Mark Benecke: Leichen sind sein Geschäft

Kriminalbiologe Mark Benecke

Kriminalbiologe Mark Benecke

Mark Benecke ist Kriminalbiologe von Weltruf und versteht es, sein Fachwissen populär zu verkaufen. Jetzt kommt er für zwei seiner Infotainment-Abende nach Wien. Im Gespräch erklärt er, warum der Tod ein gesunder Prozess ist und Maden ziemlich cool sind.

Er ist beste Verkörperung dessen, was er in seinen Vorträgen vermitteln will: Man soll nicht nach dem ersten äußerlichen Anschein gehen. Mit 111 Tattoos von den Schultern bis zu den Fingerspitzen, kahlem Schädel und Ring im Ohr wirkt der immer in Schwarz gewandete 47-Jährige nicht wie ein Ausbilder an internationalen Polizeischulen und weltweit gefragter Sachverständiger. Mark Benecke ist Kriminalbiologe und seit mehr als 25 Jahren Deutschlands einziger vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren. Spezialisiert hat er sich auf die Entomologie. Das heißt, er untersucht Kriminalfälle mithilfe von Insekten, die Leichen besiedeln, demnach auch sein Spitzname "Dr. Made".

Studiert hat er zunächst Biologie, Zoologie und Psychologie, bevor er verschiedene ermittlungstechnische Ausbildungen, darunter an der FBI Academy, durchlief. Mittlerweile versteht es Benecke auch, sein Fachwissen in eigenen Shows interessierten Laien zu vermitteln. Mit makaberem Humor gewährt er da Einblick in seine Arbeit und wird dafür gefeiert wie ein Popstar. Fast drei Stunden referiert der Schnellredner darüber, wie Maden und Fliegen einen Mörder überführen können, vergleicht das Austrocknen eines Toten in einer Wohnung mit der Herstellung eines Schinkens oder zeigt die Verwesungsstadien eines menschlichen Kopfes in Zeitraffer.

"Der Tod ist nicht das Ende, danach passiert noch ganz, ganz viel mit Ihnen. Sie werden auf jeden Fall nicht allein sein", tröstet Benecke dabei seine Zuhörer mit morbidem Charme. Der Kriminalbiologe wird weltweit zu Kriminalfällen berufen und hat in Zusammenarbeit mit dem FSB, dem Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation, in Moskau auch Adolf Hitlers Schädel untersucht. Hitler stammt demnach von einer Linie nordafrikanischer Juden ab. Er hatte grauenhaften Mundgeruch und sein rasanter körperlicher Verfall war Crystal Meth geschuldet, kann man dazu noch bei einem der zwei Abende von Mark Benecke im Wiener Rabenhof erfahren (6. und 8.6., 19.30 Uhr).



INTERVIEW

"Der Tod ist ein vernünftiger, gesunder und sinnvoller Prozess."

trend: Welche Affinität haben Sie zu Wien, wo man den Tod nicht nur im Wienerlied hochleben lässt?
Mark Benecke: Ich verbinde eher leckeres veganes Essen und guten Kaffee mit der Stadt als den Tod. Der ist mir da noch nicht um die Nase geweht, eher so ein Hauch der Vergangenheit.

trend: "Ich muss im früher'n Leb'n eine Reblaus g'wesen sein" wäre doch ein Lied nach Ihrem Geschmack. Oder welche Musik hören Sie bei Ihrer Arbeit im Labor?
Benecke: Keine weinseligen Wienerlieder, eher Psytrance. Der herzschlagähnliche stampfende Charakter des Rhythmus trägt mich durch den ganzen Tag.

trend: Bei Ihren Vorträgen werden manchmal Katzenbilder eingeblendet, die zieren auch die Signatur Ihrer Mails. Tiere, die man bei Ihrer Vorliebe für Maden und Schaben da nicht vermuten würde. Kontrapunkt oder Provokation?
Benecke: Ein Spaß. Es gibt ja eine Facebook-Gruppe, die sich "die MARKierten" nennt, von meinem Vornamen Mark her. Die schicken einander Katzenvideos und spenden für Tierschutzprojekte als Zeichen des Friedens und der Freundlichkeit. Aber es lohnt sich, auch die merkwürdigen und ekeligen Lebewesen anzuschauen und zu verstehen. Wenn man jemanden besser kennt, hat man einen anderen Zugang. Das gilt auch für Insekten.

trend: Haben Sie da Lieblinge?
Benecke: Maden sind coole, informative und biologisch sinnvolle Lebewesen. Und sie helfen bei der Liegezeitbestimmung von Leichen. Ich mag aber auch Fauchschaben. Die leben bei mir als Haustiere und ich nehme sie auch zu meinen Vorträgen mit, um sie den Leuten zu zeigen. Eigentlich mag ich alle Insekten, denn sie sind großartige, teils uralte Konstruktionen. Ohne Aaskäfer, Schmeißfliegen und ähnliche Lebewesen würde die Welt innerhalb weniger Wochen zusammenbrechen, weil sie die Stoffe zerlegen und wieder verfügbar machen. Überflüssig sind nur wir Menschen. Sowohl von der Biomasse als auch von der Artenvielfalt her - der Mensch ist ein kleiner, guter Witz der Evolution.


Ausschließen - was übrig bleibt muss die Wahrheit sein.

trend: Sie verbinden in Ihrer Arbeit biologisches Wissen mit kriminalistischen Fakten, sind also "Herr der Tatsachen". Gibt das Sicherheit in Zeiten von Fake News?
Benecke: Ich danke für den Begriff "Herr der Tatsachen". Denn genau das hämmern wir - also mein Team und ich - den Leuten bei jeder Veranstaltung immer wieder ein: dass man Dinge prüfen kann. Und wie man das tut. Man muss durch Beweise das ausschließen, was nicht sein kann. Dann muss das, was übrig bleibt, die Wahrheit sein, so unwahrscheinlich sie auch klingen mag. Das ist Grundlage der naturwissenschaftlichen Kriminalistik.

trend: Man sagt, Sex habe sich durch die Internetpornografie verändert, sind wir auch bei Gewaltverbrechen brutaler geworden?
Benecke: Im Gegenteil. Gewaltverbrechen gehen sogar stark zurück in Zentraleuropa. Die Vorsorgeprogramme gegen Gewaltkriminalität sind da auch sehr gut.

trend: In Ihrer Forschung spielt die Technik eine große Rolle. Sind Sie Technik-Freak?
Benecke: Das Smartphone spart mir viel Zeit. Ich nutze es aber als reines Organisationstool. Anders wäre die Arbeitsdichte nicht möglich. In der Arbeit selbst liebe ich robuste Technik. Ich suche immer neue, noch präzisere Messgeräte, die aber nie digital sein dürfen, weil sie sonst zu schnell kaputtgehen. Mein Leica-Mikroskop ist komplett aus Metall ohne Elektronik, weil wir ja damit raus müssen. Auch wenn ich bei der Polizei oder dem FBI Vorträge habe, zeige ich immer die am wenigsten technische Methode, die man im echten Fall preiswert und schnell einsetzen kann.


Die Wahrheit ist eine eiskalte Geliebte. Aber auch sehr friedlich. Sie will nichts. Die ist einfach da.

trend: Sie haben permanent den Tod um sich. Grund, selbst gesünder zu leben? Nein. Weil der Tod etwas völlig Normales ist.
Benecke: Der Lebenskreislauf funktioniert ja nicht ohne Tod. Der Tod ist ein vernünftiger, gesunder und sinnvoller Prozess, solange man nicht durch Gewalt oder eine Straftat stirbt.

trend: "Jede Tat ist interessant, wenn der Wissensgewinn hilft, neue Taten zu verhindern", lautet ein Satz von Ihnen. Haben Sie so etwas wie eine Mission?
Benecke: Ich würde mich freuen, wenn meine Arbeit etwas bewirken würde, und habe auch den Eindruck, dass es so ist. Denn im Laufe der Jahre hatte ich auch viel Pflegepersonal und Sozialarbeiter bei öffentlichen Vorträgen, die vielleicht für ihre Arbeit im Krankenhaus und Hospiz eine neue Sicht finden. Nazi-Ankläger Fritz Bauer hat gesagt, wenn die Arbeit eine Sache nur eine Streichholzbreite voranbringt, hat es etwas gebracht. Ich glaube an diese Streichholzbreite. Wenn viele Leute ihre Streichhölzer aneinanderlegen, wird es eine Holzbrücke.

trend: Manchmal werden Sie zum Tatort gerufen, oft erst später hinzugezogen und Sie untersuchen historische Fälle. Bleibt es immer die gleiche Herausforderung?
Benecke: Alles ist interessant. Es geht um die kindlich unvoreingenommene Einstellung. In der Presse geht's um Aktualität. Bei uns gibt es den Begriff Aktualität eigentlich gar nicht. Eine Spur ist eine Spur, und wenn man sie einmal gut gesichert hat, kann man sie gut untersuchen. Egal ob zehn oder 100 Jahre später.

trend: Es heißt: Wer immer in den Abgrund blickt, wird selbst zu einem. Wie verarbeiten Sie das Grauen? Haben Sie sich eine Schutzschicht zugelegt wie viele im Polizeidienst?
Benecke: Polizisten müssen für das Gute kämpfen wollen, sonst könnten sie ihren Beruf nicht ausüben. Ich kämpfe für gar nichts, außer für die Wahrheit. Die Wahrheit ist eine eiskalte Geliebte. Aber auch sehr friedlich. Sie will nichts. Die ist einfach da. Das Problem mit Schutzschichten ist, dass sie abgehen können. Besser ist es, da gleich ohne Visier zu spielen. Man muss sich klarmachen, dass Mord und Totschlag nicht verschwinden werden von dieser Erde, weil man sich auch Neid, Gier, Hass und Ehebruch nicht wegwünschen kann. Die Welt ist, wie sie ist. Vor allem kein Glücksbärchenparadies.


Das Interview ist der trend-Ausgabe 22/2018 vom 1. Juni 2018 entnommen.

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