Peter Klien und die Rache des kleinen Mannes

Satire- und Comedy-Reporter Peter Klien

Satire-Reporter Peter Klien.

Mit seriösem Auftritt und Fragen, die sich sonst keiner zu stellen traut, ist Satire-Reporter Peter Klien mediale Kultfigur der Stunde, vom Publikum geliebt, von Politikern gefürchtet. Ein Gespräch über harte Fragen und guten Schmäh.

"Enorm viel los derzeit", entschuldigt sich Peter Klien für die kurze Verspätung beim Interview und setzt gleich verschmitzt nach: "Eh gut so, das kann auch ja bald wieder vorbei sein." Aktuell jedenfalls ist der 47-jährige Comedy-Autor mit dem extrem sprachorientierten Humor als "Außenreporter" für die ORF-Late-Night-Show "Willkommen Österreich" die neue Kultfigur der Medien. Von Politikern gefürchtet, vom Publikum geliebt. Immer im dunklen Anzug, topseriös und mit todernstem Gesicht stellt er unverschämte Fragen wie etwa jene zum Abschied des niederösterreichischen Landeshauptmanns: "Herr Pröll, wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückblicken: Was war für Sie persönlich wichtiger, Bürgernähe oder Bürgerinnennähe?"

Die Interviews des Satire-Reporters werden auf YouTube massenhaft geklickt, auf Facebook gelikt, online kommentiert und gerne auch im Print zitiert. Nachdem Klien im Wahlkampf mit dem Mikro als "bestem Freund und Waffe", einem Bestätigungsschreiben vom ORF und Presseausweis von Termin zu Termin hetzte, folgte das Solokabarett "Reporter ohne Grenzen".

"Der Erfolg kommt ja nicht aus dem Nichts", relativiert Klien den momentanen Hype um seine Person, "aber dass ich sieben Jahre darauf hingearbeitet habe, sieht ja keiner." Die Qualität, absichtlich blöde Fragen zu stellen, hätte er schon in der Schule gehabt und sich bereits im Alter von acht Jahren einen Komiker-Ausweis gebastelt. Immer ein bisschen zerrissen zwischen seinem ernsten und seinem lustigen Pol hat Klien zwar eine Schauspielschule absolviert, aber sich dann doch für ein Studium der Philosophie und Altgriechisch entschieden. Drei Kabarettprogramme hat er nebenher gemacht, ehe das Talent zum Beruf wurde. 2012 wurde Klien dann als Gagschreiber für "Willkommen Österreich" entdeckt, 2016 dann zum ersten Außeneinsatz geschickt.


"Nach oben treten, sich mit den Mächtigen anlegen"

Von seinem Brotberuf als Pressesprecher des Bibliothekenverbundes ist Peter Klien mittlerweile karenziert. An der Uni, wo er alle zwei Semester Vorlesungen über griechische Philosophie hält, tragen sich bereits die Groupies ein. trend-Kulturchefin Michaela Knapp sprach mit Klien über seine Arbeit und Begegnungen mit österreichischen Politikern .

trend: Ist Wahlsonntag Ihr Lieblingssonntag?
Peter Klien: Der Wahlsonntag ist vor allem ein Großkampftag. Mein Kerngebiet sozusagen. Und er hat durch die Bundespräsidentenwahl im Vorjahr schon nostalgische Tradition für mich. Ich glaube, ich war letztes Jahr der einzige, der sich gefreut hat, dass er dreimal antreten hat dürfen. Aber es herrscht schon eine spezielle Atmosphäre, wenn die ganze Spitzenpolitik in den Pressezentren zusammenkommt. Ein Feiertag der Innenpolitik.

Haben Sie sich für Veränderung entschieden? Sind Sie ein Wechsel-Wähler? Und wem glauben Sie eher: den Umfragen oder der Wahl? Am 15. Oktober 2017 war Nationalratswahl in Österreich. Willkommen Österreich, Folge 369, 17. Oktober 2017, ORFeins

Mittlerweile sind Sie aber trotz ORF-Mikro und seriösem Aussehen als Satire-Reporter bekannt. Verschiebt das die Arbeitsweise?
Klien: Das hat großen Einfluss, auf den ich mich einstellen muss. Mittlerweile erkennen mich ja tatsächlich fast alle Politiker. Damit verschiebt sich auch die Humorebene. Dieses aus dem Hinterhalt rausfeuern als unscheinbarer "ZiB 13"-Journalist der dritten Reihe, den sie einmal rausgeschickt haben und der dann die ärgsten Fragen stellt - also das ursprüngliche Szenario der Figur -, ist weg. Jetzt steht die Interaktion im Vordergrund. Früher hat eine blöde Frage genügt, um für Wirbel zu sorgen. Jetzt muss man das Thema weiterspinnen. Zugleich haben jetzt auch die Politiker, die Möglichkeit, sich humorvoll zu zeigen. Das macht die Sache nicht weniger reizvoll.

Sie sind mittlerweile auch ein gefürchteter Mann...
Klien: Teilweise sicher. Andere freuen sich über die Konfrontation. Die, die sich zutrauen, damit zurechtzukommen, sehen das als Chance.

Zum ersten Mal in der Geschichte Österreichs steht weder ein SPÖler noch ein ÖVPler noch ein Habsburger an der Spitze des Staates. Auch keiner mit Vornamen Adolf. Also sind alle gekommen - vom Bundeskanzler aufwärts, bis hin zu Militär und den Tiroler Schützen. Welch ein Feiertag! Und uns wird klar: Gott schütze Österreich! Denn das Bundesheer wird es nicht können. Willkommen Österreich, Folge 345, 31.1.2017, ORFeins

Die Kurz'sche Furcht, mit Ihnen zu reden, ist ja mittlerweile zum Running Gag geworden.
Klien: Der bleibt mir in jedem Fall, egal, in welcher Position. Ich werde mich weiter ehrlich um ein Gespräch mit ihm bemühen. Der Drang dazu ist zu groß. In letzter Konsequenz wahrscheinlich auch bei ihm.

Welche Regierungsvariante würden Sie denn für Ihre Arbeit favorisieren?
Klien: Das ist mir vollkommen egal, meine Arbeit orientiert sich an den Schwächen von Parteien und Personen. Wie das Humor und Satire immer machen.

Aber man hat doch seine Lieblingstypen?
Klien: Ich tue mir mit zwei Arten am leichtesten: jenen, die gar nicht mit mir reden wollen, und jenen, die einen guten Schmäh haben. Also Robert Lugar und Sebastian Kurz bleiben interessante Gesprächspartner. Aber auch Christian Kern und Johanna Mikl-Leitner, auch Manfred Haimbuchner ist ganz lustig, einer der einen guten Wirtshaus- Schmäh hat, genauso wie Wiens Bürgermeister Häupl. Genau darüber werde ich in meinem Programm erzählen. Und von den Reaktionen, wenn die Kamera aus ist. Die Pressesprecher der Grünen haben zum Beispiel die Frage an ihre damals Noch-Parteichefin Eva Glawischnig, "ob nicht doch alles besser gelaufen wäre, wenn sie als Schülerin FPÖ-Generalsekretär Herbert Kickl geküsst hätte?" als extrem sexistisch empfunden.

Die ÖVP ist jetzt türkis vor Glück. Ein bisschen Bewegung schadet niemandem. Und die Liste Kurz spricht alle Fans per Du an. Der IKEA der österreichischen Innenpolitik. Die neue Volkspartei ist offen für dich. Aber ist Sebastian auch offen für mich? Willkommen Österreich, Folge 366, 26. September 2017, ORFeins

Wie ist das Gesprächsklima mit H.-C. Strache?
Klien: Ich habe das Gefühl, Strache mag meine Arbeit, amüsiert sich bei den Beiträgen und bringt sich gerne ein. Von der Comedy-Ebene her ist auch Peter Pilz eine unglaubliche Bereicherung. Der Mann ist Inszenierung pur. Der verkauft sich ständig. Im Ernsthaften wie im Komischen. Er macht alles aus einer kurzen Überlegung heraus, aus einer spontanen Energie fließt der Schmäh als auch die Anklage. Er ist extrem schlagfertig und schnell im Kopf. Matthias Strolz wiederum will gern lustig sein, aber es gelingt ihm nicht immer. Er konzentriert sich zu sehr auf den Witz.

Bei wem haben Sie sich, bei aller Menschenkenntnis, am meisten getäuscht?
Klien: Ganz klar bei der niederösterreichischen Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner. So wie sie als strenge, peitschenschwingende, schmallippige Innenministerin einst rübergekommen ist, habe ich mich daher mit meiner ersten Frage gleich weit aus dem Fenster gelehnt: "Was viele gar nicht wussten, Sie gelten ja privat als äußerst sympathisch?" Aber sie hat immer souverän gekontert.

Die Stärke Ihrer Reporter-Figur ist die Durchschnittlichkeit. Ein hart erarbeiteter Look?
Klien: Ich bin Bibliothekar, Philosoph und Altphilologe. Sag einmal so einem Typen, er soll sich fesch anziehen. So viel zur Erschaffung der Kunstfigur. Aber das ist natürlich eine Rolle. Der Typ macht dann, was er will und entzieht sich meiner Steuerung. Der interessiert sich halt für gewisse Dinge, und ich muss ihm folgen. Ich stehe bei den Interviews oft vor der Frage, ob ich ein Chaos auslösen soll, um die Anarchie auch ins Geschehen zu bringen und nicht nur in die Frage. Wenn ich das als motiviert empfinde, mache ich es auch.

Charles und Camilla waren in Wien. Es ist fantastisch, ist es nicht? Laut britischem Königshaus wollen sie Europa besuchen, um die guten Beziehungen zu festigen. Ich versteh den Sinn dieser Reise nicht ganz. Wenn Charles und Camilla kommen, freut sich doch jeder über den Brexit. Aber ich glaub, ich weiß, wieso sie heuer kommen. In zwei Jahren werden sie ein Visum brauchen! Willkommen Österreich, Folge 354, 11. April 2017, ORFeins

Wie schwer erarbeitet ist es, dass jede Frage so locker daherkommt?
Klien: Die Vorbereitung ist total wichtig. Das betrifft zwei Aspekte: die politisch inhaltliche Ebene, dass man genau Bescheid weiß über Personen und Themen, die gerade diskutiert werden. Mein Medienkonsum ist also exzessiv. Das andere sind gut ausformulierte Fragen, die am Punkt sind. Dafür verwende ich viel Mühe. Lustige Formulierungen schreibe ich auf. So wächst mein Fragen- und Gag-Vorrat für den Einsatz. In der Situation selbst gilt es dann, spontan zu sein. Und darauf stelle mich schon ein paar Tage innerlich ein. Die Fokussierung ist extrem wichtig und folgt gewissen Ritualen, dass ich etwa am Tag vorher möglichst wenig unternehme. Körperlich bin ich nicht in Shape, aber geistig bin ich ganz gut in Form. Auch ausgiebiger Schlaf gehört zur Vorbereitung, damit man vor der Kamera wirklich ausgeschlafen reagieren kann.

Wie viel Anteil haben Social Media an Ihrem Erfolg?
Klien: Man darf auch den Einfluss des viel beschimpften ORF nicht unterschätzen. Tatsache ist, wenn etwas im Fernsehen läuft, bekommt das eine enorme Öffentlichkeit, die man allein über Facebook nicht erreichen würde. Aber natürlich ist das Netz ein unglaublicher Multiplikator.

Blöde Fragen sind Ihr Geschäft. Wie weit geht man für einen guten Gag? Schon sehr weit.
Klien: Aber ich möchte niemanden verletzen, sondern hart sein. Die Frage an Erwin Pröll etwa war hart.

War das ihre bisher härteste Frage?
Klien: Ich denke schon. Es gab auch beim Opernball einige sehr dreiste Fragen am roten Teppich, etwa an Dominic Heinzl, aber auch der hat ja in seiner Reporterzeit niemanden geschont.

Nach Dresden, New York, Graz und Kuala Lumpur hat nun also auch Wien seinen Opernball. Viele Menschen hier sind so aufgeregt, dass sie um ein Haar ihre Langeweile vergessen hätten. Und tatsächlich gibt es spannende Dinge zu entdecken. Denn: Wo gehobelt wird, da fallen Trüffel! Willkommen Österreich, Folge 349, 28.2.2017, ORFeins

Wie wichtig ist es, dass das "Opfer" auf Augenhöhe ist?
Klien: Es ist besser, nach oben zu treten. Sich mit den Mächtigen anzulegen, ist Ziel meiner Einsätze. An Politik und Society will man sich manchmal auch ein bisschen rächen, die nerven einen auch genug. Das ist wohl auch Teil des Erfolgs dieses Formats. Das ist die Rache des kleinen Mannes. Wenn man einmal den Spieß umdrehen kann.

Darf Satire alles?
Klien: Dort, wo es gefährlich wird, wird es ja erst interessant. Vermintes Gelände bringt Bomben zum Explodieren. Und Bomben wollen die Leute sehen. Das ist schon auch mein Geschäft, dass ich Grenzen auslote und da und dort übertrete. Was ich ablehne, ist, nur um der Provokation willen zu provozieren. Österreich ist so konzipiert, dass man alle Leute spätestens im nächsten Monat wieder trifft. Dass heißt, jede Grenzüberschreitung muss gut überlegt sein. Sonst hat man nirgendwo mehr Zutritt.

Wie geht der ORF mit Ihren Grenzüberschreitungen um?
Klien: Es wird jede Sendung abgenommen, weil ja auch der ORF gerade stehen muss. Das ist angenehm, deswegen füge ich mich. Es gibt aber so gut wie keine politische Einmischung. Da haben wir in diesem Fenster "Willkommen Österreich" schon so etwas wie Narrenfreiheit. Die Sendungsverantwortlichen des ORF haben erst einmal eine Frage gestrichen. Welche, verrate ich in meinem Programm.

Haben Sie so etwas wie eine Mission, etwa, die Mechanismen der Medienberichterstattung zu konterkarieren oder junge Menschen wieder zu politisieren?
Klien: Ich trage natürlich mit dem Format nicht zur seriösen Politisierung bei. Aber im Moment ist das Interesse ja ohnehin groß, wo die österreichische Innenpolitik das zweite Jahr in Folge spannender als Netflix ist. Ernsthafte ideologische Diskussionen werden natürlich schon lange keine mehr geführt. Es geht in der Mediengesellschaft immer um Fernsehgesichter. Ich sprenge diese Inszenierungen. Das hat hoffentlich konterkarierende Funktion.

Die Satireszene ist mittlerweile ein weites Land, gibt es Vorbilder?
Klien: Es gibt viele gute Einflüsse, aber Harald Schmidt ist mein Gott. Seinen Zugang finde ich faszinierend: hochintelligent, staubtrocken, zynisch und knallhart.

Werden Sie von Freundin und Familie auch schon als Kultfigur gefeiert?
Klien: Zu Hause sind alle froh, wenn ich mich unauffällig benehme.


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 43/2017 vom 27. Oktober 2017 entnommen.

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