Christoph Joseph Ahlers: "Sex ist wie Beton“

Christoph Joseph Ahlers: "Sex ist wie Beton“

Sexualwissenschaftler Christoph Joseph Ahlers

"Sex ist wie Beton. Es kommt darauf an, was man daraus macht“, sagt der Berliner Sexualwissenschaftler Christoph Joseph Ahlers. In seinem neuen Buch untersucht er, wie sich Leistungsdruck und Körperperfektionierung, Partnerbörsen und Webpornografie auf unser sexuelles Erleben auswirken.

Sex ist die intimste Form von Kommunikation“, sagt Christoph Joseph Ahlers. Ein Aspekt, für den es in unserer Gesellschaft ein gering ausgeprägtes Bewusstsein gibt. In seinem neuen populärwissenschaftlichen Sachbuch "Himmel auf Erden & Hölle im Kopf“ betrachtet der Berliner Sexualpsychologe daher Sexualität vor dem Hintergrund des Leistungsdrucks und beschäftigt sich mit den Funktionsstörungen in der Burn-out-Society. Er beschreibt nach 20-jähriger Erfahrung als Therapeut an der Berliner Charité und in eigener Praxis, wie sich Körperoptimierungswahn und Webpornografie auf das sexuelle Erleben auswirken, und beantwortet Fragen wie jene nach dem Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Begehren. Demzufolge gelte immer noch die Verkürzung, dass Männer Sex haben wollen, um Stress abzubauen, während Frauen Stress abbauen wollen, um Sex zu haben. "Performance-Coach zur sexuellen Leistungssteigerung“, so Ahlers, sei er allerdings keiner.

trend: Wir reden heute offener denn je über Sex, haben aber sichtlich auch mehr Defizite denn je?
Ahlers: In meinem Buch zeige ich auf, dass unser Verständnis für die Bedeutung von Sexualität stark verkümmert ist. Der Grund, warum wir Paare bilden, besteht nicht darin, optimale Erregung, Leidenschaft und Lust zu erleben oder Kinder zu kriegen, sondern darin, unsere psychosozialen Grundbedürfnisse zu erfüllen: zu jemanden zu gehören, von jemandem gemocht werden. Das durch sexuellen Körperkontakt erleben zu können, treibt uns an. Und gleichwohl haben wir dafür kein Bewusstsein.

trend: Lernen wir nicht dazu?
Ahlers: Wir waren schon mal weiter. Heute befinden wir uns in einer Rückbewegung, die sich in zwei Extreme aufspaltet: in Exzesse der Freizügigkeit in Form von eskalierter Pornografie, für jedermann zugänglich, und andererseits in die Rückkehr zu viktorianischer Prüderie mit der Reaktivierung überkommener Konzepte wie "kein Sex vor der Ehe“. Die gesunde Mitte, also der integrierte Umgang mit Sexualität als Bestandteil unserer Beziehungsgesundheit, bleibt auf der Strecke.

trend: Welche Einflüsse sind da mitverantwortlich? Neue Rollenbilder, der Leistungsdruck in unserer "Erschöpfungsgesellschaft“, das Internet?
Ahlers: Verantwortlich ist eine zunehmende Internalisierung von Leistungsanforderung an das Individuum und die daraus resultierenden Versagensängste. Eine subjektive Zunahme des Drucks, passend zu sein und sich darstellen zu müssen. Die neoliberale Anforderung zur Selbstbewirtschaftung reicht so bis unter unsere Bettdecke.


Unser Verständnis für die Bedeutung von Sexualität ist stark verkümmert.

trend: Diese Leistungsdoktrin macht Ihrem Buch zufolge vor allem dem Mann zu schaffen. Bis ins 20. Jahrhundert hat es für den Mann genügt, ein Mann zu sein. Heute muss er multifunktional als Windelwechsler wie Adonis und Superlover funktionieren. Die Folge ist, dass männliches Begehren kollektiv nachlässt.
Ahlers: Was nun als Multimodalität bei Männern gefragt ist, dass sie sowohl in sexueller Hinsicht den "neuen“ Bedürfnissen der Frauen entsprechen müssen, gleichzeitig aber auch traditionellen Versorgungsansprüchen genügen müssen und dabei auch noch die Familienrolle als vollwertiger Mitarbeiter erfüllen sollen, überfordert viele Männer. Deshalb ziehen sie sich aus der sexuellen Beziehung in die sexuelle Selbstbetätigung zurück, unter Nutzung von Multimediapornografie, die es in dieser Verfügbarkeit bisher noch nie gegeben hat. Zwei Faktoren, die ineinandergreifen.

trend: Sexueller Eskapismus ins Internet, weil man dort keinem Leistungsdruck ausgesetzt ist?
Ahlers: Weil man keiner Bewährungsprobe ausgesetzt ist. Männer können hier ihre Fantasien angst-, druck- und leistungsfrei ausleben. Das Internet fungiert als Rückzugsschlupfloch. Hier kann man in eine Welt abtauchen, wo man nicht "seinen Mann stehen muss“ und niemandem "was besorgen“ muss. Das ist einer der Gründe, warum Pornografie heute in diesen Dimensionen nachgefragt ist. Pornografie spielt im Netz eine größere Rolle als Nachrichten.

trend: Frauen reagieren auf den Druck sichtlich anders …
Ahlers: Frauen sind die Anforderungen an ihre Figur, Attraktivität, Verfügbarkeit und Leistungskraft seit Jahrhunderten gewohnt, bei Männern gibt es das erst seit 50 Jahren. Die Multimodalität trifft den Mann daher nun stärker als die Frau. Und Frauen sind bis heute nicht in gleicher Weise Versorgungsansprüchen ausgesetzt.

trend: Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in der Nutzung von Pornos?
Ahlers: Bisherige Studien zeigen, dass diesbezüglich eine klare Prädominanz der Männer vorliegt, Frauen nutzen Pornografie in geringerem Ausmaß, und auch aus Interesse daran, was Männer dabei toll finden. Für Frauen bedeutet sexuelle Selbstbetätigung auch nicht dasselbe wie für Männer. Das Interesse an beziehungsloser Sexualstimulation und anonymen Sexualkontakten ist für sie strukturell geringer. Mit ein Grund, warum es nach wie vor keine Bordelle für Frauen gibt. Es bleibt für die meisten eine Ersatzhandlung. Genau darin unterscheiden sich Sexualitätskonzepte von Frauen und Männern: Männer interessieren sich stärker für reine Stimulation, Erregung und Orgasmus. Frauen für Beziehung, Interaktion und Kommunikation.


Sexuelles Erleben findet viel mehr zwischen unseren Schläfen statt als zwischen den Schenkeln.

trend: Die pornografischen Modelle aus dem Internet schaffen ihrerseits neuen Druck …
Ahlers: Pornografie ist ein artifizielles Unterhaltungsprodukt der Sexualwirtschaft. Die fiktionale Übertreibung sexueller Interaktion. Weil die Fiktion nicht dechiffriert, sondern als Abbild möglicher sexueller Realität oder sogar vermeintliches sexuelles Ideal verkannt wird, glauben viele, so aussehen und agieren zu müssen wie Pornodarsteller. Das macht Druck.

trend: Dient aber nicht der Verbesserung der sexuellen Erlebnisfähigkeit …
Ahlers: Im Gegenteil, die Bewertung von Körperlichkeit ist radikal. Fragen wie "Wie hat ein perfekter Penis auszusehen?“ oder Diskussionen über "Scheidenästhetik“ hat es bis ins 20. Jahrhundert gar nicht gegeben. Es geht heute um ästhetische Standards, die durch eine entsprechende Industrie gesetzt werden. Die Nachfrage sichert der Verkaufsmotor der Angst. Angst, nicht zu entsprechen. Es ist das Agieren mit sexuellen Reizen und Symbolen, die inhaltlich nicht gefüllt sind, aber sie simulieren Sexualität. Das Schamgefühl hat seinen Bezugsort verlagert, bezieht sich nicht mehr auf Nacktheit, sondern den nicht optimierten Körper.

trend: Sie nennen diesen Optimierungswahn die "Toyotaisierung des Körpers“, was auch für Männer immer wichtiger zu werden scheint: von Bizeps- und Brustimplantaten, bis zur Penisprothese. Rational nicht nachvollziehbar.
Ahlers: Angst ist nicht rational. Man kann sie nicht wegdiskutieren. Natürlich spielt ein Zentimeter Penislänge keine Rolle für den Wert als Mann. Wenn aber eine Frau wie Pamela Anderson verkündet: "Size does matter“, ist das eine globale Erschütterung männlicher Selbstwertbemühungen. Und die Nachfrage nach Penisverlängerungen steigt. Aber auch Frauen glauben an die Fehlvorstellung, dass die Organgröße etwas mit der Erlebnisfähigkeit zu hat. Dabei findet unser sexuelles Erleben viel mehr zwischen unseren Schläfen statt als zwischen unseren Schenkeln.

trend: Sie widmen auch den boomenden Partnerbörsen ein eigenes Kapitel. Wie die Pauschalreise soll heute auch die Partnerwahl gut abgesichert sein.
Ahlers: Auch da greift der Optimierungswunsch, nichts falsch machen zu wollen. Die neoliberale Durchwirkung unserer Lebensformate hat auch die Wahl der Partner erreicht. Wir brauchen uns nicht mehr mit Horst oder Gabi in der Kneipe zu treffen, um die Erfahrung zu machen: Du züchtest Meerschweinchen und ich lackiere Zinnsoldaten - das passt nicht zusammen. Wir wollen diese Entscheidungen vorweggenommen und bereits mathematisch ausgewertet haben, damit wir als optimierte Partner kompatibel aufeinandertreffen. Wenn dann die Performance stimmt: der andere nett ist und gepflegt und sportlich und attraktiv und wohlriechend und aufmerksam und gut gelaunt - und dann auch noch der multiple simultane Orgasmus produziert werden kann, dann kann der Ring an den Finger. Bei all dem bleibt aber das auf der Strecke, was früher der romantische Zauber von Liebe war.

trend: Sie sagen, Sex ist wie Beton, es kommt drauf an, was man draus macht. Sind Sie für die Zukunft optimistisch?
Ahlers: Ich bin absolut optimistisch. Amor vincit omnia. Die Liebe besiegt alles! Wir brauchen dazu nur das Bewusstsein für partnerschaftliche sexuelle Beziehungsgesundheit. Das erreichen wir nicht mit Porno-Posing und Koitalakrobatik zur Orgasmusproduktion, sondern mit menschlicher Begegnung, Offenheit und Achtsamkeit.


Buchtipp

  • Himmel auf Erden & Hölle im Kopf Was Sexualität für uns bedeutet.
  • Christoph Joseph Ahlers
  • Goldmann Verlag, September 2015, 20,60 €
  • ISBN: 978-3-442-31378-5
  • www.randomhouse.de

Der Artikel ist ursprünglich in FORMAT, dem Vorgängermagazin von trend, Ausgabe 39/2015 vom 25.9.2015 erschienen.

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