100 Jahre Republik: Bücher zum Jubiläumsjahr

Proklamation der Republik am 12. November 1918

Proklamation der Republik am 12. November 1918

Rund um den 100. Geburtstag der Republik leuchten Historiker, Ex-Politiker und Journalisten das Ende der Monarchie und den fragilen Staat, der aus ihr hervor ging, noch einmal von allen Seiten aus. Eine trend-Auswahl.

Während sich an diesem trüben Novembernachmittag die Politiker der verschiedenen Lager drinnen auf einen Text einigten, wurde draußen auf der Parlamentsrampe bereits ein Transparent "Hoch die sozialistische Republik!" entrollt. Als erstmals die rot-weiß-rote Flagge gehisst wurde, rissen die kommunistischen Roten Garden den weißen Streifen aus dem Stoff. Es fielen Schüsse. Auf der Rampe brachen Tumulte aus, die sich in der Masse panikartig fortpflanzten. Zwei Besucher, ein zwölfjähriger Bub und ein 40-jähriger Mann, starben.

Die Proklamation der "Republik Deutsch- Österreich" am 12. November 1918 war ein denkbar unfeierlicher Start in ein neues politisches Zeitalter. Und selbst die Angaben über die Menschenmenge auf der Ringstraße schwanken 100 Jahre danach noch enorm. Der Historiker Manfried Rauchensteiner, der in seinem neuen Werk "Unter Beobachtung" ein ganzes Jahrhundert destilliert, beruft sich auf zeitgenössische Schätzungen von 150.000 Teilnehmern. Alfred Pfoser und Andreas Weigl dagegen schreiben in "Die erste Stunde Null" von 300.000 bis 500.000.

Neben der Flut von Ausstellungen und Feierlichkeiten rund um das Republiksjubiläum fehlt es nicht an Buchangeboten für alle erdenklichen Bedürfnislagen. Die heimischen Verlage haben in den letzten Monaten große Analysen ebenso wie Detailstudien publiziert, die die "gescheiterte Republik", die "verzweifelte Republik" oder die "erkämpfte Republik" - so einige der programmatischen Titel - verständlicher machen sollen.

Zeitausschnitte

Wer eine bodennah-chronikale Nacherzählung der Ereignisse sucht, ist mit Edgard Haiders "Wien 1918" gut bedient. Der frühere ORF-Journalist greift vor allem auf Zeitungsquellen zurück. So wird das heillose Durcheinander der Ereignisse am Ende des Ersten Weltkriegs in der nunmehrigen Ex-Residenzstadt greifbar, vom Eintreffen des Deutschmeisterregiments am Matzleinsdorfer Frachtenbahnhof am 10. November 1918 bis zum eiligen Abmontieren der Geschäftsschilder durch die K.-u.-k.-Hoflieferanten.

Republik ohne Gegenwart

Der Name des Buchs ist Programm: Für den Politologen Anton Pelinka war die Erste Republik eine "Verlegenheitslösung", der es an einer positiven Vision fehlte. Begeisterung gab es nur entweder für die Vergangenheit der Monarchie oder für eine diffuse Zukunft, die 1938 konkrete Gestalt annehmen sollte.

ANTON PELINKA, DIE GESCHEITERTE REPUBLIK. KULTUR UND POLITIK IN ÖSTERREICH 1918- 1938. 334 Seiten, Böhlau, 30 Euro.

Pointen, um die Zeiten erträglich zu machen

Ex-ORF-Intendant Johannes Kunz zieht seine lockere Witz- und Karikatursammlung über hundert Jahre österreichischer Geschichte, von K.-u.-k.-Offizierspointen über fiktive Hitler- Goebbels-Dialoge bis hin zu Werner-Faymann-Witzen. Gute Beimischung zu den schwergewichtigen Analysen.

JOHANNES KUNZ, 100 JAHRE ÖSTERREICH. DIE POLITIK 1918-2018 IM SPIEGEL DES HUMORS. 256 Seiten, Amalthea, 25 Euro.

Während "Wien 1918" mit einer tristen Weihnachtskarte des Umbruchsjahres endet, konzentrieren sich praktisch alle anderen Neuerscheinungen auf längere Zeiträume. Die Spanne vom Ende der Monarchie bis zu den Genfer Protokollen 1922 haben sich etwa Walter Rauscher in "Die verzweifelte Republik" und Pfoser/Weigl vorgeknöpft. Letztere arbeiten nüchtern heraus, wie inmitten der Perspektivlosigkeit, unter der die junge Republik nach dem im Friedensvertrag von St. Germain 1919 auferlegten Anschlussverbot an Deutschland litt, dennoch erstaunliche politische Würfe gelangen, auf denen die Zweite Republik nach 1945 aufsetzen konnte: die Ausgestaltung des Föderalismus, die sozialpolitischen Errungenschaften -wie der zunächst nur provisorisch eingeführte Acht-Stunden-Tag -oder die Bundesverfassung des Jahres 1920.

Diese berühmte Verfassung, meint Anton Pelinka in "Die gescheiterte Republik", werde heute zu Unrecht ausschließlich mit dem Namen von Hans Kelsen verbunden; der Beitrag der damaligen Politiker zu dieser Lösung sei unterbelichtet. Und das ist nur eine der Präzisierungen, die der renommierte Politologe vornimmt. Er konzentriert sich ebenso wie der Historiker Lothar Höbelt, dessen Buch den sprechenden Untertitel "Das Provisorium" trägt, auf die Zeit zwischen den zwei Wendejahren 1918 und 1938.

Das Grunddilemma der Ersten Republik veranschaulicht Pelinka anhand der beiden Persönlichkeiten Stefan Zweig und Konrad Lorenz: Während der Schriftsteller bis zuletzt der "Welt von Gestern" nachtrauerte, diente sich der Verhaltensforscher frühzeitig den Machthabern an, denen er die Zukunft zutraute, den Nationalsozialisten. Ein positives Narrativ für die republikanische Gegenwart gab es dagegen nicht.

Höbelt merkt an, dass selbst die Begeisterung der Sozialdemokratie für die Staatsform Republik vom Anschlussgedanken geleitet gewesen sei. "Wir können den Anschluss an Deutschland, das eine Republik ist, nicht proklamieren, ohne selbst zu sagen, dass wir eine Republik sind", zitiert er den sozialdemokratischen Vordenker Otto Bauer aus einer Sitzung des Staatsrats vom 11. November.

Kaltstart

Was wird von dieser Bücherflut rund um den zweiten großen Ankerpunkt des Supergedenkjahrs 2018 hängenbleiben? Die Erfahrungen mit dem ersten Halbjahr, das im Zeichen der Erinnerung an den Anschluss an Nazi-Deutschland stand, sind ernüchternd.

Was im März 1938 geschehen sei, wollte das Meinungsforschungsinstitut OGM Anfang Juni von knapp 500 Österreichern wissen - da waren die TV-Festspiele rund um den Anschluss Österreichs und den Einmarsch der deutschen Truppen schon über die Bühne gegangen, André Heller, Michael Köhlmeier und Arik Brauer hatten bei unterschiedlichen Anlässen höchst bemerkenswerte Reden gehalten. Und doch konnte nur ein gutes Drittel der von OGM Befragten präzisieren, was der Ausgangspunkt für die Gedenkaktivitäten war. Schockierend waren die Werte bei den 16- bis 30-Jährigen: Zwei Drittel der Jungen gaben schlicht an, keine Ahnung zu haben, ein Teil tippte auf Ereignisse wie "Zweiter Weltkrieg". Nur 23 Prozent nannten die korrekte Antwort.

Umso wichtiger wäre es, dass ebenso wie an "1938" auch an "1918" über den Gedenkanlass hinaus beständig erinnert wird: Gerade in Zeiten, in denen die Demokratie selbst in Diskussion geraten ist, ist ein Blick auf die mühsamen Anfänge hilfreich.

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