Moosige Zeiten: Grünes Design für urbanen Wohnraum

Moosige Zeiten: Grünes Design für urbanen Wohnraum

Biophile Ideen sprießen: Vertikale Wandbepflanzungen oder Trennwände aus präpariertem Moos zaubern Grün in die Wohnung und verbessern ohne großen Pflegeaufwand das Raumklima.

Jetzt heißt es nicht mehr nur "Raus ins Grüne!", sondern auch "Grünes rein!": Biophiles Design ist der Trend dazu, und er trumpft auf mit Pilzlampen, Moosbildern oder vertikalen Indoor-Gärten.

In einem Punkt kann man sich ziemlich sicher sein: Wenn das schwedische Einrichtungshaus Ikea auf einen Design-Zug aufspringt, dann ist der dahinterstehende Trend im Mainstream und Billigsegment angekommen. Eine neue Produktserie, an der sich das ablesen lässt, hört auf den Namen "Krydda/Växer". Dabei handelt es sich um ein System kleiner Gemüseanbausets mitsamt Beleuchtung und Samenauswahl. Statt in Erde wachsen Kräuter und Salate darin nach dem Hydrokultur-Prinzip. Und zwar in der Wohnung. Zielpublikum: Städter ohne Balkon und Terrasse.

Hinter der Entwicklung dieser Anzuchtsets, für die Ikea Produktdesigner und Agrarwissenschaftler zusammengespannt hat, steht ein großer Trend. Man kann ihn "Biophilie" oder "biophiles Design" nennen, aber egal, wie man ihn nennt, es geht dabei immer um die Schaffung eines neuen Bezugs zu Natur und Lebensmittelproduktion, um schonenden Umgang mit Ressourcen und um die Steigerung der Lebensqualität all jener Abermillionen, die in immer ausufernderen Großstädten mit immer weniger Naturnähe leben. Den Begriff "Biophilie", also Liebe zu allem Lebendigen, führte der berühmte US-deutsche Analytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm schon Mitte der 1960er-Jahre ein. Erst seit wenigen Jahren etabliert er sich allerdings als Bezeichnung für ein gesellschaftliches Phänomen.

Der österreichische Biologe und Autor Clemens G. Arvay ist einer der bekanntesten Fürsprecher des inzwischen gut erforschten "Biophilia-Effekts", zugleich auch Titel eines Arvay-Bestsellers aus dem Jahr 2015. Dieser besagt: Naturkontakt ist im Menschen angelegt und hält ihn gesund. Fehlt er, werden Körper und Psyche krank. Stellt man ihn wieder her, trägt das nachhaltig zu Heilung und Wohlbefinden bei. Dasselbe gilt für die Gesellschaft als Ganzes. Die wissenschaftlichen Nachweise aus den verschiedensten Forschungsgebieten von Biologie über Medizin und Psychologie bis zu den Sozialwissenschaften, auf die Arvay sich in seinen Büchern ebenso wie auf eigene Forschungen bezieht, mehren sich.

In seinem neuen Buch "Biophilia in der Stadt", das Mitte Mai erscheint, schreibt Arvay: "In der biophilen Stadt der Zukunft werden die Grenzen zwischen drinnen und draußen verschwimmen. Hausfassaden werden von vertikalen Gärten bewachsen sein. Natürliche Baumaterialien werden in der Stadt eine Renaissance erleben. Der Ökolandbau wird in den Metropolen der Zukunft ein Refugium finden."

Mitten im Grünen

Schon jetzt arbeiten viele Designer, Architekten, Techniker, Biologen und Erfinder emsig an Raumgestaltungen und Produkten, die Freude am Design mit Naturnähe und Umweltbewusstsein verbinden. Die neue Devise lautet nicht mehr nur "Raus ins Grüne!", sondern ebenso sehr "Grünes rein!". Die Resultate sollen nicht nur chic ausschauen und Spaß machen, sondern im Idealfall auch noch ökologisch wertvoll sein und einen Mehrwert haben.

Seinen Niederschlag im aktuellen Design hat das längst gefunden: Da holen Bilder und Trennwände aus präparierten Islandmoos-Kugelpostern echtes Grün in die Wohnung, ohne dass irgendein Pflegeaufwand entstünde, und sorgen gleichzeitig für angenehmere Akustik. Da zaubern vertikale Wandbepflanzungen üppiges Farnlaub auf Hausfassaden, Terrassenwände oder in Einkaufscenter, Büros und Hotelhallen, wobei die senkrechten Echtpflanzenflächen en passant auch gleich noch das Raumklima verbessern oder Sichtschutz bieten.

Bei anderen biophilen Designideen steht die Nachhaltigkeit der Werkstoffe im Vordergrund. Paradebeispiel: die vielfach preisgekrönte Austernpilzlampe MYX des dänischen Designers Jonas Edvard (siehe Slideshow). Sie setzt auf Pilzmyzel, das sich auf einer Basis aus wiederverwerteten Hanffasern "zu einem flexiblen, weichen, lebenden Textilmaterial" entwickelt, das im Lauf von zwei, drei Wochen zur gewünschten Lampenform heranwächst. Sogar die Austernpilze selbst können im Zuge der Lampenentstehung geerntet werden. Danach werden die Schirme durch Trocknung haltbar gemacht. Fertig ist das komplett recyclingfähige Designerstück! "Das neue Industrial Design muss eine nachhaltige Entwicklung unterstützen, indem es Materialien nutzt, die schon vorhanden sind", ist Edvard überzeugt. Seine jüngste Entwicklung: Lampen und Sessel, gemacht aus einem Werkstoff aus getrockneten, pulverisierten und gepressten Meeresalgen.

Auch in Österreich sprießen biophile Ideen aus dem Boden. "Es ist mehr als ein Trend, eher eine Notwendigkeit", sagt dazu Erwin Teufel, Gründer des Wiener Start-ups Vitalion, "denn in Zukunft wird es in den Megacities ohne mehr Grün, ohne Vertical Farming und Urban Gardening nicht gehen." Und überhaupt: " Alles, was Grün in die Betonwüste bringt, ist auch vom Klima her wesentlich. Pflanzen haben in vielerlei Hinsicht einen riesigen Nutzen für uns."

Vitalion

Bei der biophilen Idee des Wiener Start-ups düngen die Ausscheidungen der Fische die Pflanzen.

Austernpilzlampe MYX

Der dänische Designer Jonas Edvard hat diese 100% biologische und nachhaltige Lampe entworfen.

Das gilt auch für Teufels "biophiles Kraftobjekt" namens Vitalion, das der IT-Techniker und Tauchsportler in den letzten Jahren entwickelt und im März auf den Markt gebracht hat: Der zwei mal zwei Meter große Raumteiler kombiniert ein 500-Liter-Aquarium, in dem sich Antennen-Harnischwelse und Schleierschwanz-Goldfische tummeln, mit einer beetartigen, von oben beleuchteten Wanne, in der Nutz- oder Zierpflanzen aquaponisch - sprich ohne Erde, nur in Wasser und Blähtonkugeln - gedeihen. Pflanzen und Fische existieren in dem Wasserkreislaufsystem in Symbiose: Die Ausscheidungen der Fische düngen die Pflanzen, deren Wurzeln wiederum das Wasser für die Fische filtern und mit Sauerstoff anreichern. "Ästhetik mit Mehrwert" nennt Teufel sein multifunktionales Designobjekt, das mit einer einzigen Pumpe auskommt und keine Elektronik verwendet.

Als "Schaufenster in den Mikrokosmos Natur" soll Vitalion in Büros, Gesundheitszentren oder Schulen den Kampf gegen trockene, abgestandene Luft, Feinstaubbelastung, Klimaanlagen-Mief, Stress und Demotivation antreten: "Das Aquaponik-System filtert, reinigt und befeuchtet die Luft, und je nachdem, welche Pflanzen man anbaut, kann man zusätzlich noch einen Geruchsteppich auslegen und Gemüse und Kräuter ernten." Das kommt gut an, auch wenn es nicht billig ist: Leasen kann man Vitalion ab 400 Euro im Monat. In der Kaufvariante kostet es rund 13.000 Euro. Dafür ist das Design an die Unternehmens-CI anpassbar. Das reicht vom eingefrästen Logo über 3D-Druckobjekte im Aquarium bis zur gewünschten Farbwahl des Rahmens.

Gemüse an der Wand

Dem Prinzip des ökologischen Kreislaufs fühlen sich auch zwei weitere biophile Designideen aus Österreich verpflichtet. Eine hört auf den Namen Herbert, kommt im Mai auf den Markt und ist "ein vertikales Gemüsebeet in Form eines Bilderrahmens, in dem man platzsparend an der Zimmerwand Gemüse züchten kann", erklärt Alexander Penzias vom Wiener Start-up Ponix Systems, das Herbert entwickelt und dafür zahllose Testreihen unternommen hat. Auch hier strecken die Kräuter- und Gemüsepflanzen ihre Wurzeln direkt in eine Nährlösung aus Wasser und Flüssigdünger. Halt gibt ihren Wurzeln ein biologisch abbaubarer Schwamm, den ursprünglich die NASA für Raumfahrtsanwendungen entwickelt hat. Auf solchen "Sponges" wachsen Gemüse und Kräuter in drei übereinander angeordneten horizontalen Modulen. Dahinter, hinter einer eleganten, wahlweise holz-, alu- oder weißplexifurnierten Frontverkleidung, versorgt ein Wasserkreislaufsystem mit Pumpe die Pflanzen. Eine starke LED- Lampe, die dem Sonnenlicht möglichst weit angeglichen und doch angenehm fürs Auge ist, lässt die Pflanzen sprießen.

Reguliert wird das Wandbeet, das man einfach ans Stromnetz ansteckt, per Steuereinheit und Knopfdruck. Die Ökobilanz dieses hydroponischen Indoor-Gemüsebaus ist ziemlich eindrucksvoll: 90 Prozent Wasserersparnis gegenüber herkömmlichem Anbau und bis zu 40 Prozent mehr Ertrag auf der derselben Fläche im selben Zeitraum. Anders ausgedrückt: Mit Herbert, der zwischen 400 und 500 Euro kostet, kann man zu Hause bis zu 90 Salatköpfe im Jahr ernten.

Eine weitere biophile Designidee made in Austria ist der Indoor-Biomüllkomposter Wurmkiste des oberösterreichischen BOKU-Absolventen David Witzeneder. Die Wurmkiste, schon seit Ende 2015 auf dem Markt, fungiert zugleich auch als gepolsterter, rollbarer Hocker. In ihr verarbeiten Hunderte Kompostwürmer Bioküchenabfall - geruchlos - zu feinster Komposterde und Flüssigdünger, während man oben gemütlich draufsitzt. Ein Objekt, sagt Witzeneder, "muss mindestens zwei Funktionen erfüllen". So ist es mit dem biophilen Design: Im Idealfall sind seine Hervorbringungen nachhaltig nützlich und optisch ansprechend.

Buchtipp

Biophilia

Die Natur ist das beste Mittel gegen Zivilisationsleiden wie Stress, Herz-Kreislaufprobleme und depressive Verstimmung. Im Wald stärken wir unser Immunsystem und unsere Organe bis zu den Zellen. Aber wie die heilende Kraft der Natur in der Stadt erleben? Waldbaden in der City? Clemens Arvay ist optimistisch. Der Biologe zeigt, wie und warum sich naturnah gestaltete Großstädte positiv auf die Gesundheit des Einzelnen und auf das gesamtgesellschaftliche Wohlbefinden auswirken. Die biophile Stadt der Zukunft besteht aus einem Netzwerk von Ökokorridoren, garantiert verbesserte Luftqualität und bietet Naturerfahrung für jeden. Mit Tipps, wie Stadtbewohner die Heilkraft der Natur schon jetzt effizient nutzen können.

Wirtschaft

Ankick für Österreichs Fußballklubs zum globalen Spiel

Stil

Zwei Wienerinnen gründen Start-up für Online-Geburtsvorbereitung

Wirtschaft

"Wer drittklassige Manager beschäftigt, darf sich nicht wundern, zu scheitern"