Sibylle Berg: "Geld ist der Religionsersatz der Menschen"

Autorin Sibylle Berg

Die deutsch-schweizerische Autorin Sibylle Berg erklärt, warum sie fast ausschließlich Geld für gute Nahrung und reizende italienische Hotels ausgibt.

In der Reihe "Sprechen Sie Wirtschaft" sprach trend-Kulturchefin Michaela Knapp mit der gefierten Autorin Sibylle Berg übers Geld. Was tun damit? "Ausgeben!"

trend: Als schonungslos sarkastische Autorin hat man Sie bereits als „Kassandra des Klamaukzeitalters“ wie als „Hasspredigerin der Singlegesellschaft“ bezeichnet, die ihre Protagonisten mit unerfüllbaren Sehnsüchten ausgestattet, durch komplizierte Beziehungen jagt und an Selbstoptimierung und Neoliberalismus scheitern lässt. Wie gut sprechen Sie selbst Wirtschaft?
Sibylle Berg: Ich verstehe Wirtschaft theoretisch nicht schlecht, sie interessiert mich auch, denn alles da draußen, außerhalb meiner Wohnung basiert auf wirtschaftlichen Entscheidungen. Kriege und das Ruinieren der Welt, um mal zwei Beispiele für die überragende Intelligenz des Menschen zu nehmen.

Lesen Sie auch die Wirtschaftsseiten? Und was ärgert Sie als ehemalige Politikwissenschaftlerin am momentanen Wirtschaftssystem?
Berg: Ja, ich lese die. Es macht mich ratlos, dass der Menschheit noch kein neues Wirtschaftssystem außer dem sich beschleunigenden kapitalistischen Neoliberalismus eingefallen ist. Die sollten mich mal ranlassen. Innerhalb kürzester Zeit hätte ich als Weltchefin ein wunderbar reguliertes System erfunden. Da mich keiner fragt, schreibe ich mal weiter kassandrische Theaterstücke.

Sie leben in der Schweiz, finanztechnisch die Insel der Seligen?
Berg: Ein eindeutiges Ja. Wohlstand und die Art des scheinbar transparenten demokratischen Systems hier schleifen die schrillen Spitzen der Gesellschaft ein wenig ab. Die Menschen sind in der Schweiz nicht besser als anderswo, aber leiser und zufriedener. Noch.

Was haben Sie selbst im Umgang mit Geld von zu Hause mitbekommen?
Berg: Überhaupt nichts. Geld fand als Größe nicht statt. Viele Mahnungen später musste ich begreifen, dass Geld der Religionsersatz der meisten Menschen der ohnehin wohlhabenderen Länder geworden ist.


Ich werde arbeiten müssen und wollen, bis ich umfalle.

Was würden Sie auch für viel Geld nicht machen?
Berg: Ich mache sehr viel für Geld nicht. Arbeiten, die mich nicht sehr interessieren, zum Beispiel. Sehr oft aber lehne ich wunderbare Stück- oder Buch- oder Vortragsjobs ab, weil die Lebenszeit eine sehr begrenzte Angelegenheit ist.

Ist finanzielle Vorsorge ein Thema für Sie oder gehen Sie lieber auf Risiko?
Berg: Ich bezweifle, dass es so etwas wie Sicherheit gibt. Das widerspricht dem Konzept Leben. Ich werde arbeiten müssen und wollen, bis ich umfalle.

Was ist heute noch ein gutes Investment?
Berg: Es richtig krachen lassen. Wenn man wegfahren will, sollte man es tun, wenn man jeden Tag essen gehen will, dito. Vielleicht geht morgen die Welt unter oder die Nazis kommen. Oh hoppla, die sind ja schon da.

Macht Geld Männer sexy?
Berg: Männer werden ausschließlich durch lange Haare sexy. Oder wenn sie brillante Wissenschaftler oder Hacker sind. Aber mit langen Haaren.


Wenn ich Geld habe, gebe ich es aus.

„Kaufe nix, ficke niemanden“ steht bei Ihrem Twitter-Account. Wofür geben Sie persönlich gerne Geld aus?
Berg: Wie schon gesagt. Ich gehe davon aus, dass ich morgen tot sein kann, und wenn ich Geld habe, gebe ich es aus. Fast ausschließlich für gute Nahrung und reizende italienische Hotels.

Was war das Verrückteste, das Sie sich je gegönnt haben?
Berg: Das verschmilzt wieder mit meiner „Gleich sind wir weg“-Haltung. Aber was ich mir immer wieder an Schwachsinn gönne, ist, abzuhauen. Ich lasse Flüge verfallen, fahre mit Taxen tausend Kilometer, verlasse Hotels, die mir nicht gefallen. Die Freude, einer unangenehmen Situation entkommen zu sein, ist jedes Geld wert.

Was ist ein gutes Einkommen?
Berg: Wenn man keine Angst vor Rechnungen haben muss. Wenn man gut essen kann. Keinen Hunger hat, warmes Wasser, eine Badewanne an einem Ort, an dem man gerne ist.

Kann man mit Arbeit heute noch reich werden? Konnte man das irgendwann?
Berg: Ich glaube, reich wird man durch Erbschaft, verhaltensauffällige Gier, eine Portion IT-Genie, Egoismus. Reich heute bedeutet, mindestens zehn Millionen zu haben, ohne dass es einem peinlich ist, mehr Geld zu besitzen, als man jemals ausgeben kann.

Wären Sie gerne reicher?
Berg: Neulich waren in irgendeiner Lotterie 140 Millionen zu gewinnen. Ich habe mir vorgestellt, was ich damit anfinge. Mal nach Hawaii fahren (erste Klasse, weil es so weit ist), dann vielleicht eine Wohnung in Zürich kaufen. Am Ende meiner Vorstellung saß ich dann in der gekauften Wohnung und machte dasselbe wie immer – also – nein.


Zur Person

Sibylle Berg , 55 Die deutsch-schweizerische Autorin zeigt in ihren Romanen wie Kolumnen, wie man den Zustand unserer Gesellschaft gnadenlos wie humorvoll auf den Punkt bringt. In Österreich brachte sie zuletzt im Wiener Rabenhof ihren theatralen Amoklauf „Viel gut essen“ gemeinsam mit der Band Kreisky auf die Bühne.

Sibylle Berg auf Twitter


Das Interview ist der trend-Ausgabe 39/2017 vom 29. September 2017 entnommen.

WOMAN Day

Handel & Dienstleistung

WOMAN Day: Jetzt Gutscheine aufs Handy holen und bis zu 530 Prozent sparen

Interview

Stil

Andreas Vitasek: "Ich bin nicht paranoid, ich bin austrophob"

Stil

trend Editor's Dinner 2018: Ein Fest der Wirtschaft