Daniel Richter: "Kunst muss Stress erzeugen"

Daniel Richter

Daniel Richter

Daniel Richter ist ein Superstar der neueren deutschen Malerei, seine Großformate werden zu Höchstpreisen gehandelt. Jetzt zeigt das 21er Haus die erste umfassende Werkschau des Künstlers in Österreich. Ein Interview über dichte Hängung, schlechte Bilder und gute Frisuren.

Ich kann ja nicht wirklich gut malen", streut Daniel Richter gleich zu Beginn ganz salopp ins Gespräch, auf die Entstehung seiner neuen Arbeiten angesprochen. Und macht seinem Ruf als smarter wie cleverer Provokateur alle Ehre. Immerhin zählt der 54-jährige Deutsche zu den prägendsten Malern seiner Generation. Für seine bunten wie wirkungsmächtigen Großformate zahlt man am Markt aktuell 300.000 Euro aufwärts. Richter hinterfragt die Möglichkeiten der Malerei immer aufs Neue und mischt mit seinen griffigen Aussagen zu Kunstmarkt und Weltgeschehen Diskurs wie Feuilleton auf. "Sprache ist die Butter, die ich auf meine Zunge schmiere und die dann Klumpen bildet", setzte er breit grinsend nach.

"Kunst muss Stress erzeugen", ist Richters Credo, das er seit 2006 auch als Professor an der Wiener Akademie der bildenden Künste lehrt. Aus der Hamburger Subkulturszene kommend, hat er Platten-und Plakatcover gestaltet und selbst erst im Alter von 30 Jahren, Anfang der 90er-Jahre, Malerei studiert. Nach frühen expressiv-abstrakten Arbeiten und überbordend narrativen Werken der 2000er-Jahre hat sich Richter 2015 wieder neu erfunden. Gegen die eigene Routine hat er das Material gewechselt, nach dem Pinsel zu Spachtel und Ölkreide gegriffen. Entstanden sind Kompositionen aus verkeilten Formen zwischen territorialen Konflikten und körperlichen Penetrationen, abstrakt wie figürlich. Richter-gemäß den Rahmen sprengend. Mit der Ausstellung "Lonely Old Slogans" zeigt das 21er Haus nun erstmals eine Werkschau des Künstlers in Österreich.

trend: In Wien ist nun jene Schau zu sehen, die schon im Louisiana Museum präsentiert wurde. Eine Übersichtsshow über die ersten 20 Jahre Ihrer Arbeit. Wie fühlt sich die Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk an?
Richter: Es ist, nüchtern gesagt, ganz interessant für mich, selber zu sehen, was ich so getrieben habe, weil ich einiges davon schon vergessen habe. Wenn ich mich an frühe Arbeiten erinnern will, muss ich immer in Katalogen suchen. Ich kann mich an die Beweggründe erinnern, deretwegen ich mich entschlossen habe, eine bestimmte Werkgruppe anzufangen, nicht aber an die Bilder selber.

trend: Bringt sich bei der Auswahl nicht auch der Kurator ein?
Richter: Kuratoren sind hilfreiche Schmiermittel für den Künstler, sich über seine eigene Arbeit klar zu werden. Aber so eine Auswahl ist ja auch limitiert durch ganz banale Dinge wie Leihgeber, Versicherungssummen und die inhaltliche Ausrichtung. Ich wollte damit einigermaßen schlüssig die Änderung im Werk und die Dialektik der Gruppen untereinander zeigen. Das hat zu meiner eigenen Überraschung gut funktioniert.

trend: Überfrachtung ist ein Thema Ihrer Arbeit. Setzen Sie auch bei der Hängung darauf?
Daniel Richter: Ja, ich bin für dicht und viel hängen. So gibt man den Leuten auch immer ein hilfreiches Argument in die Hand. Wenn ihnen die Ausstellung nicht gefällt, müssen sie einfach nur sagen: "Es war sehr dicht gehängt. Ein bisschen viel." Damit ist die Auseinandersetzung dann erledigt.

Daniel Richter, Tuanus (2000)

trend: Am Kunstmarkt ist mal Bling-Bling-Kunst angesagt, dann geht es wieder mehr um soziale Anliegen. Wie kann man sich als Maler politisch verorten? Muss man das überhaupt?
Richter: Nur sterben muss man, pflegte meine Oma zu sagen. Die Kunst in unserer Gesellschaft erfüllt eine andere Funktion als Kunst in der russischen Gesellschaft, die wiederum eine andere Funktion hat als Kunst im Südsudan. In all diesen Gesellschaften würde ähnliche Kunst unter völlig veränderten Bedingungen rezipiert: unter anderen Vorstellungen von Repression, Religiosität, Geschlecht und Gesellschaft. Die Frage stellt sich also überall unterschiedlich. Kunst darf alles. Wenn jemand hier sehr gut Blumenstillleben malt, ist das jedenfalls besser, als wenn er sehr schlecht politische Anklagen macht. Das Reich der Kunst sollte immer so etwas sein wie ein Reich der Freiheit. Natürlich bin ich auch dafür, dass wir uns alle gemeinsam gegen das Böse stellen. Predigen zu den Bekehrten ist keine Großleistung. Die Aufgabe der Kunst ist es, Stress zu erzeugen, Paradoxien zu formulieren, Widersprüche und Schönheit.

trend: Was inspiriert Sie? Was geht einem Bild voran? Freude, Ärger, Texte, Fotos? Machen Sie Skizzen?
Richter: Alles zusammen. Ich mach schon mal auch Skizzen. Man muss ja auch gewisse technische Probleme lösen. Ich kann ja nicht wirklich gut malen - was immer das sein mag. Aber gewisse Verhältnisse müssen stimmen. Wenn ich einen Fuchs male und der sieht aus wie ein Huhn, dann ist die Aufgabe verfehlt. Da muss man sich einmal überlegen, wie so ein Fuchs aussieht. Aber mehr ist es nicht.


Ihr wolltet Iron Maiden, aber ich gab euch Joan Baez.

trend: "17 Jahre Nasenbluten","Küss die Flagge, Schlampe","Werden die Roten die Schwarzen schlagen?" lauten einige Ihrer Werktitel. Wie lautet diesbezüglich das Richter-Prinzip: Titel folgt Arbeit oder umgekehrt?
Richter: Ich hatte nur einmal zuerst einen Titel, der war so gut, den hätte ich auch für jedes Werk verwenden können: "Ihr wolltet Iron Maiden, aber ich gab euch Joan Baez."

trend: Arbeiten Sie bei Ihren Großformaten je mit Assistenten im Atelier?
Richter: Nein, im Atelier gibt es nur Bücher und Schallplatten. Und Katzen.

trend: Warum Katzen?
Richter: Sie sind eine größere Herausforderung als Hunde.

Daniel Richter, Lonely Old Slogans, (2006)

trend: Sie sind seit 2006 Professor an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Aus Ihrer Klasse sind so unterschiedliche Talente wie Christian Rosa, Soap & Skin, Skero oder Stefanie Sargnagel hervorgegangen. Was geben Sie Ihren Studenten weiter?
Richter: Ich rede halt mit ihnen, dann reden die mit mir, und manchmal kommt ein Krümelchen Verständnis für beide Seiten raus. Ich denke, dass das Ziel beim Kunststudium -mehr als bei anderen Studien - eher die Erkenntnis dessen ist, was es gibt und was in einem schlummert. Ganz kitschig gesagt. Wenn die Leute später alle kunststudierte Taxifahrer sind, aber versöhnt mit den Widersprüchlichkeiten ihrer Existenz, dann ist das besser, als wenn sie unglückliche Künstler werden, die sich mit schlechter Kunst abrackern.

trend: Wen nimmt Daniel Richter auf?
Richter: Ein Kriterium sollte schon sein, dass man zumindest drei andere lebende Künstler kennt. Aber es gibt ja auch viele ernsthafte Bewerbungen. Jede Stadt geriert auch unterschiedliche Vorstellungen von künstlerischer Produktion.

trend: Was wäre das in Wien?
Richter: Die Akademie hat eine angenehme Bandbreite von Interventionismus über Malerei bis zu Pop und eine spezifische, widersprüchliche Tradition. Im Vergleich zu anderen Akademien ist das romantische Unproduktivsein in Relation zum kapitalistischen Reproduktionsdruck zumindest immer noch vorhanden. Eine soziale Enklave. Ich nehme manche Leute auch auf, weil ich denke, dass sie gut für die Klasse sind. Das ist wie bei einem Eintopf, man muss die richtige Mischung finden. Ich will ja auch keine Replikanten von mir herstellen, sondern rausholen, was in den Einzelnen drinnen ist. Allerdings mache ich auch viele Fehler.


Die großen Fragen wie jene nach dem Sinn werden nicht mehr so viel erörtert.

trend: Was lernen Sie beim Lehren?
Richter: Ich unterrichte auch deshalb gerne, weil mich die Studierenden mit Problemen konfrontieren, denen ich schon entwischt bin. Die großen Fragen wie jene nach dem Sinn werden allerdings nicht mehr so viel erörtert. Vielleicht ist es auch Dummheit von mir, dass ich die großen Fragen immer noch gerne höre, weil mich das dann auch ein bisschen verunsichert. Ein Zeichen dafür, dass ich noch so eine romantische Idee von Kunstproduktion habe.

trend: Hat das auch damit zu tun, dass Sie selbst sehr spät zu malen begonnen haben, davor mehr Platten und Plakate gestaltet haben?
Richter: Vieles, was nicht Kunst ist, ist für mich genauso einflussreich gewesen wie vieles, was Kunst ist. Meine Arbeit hat ja gerade am Anfang sehr stark darauf basiert, zu begreifen, was ich selber nicht verstehe. Es war der Versuch, etwas zu tun, was mir selber unbekannt ist und als These eigentlich falsch, zu groß, zu bunt, zu politisch. Ich habe mit Paradoxien und Widersprüchen gearbeitet, die im akademischen Diskurs schon als längst erledigt gegolten haben.

Daniel Richter, Werden die Schwarzen die Roten schlagen? (2015)

trend: Sie leben nach Jahren in Hamburg nun in Berlin, mindestens einmal im Monat sind Sie in Wien...
Richter: Berlin ist eine scheußliche Stadt voll scheußlicher Menschen und hässlich obendrein, ein ewiges Startup-Unternehmen in Sachen Wurstigkeit. Hamburg ist immerhin eine schöne Stadt. Da war ich lange eingebettet in die Nachwirkungen der Subkultur, die immer noch funktioniert. Aber jenseits davon ist die Stadt unfassbar reich und unfassbar langweilig. Wien ist zivilisierter, und nicht nur die unangenehmen, sondern auch die angenehmen Seiten der Geschichte der Stadt mäandern noch durch sie.

trend: Wann ist ein Bild für Sie fertig?
Richter: Wenn alle Probleme gelöst sind. Wenn nichts mehr draufgeht. Früher habe ich über so etwas noch nachgedacht. Manchmal malt man jahrelang an einem Bild herum, das ist dann wie eine Wunde, an der man kratzt und die immer größer wird. Es gibt auch Bilder, für die ich mich wirklich schäme, wenn ich sie heute in Katalogen sehen.

trend: Nichtsdestotrotz gelten Ihre Arbeiten als Topaktie am Kunstmarkt und werden zu Höchstpreisen gehandelt.
Richter: Ich habe darüber nachgedacht und bin auch zu Ergebnissen gekommen, aber ich finde das langweilig, darüber zu reden. Nicht aus Arroganz. Aber nirgendwo ist auch für Max Mustermann die Menge an Niedertracht und Intelligenz, Reichtum und Glamour, aber eben auch Utopieversprechen und Freiheit so offensichtlich kulminierend wie am Kunstmarkt. Die Definition davon, was ein gutes oder ein schlechtes Bild ist, entsteht ja erst über Markt, Macht, Distribution, akademische Diskurse, Netzwerke, kurz: Debatte.

trend: Viele heimische Maler rangieren preislich deutlich unter Ihren deutschen Künstlerkollegen der gleichen Generation und Liga. Liegt das nur am kleineren Markt?
Richter: Ja, mit der Menge vorhandenen Kapitals in einer Metropole steigt eben auch der Preis, nicht nur der von Bier. Auch der Unterschied von New York zu Berlin ist einfach eine Null mehr. Wer sich am New Yorker Markt etabliert, verfügt, abgesehen davon, dass er auch höhere Unkosten hat, theoretisch über 50.000 Millionäre als Käufer. Während man in Deutschland auf 500 Millionäre bauen kann, in ganz Österreich vielleicht auf 50.


Ich hau Geld raus. Für Quatsch.

trend: Drückt der Preis, den jemand bereit ist, für einen Künstler zu zahlen, nicht auch eine gewisse Wertschätzung aus?
Richter: Ganz sicher und genau das.

trend: Hätten Sie selbst am Beginn ihrer Karriere daran gedacht, mit Ihrer Malerei solche Preise zu erzielen?
Richter: Natürlich nicht. Ich habe aber über diesen Aspekt nicht viel nach gedacht. Ich war froh, dass ich etwas gefunden hatte, was mich wirklich interessiert. Und war dann überrascht, dass die Leute bereit waren, dafür Geld auszugeben.

trend: Wie legen Sie selber Ihr Geld an?
Richter: Ich hau das raus. Für Quatsch.

Daniel Richter, Bill (2015)

trend: Sammeln Sie selbst keine Kunst?
Richter: Ich habe ein paar Bilder von Freunden. Aber ich sammle keine Kunst. Da sind mir Plakate und Siebdrucke lieber. Kunst ist ja beunruhigend, wenn es gute Kunst ist. Ich will aber nix Beunruhigendes um mich haben. Ich will Schönes, Langweiliges, Dekoratives um mich haben.


Es ist vollkommen uninteressant, attraktiv zu sein. Langweilig zu sein ist wirklich schlimm.

trend: Wie wichtig ist Ihnen Mode?
Richter: Ich habe eine sehr gute Frisur, an der ich seit 25 Jahren beständig arbeite. Ich hoffe, dass ich, wenn ich 75 bin, die optimale Frisur für mich gefunden habe, einen stümperhaften Mod-Haarschnitt mit frecher Attitüde. Pete Townshend 1966 wäre die Vorstellung, aber es klappt nie wirklich, es bleibt Work in Progress. Ich bin schon eitel, aber ich halte mich nicht für besonders attraktiv. Ich habe aber im Laufe der Jahre bemerkt, dass es vollkommen uninteressant ist, attraktiv zu sein. Langweilig zu sein, ist wirklich schlimm.

trend: Sie gelten als nicht rasend interessiert an Menschenmengen. Freuen Sie sich trotzdem auf Ihre eigenen Eröffnungen?
Richter: Menschenmengen sind der Motor aller Umwälzungen. Das muss man mit genau soviel Begeisterung wie Skepsis betrachten. Aber Eröffnungen sind etwas anderes. Ich schaue mir gerne Leute an, die sich meine Sachen anschauen. Nichts wäre schlimmer, als wenn im 21er Haus nur fünf Leute herumstehen würden und so betreten zu Boden schauen.

trend: In dem Moment, wo ein Bild das Atelier verlässt, ist es Teil einer öffentlichen Debatte...
Richter: Und ich will auch, dass es Teil einer Debatte ist. Ich liebe Kritik! Ich lese das alles, weil mich die Wirkung interessiert. Mich interessieren auch die Missverständnisse. Da kann man nicht zickig die Ohren zuklappen und nur hören, was man hören will.

trend: Haben Sie so etwas wie eine Mission?
Richter: Ein Freund von mir hat einmal ein Bild gemalt, da waren wir noch jung und hässlich, und das hieß: "Stoppt den Krieg, schlagt die Schweine tot!" Mit dieser banal daherkommenden, aber doch paradoxen Formulierung kann ich immer noch gut leben.


Daniel Richter

Daniel Richter, geboren 1962 in Eutin, Schleswig- Holstein, studierte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Er gestaltete u. a. Plattencover für das Hamburger Plattenlabel Buback, das ihm heute gehört. Seit 2006 ist er Professor für Erweiterten malerischen Raum an der Akademie der bildenden Künste Wien. Richter lebt und arbeitet in Berlin, und hat mit der Theaterregisseurin Angela Richter einen zehnjährigen Sohn.


Werkschau "Lonely Old Slogan"

Mit der Ausstellung Daniel Richter – Lonely Old Slogans zeigt das 21er Haus erstmals eine umfassende Werkschau des Künstlers in Wien (Österreich). Die als Wanderausstellung konzipierte Schau wird zunächst im Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk gezeigt, macht dann von 3. Februar bis 5. Juni 2017 Station im 21er Haus und wird danach in das Camden Arts Centre in London weiterreisen.

  • Termin: 3. Februar bis 5. Juni 2017
  • Museum: 21er Haus, Wien
  • Adresse: Arsenalstraße 1, 1030 Wien
  • Öffnungszeiten: Mittwoch 11:00 - 21:00; Do - So 11:00 - 18:00
  • Eintritt: Erwachsene 7 €; ermäßigt 5,50 €; bis 18 Jahre frei
  • Tel: 01 795570
  • Website: 21erhaus.at

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