er zwar noch immer unangenehm, aber keineswegs mehr bedrohlich. Seit Ärzte sich zwischen zwei Geburten sorgfältig die Hände -waschen, ist die Sterblichkeit von Säuglingen und jungen Müttern dramatisch gesunken.

Doch auch Gewerkschafter und Stadtbaumeister haben einiges für ein längeren Leben getan. Der Bau der Kanalisation hat einen großen Anteil am Verschwinden vieler Infektionskrankheiten, das Erkämpfen des Achtstundentags und freier Wochen-enden haben den vorzeitigen Verschleiß bei Industrie-arbeitern spürbar reduziert. Ob Gurtenpflicht im Auto oder regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen – jeder junge Tote weniger erhöht statistisch die durchschnittliche Lebenserwartung einer Gesellschaft. Die große Unbekannte im Ringen um ein längeres Leben ist, ob sich derartige Vorwärtssprünge wiederholen lassen – mit entsprechenden Sprüngen in der Lebenserwartung. Penicillin kann nur einmal erfunden werden, das Kanalisationssystem ist zumindest in den Industrieländern ausgereift.

„Das ist schwer zu sagen“, so Genetiker Hengstschläger, „ganz große Entwicklungen in der Medizin stehen noch bevor.“ Stammzellen- und Gentherapie und Nanotechnologie sind noch am Anfang, die Möglichkeiten eine individuellen, personalisierten Medizin noch gar nicht abzusehen. „Wir haben jetzt schon Möglichkeiten, von denen wir vor 20 Jahren nicht einmal geträumt haben“, sagt Hengstschläger (siehe Interview unten), „der Fortschritt wächst nicht linear, sondern exponentiell“.


"An die Unsterblichkeit glaube ich nicht"

Markus Hengstschläger

Markus Hengstschläger

Der Genetiker Markus Hengstschläger über das ewige Leben.

trend: Werden Menschen irgendwann 200 Jahre alt?
Markus Hengstschläger: Unwahrscheinlich – ich würde das aber auch nicht komplett ausschließen. Zwar hat jedes Lebewesen einen gewissen Rahmen für seine Lebensspanne, aber der lässt sich vielleicht dehnen. Im alten Rom wurden Menschen im Durchschnitt etwa 20 Jahre alt, heute werden sie vielleicht 80 Jahre alt. Das zeigt, was innerhalb des Rahmens möglich ist.

trend: Was ist notwendig, um solch ein Alter zu erreichen?
Hengstschläger: Viel Bewegung, gesunde Ernährung und der Verzicht auf Rauchen und Alkohol sind wesentliche Faktoren, die sich positiv auf die Lebenserwartung auswirken. So haben viele der heute 60-Jährigen ein biologisches Alter von 40-Jährigen früherer Generationen. Aber das alleine wird nicht reichen …

trend: Nur Sport und die richtige Diät sind zu wenig?
Hengstschläger: Ja, denn um ein derartiges Alter theoretisch zu erreichen, wird man die neuesten medizinischen Innovationen anwenden können müssen.

trend: Aber wird es in der Medizin noch derartige Durchbrüche geben wie durch die Entdeckung des Penicillins oder die Röntgenstrahlen?
Hengstschläger: Der medizinische Fortschritt entwickelt sich derzeit nicht linear, sondern exponentiell. Die gewaltigen Entwicklungen in Richtung Organe mithilfe speziell gezüchteter Schweine geht rasant voran, Stammzellentherapie, Gentherapie, Nanotechnologie u. v. m. stehen noch am Anfang. Außerdem sind die Möglichkeiten einer individuellen, sogenannten Precision-Medizin noch gar nicht abzusehen. Und dann noch all das, was erst kommen wird, was wir heute noch gar nicht kennen.

trend: Steht am Ende die Unsterblichkeit?
Hengstschläger: Nein, daran glaube ich nicht. Man wird nicht immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort die entstandenen Schädigungen eines so komplexes Organismus reparieren können. Von Fragen nach der Leistbarkeit, dem Pensionssystem und wer in den Genuss der neuesten Technologien kommen wird, einmal abgesehen.


Zur Person

MARKUS HENGSTSCHLÄGER leitet das Institut für Medizinische Genetik an der MedUni Wien und zählt zu den profiliertesten Wissenschaftlern Österreichs. Er ist auch stellvertretender Vorsitzender der Bioethik-Kommission.

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