"Egon Schiele - ein radikaler Gegenpol zu Klimt"

Egon Schiele: "Selbstbildnis mit Pfauenweste" (Ausschnitt), 1911, Gouache, Tempera, Aquarell und blaue Kreide auf Papier, auf Karton aufgezogen.

Egon Schiele: "Selbstbildnis mit Pfauenweste" (Ausschnitt), 1911, Gouache, Tempera, Aquarell und blaue Kreide auf Papier, auf Karton aufgezogen.

Mit einer umfangreichen Schau läutet die Wiener Albertina schon heuer das Schiele-Jahr 2018 ein. Museumsdirektor Klaus Albrecht Schröder im trend-Interview.

Anlässlich des 100. Todestages von Egon Schiele 2018 widmet die Albertina dem österreichischen Expressionisten, dem das Ablegen falscher Scham als Tabubruch zum ästhetischen Prinzip wurde, schon jetzt eine Schau mit 180 Gouachen und Zeichnungen.

Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder

trend: Bereits am 21. Februar haben Sie in der Albertina eine umfangreiche Egon-Schiele-Schau eröffnet. Ein Künstler, dessen Œuvre sich wie ein roter Faden durch Ihre Karriere zieht. Was hat sich in der Rezeption verändert?
Klaus Albrecht Schröder: Vollkommen neu in der jetzigen Ausstellung ist, dass Egon Schiele als Moralist gezeigt werden kann. Das ist der Verdienst des Schiele-Forschers Johann Thomas Ambrózy. Ihm ist es gelungen, zu beweisen, dass Schiele ein Anhänger der Spiritualen war. Die Spiritualen sind eine Bewegung der späten 1890er-Jahre, die dem asketischen Armutsideal des Franz von Assisi folgt. Ambrózy konnte die Beziehung Schieles zum franziskanischen Ideal darlegen und seinen mit Kutten bekleideten Gestalten einen völlig neuen Inhalt geben, nämlich der mönchischen Entsagung von Reichtum und Luxus. Damit wird Schiele inhaltlich zum radikalen Gegenpol von Gustav Klimt, der mit seiner Hymne auf das Gold Prunk und Reichtum einer vermögenden Gesellschaftsschicht in Wien um 1900 Ausdruck verliehen hat.

Egon Schiele: "Zwei kauernde Mädchen", 1911, Bleistift, Aquarell und Deckweiß auf Japanpapier, grundiert, 41,3 x 32 cm

trend: Nach der Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe bei Peter Altenberg oder Adolf Loos werden auch Schieles Körperwelten sensibler hinterfragt.
Schröder: Ein Aspekt, den ich sehr wichtig erachte. Dass hier eine Präferenz für sehr unreife Mädchen geherrscht hat, ist außer Frage. Wir haben aber nicht den geringsten Hinweis, dass Egon Schiele sich nur im entferntesten an einem dieser proletarischen Mädchen oder Buben vergangen hätte. Aber wir wissen auch, dass es nicht die Töchter vom Reininghaus waren, die ihm um einen Groschen Modell gestanden sind, sondern Waisenkinder aus den Vorstädten. Wir schauen auf diese Werke gespalten: Einerseits sind sie unglaublich emanzipatorisch, deklarieren die Entdeckung der frühkindlichen Sexualität, wie sie gleichzeitig Sigmund Freud entdeckt hat. Auf der anderen Seite ist es die Exponiertheit der Modelle, die jeden Betrachter zwingt, Stellung zu beziehen. Das sind existenzielle Fragen, die Schiele stellt. Und seinem Werk zu begegnen, heißt, sie für sich selbst beantworten zu müssen.

Egon Schiele: Sitzender weiblicher Akt mit aufgestützten Ellbogen, 1914, Bleistift, Deckfarben, auf Japanpapier, 48 x 32 cm

trend: Wie kann man Schiele heute noch präsentieren?
Schröder: Wir haben es mit Schiele nicht sehr schwer. Es gibt Kunst, die bedarf eines inszenatorischen Aufwandes, damit sie wieder relevant gemacht werden kann. Schiele ist so aktuell, dass ihn die meisten Menschen wie einen Künstler unserer Zeit anschauen und den Zeitsprung von 100 Jahren völlig vergessen. Wir werden daher in jedem Saal der Schau Fotografien aus der Zeit zeigen: Krumau um 1910, Neulengbach um 1912, Wien um 1914 . Denn wir vergessen, dass in dieser Zeit noch eine völlig andere Gesellschaft und Religiosität und ein anderer Schambegriff geherrscht haben als heute. Ich will das Gefälle zur Geschichte schmerzhaft spürbar machen. Wir sollten manchmal die historische Perspektive einnehmen, um die Radikalität des Neuen erkennen zu können.
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Egon Schiele: Alte Häuser in Krumau, 1914, Bleistift, Pinsel, Deckfarben auf Japanpapier, 32,5 x 48,5 cm

trend: Schieles Todestag jährt sich erst 2018 zum 100. Mal. Warum haben Sie die Ausstellung vorgezogen?
Schröder: Das liegt an meiner Persönlichkeit. Ich bin lieber der Erste als der Zweite. Ich habe auch eine persönliche Aversion gegen Jubiläen. Jubiläen sind Denkanstöße. Ich schätze es, wenn man immer denkt und nicht eines Anstoßes bedarf. Dazu kommt, dass wir 2018 Teile unserer Schiele-Kollektion in Boston, in Moskau und London zeigen.


Besucherhinweis - Egon Schiele

  • Termin: 22. Februar bis 18. Juni 2017
  • Museum: Albertina
  • Adresse: Albertinaplatz 1, 1010 Wien
  • Öffnungszeiten: Täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 10 bis 21 Uhr
  • Eintritt: Erwachsene 12,90 €; ermäßigt 5,50 €; StudentInnen bis 26 Jahre 8,50 €; SeniorInnen (65 und älter) 9,90 €
  • Tel: 01 / 534830
  • Website: albertina.at/schiele
  • Twitter: #AlbertinaSchiele

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