Andreas Vitasek: "Ich bin nicht paranoid, ich bin austrophob"

Andreas Vitasek: "Ich bin nicht paranoid, ich bin austrophob"

Andreas Vitasek: "Die Politik nimmt mehr Einfluss auf den Alltag, auf das Private."

Starkabarettist Andreas Vitásek sinniert anlässlich des neuen Programms über Slim-Fit-Politiker, Gutmenschen, die MeToo-Debatte und seine Abscheu vor Lederhosen.

Andreas Vitásek schaut auf seine neue Apple Watch, Pulsfrequenz 68. Das ist in Ordnung. Er ist in der Endphase seines neuen Programms, des ersten Solos seit "Sekundenschlaf" 2013. Die längste Pause in der Karriere des 62-jährigen Kabarettisten, Schauspielers und Regisseurs, der mit seinen Soloprogrammen das österreichische Kabarett seit den 80er-Jahren konstant geprägt hat. Dazwischen hat sich Vitásek allerdings einen Wunsch erfüllt und sich in einem Bühnenprogramm dem abgründigen Universum des Tiroler Kabarettisten Otto Grünmandl gewidmet.

Sein 13. Programm, "Austrophobia", ist nun, wie er selbst salopp zusammenfasst, "eine kabarettistische Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff und dem Fremdsein, mit begründeten und unbegründeten Ängsten, mit dem Älterwerden und mit der untoten Vergangenheit Österreichs". Aktuell sei er gerade in der Phase, sich den Text so anzueignen, dass dieser vom Papier in den Mund komme. Nach Voraufführungen in Tirol hat das Programm am 2. Oktober im Wiener Stadtsaal Premiere.


trend: "Austrophobia" - Vitásek goes Thomas Bernhard oder wie ist dieser Titel zu verstehen?
Andreas Vitásek: Für mich hat der Titel weniger mit Thomas Bernhard als mit Lars von Trier zu tun, in Anlehnung an Filmtitel wie "Melancholia", moderner und böser. Es geht um das ambivalente Verhältnis zu Österreich: diesen Minderwertigkeitskomplex, den wir haben. Das hat mich als Grundthema interessiert. Der Titel ist jedenfalls kein Reflex auf die Tagespolitik, denn ich habe ihn schon 2013 im Kopf gehabt. Der Begriff Austrophobia taucht schon in einem diplomatischen Briefwechsel von Metternich auf und wurde auch bei Schwarz-Blau I im Bezug auf die Sanktionen verwendet.

trend: "Die alltäglichen Mühen der Ebene werden im privaten Mikrokosmos einer Familie abgehandelt", heißt es im Pressetext. Das Programm ist also wieder ein eher persönliches geworden?
Vitásek: Es ist wie immer bei mir: Das Private ist das Hauptthema, aber was mich persönlich im Alltag politisch beschäftigt, das spiegelt sich auch im Programm. Das heißt, diesmal ist es sogar ein politischeres Programm geworden, weil die Politik mehr Einfluss nimmt.

Vieles in der Realpolitik ist für mich schon auf einer Ebene mit dem Satireformat "Tagespresse".

trend: Welche Rolle spielen da der sehr junge Kanzler und ein Minister mit Liebe zu Pferden?
Vitásek: Das kann man nicht mehr toppen. Ich hab auch aufgehört, mich zu empören. Ich kann nur mehr schallend lachen, vieles in der Realpolitik ist für mich schon auf einer Ebene mit dem Satireformat "Tagespresse". Aber es ist ja nicht nur bei uns so. Österreich ist da wie ein Mikrokosmos all der jungen, feschen Slim-Fit-Figuren von Macron bis Trudeau. Allesamt junge, fast androgyne Personen. Wenn man eine paranoide Ader hat, könnte man glauben, das sind Klone. Die ersten Versuchsballone waren Glawischnig und Gusenbauer. Da hat man schon gemerkt, die können nicht echt sein, die haben sie schlecht nachgebaut. Aber der Sebastian Kurz, muss ich sagen, ist schon perfekt ausgearbeitet. Beim Sprachmodus gibt es noch Fehler, er wiederholt sich ja dauernd: Mittelmeerroute, Mittelmeerroute, Mittelmeerroute.


Vieles kann man heute einfach nicht mehr sagen, obwohl es grad lustig wär.

trend: Sie haben schon im Vorwahlkampf angemerkt, dass auch ein schwarzer Kulturminister okay wäre. Nun ist Gernot Blümel für Kultur und Medien zuständig.
Vitásek: In der Antike hat man gesagt, wen die Götter bestrafen wollen, dessen Wünsche erfüllen sie.

trend: Man hat aktuell das Gefühl, die politische Korrektheit wird von der falschen Seite erobert. Ist es schwieriger, lustig zu sein?
Vitásek: Finde ich schon, weil es mehr Restriktionen gibt. Man hat natürlich eine innere Zensur. Vieles kann man heute einfach nicht mehr sagen, obwohl es grad lustig wär. Es fallen die Frauenwitze weg, die Ausländerwitze, die politisch unkorrekten. Denn aus dem politisch Unkorrekten den Humor zu beziehen, das hat ja schon Harald Schmidt zur Perfektion betrieben. Das ist veraltet. Man kann sich aber über sich selber lustig machen, so sehr, dass die Leute im Publikum sagen: "Das könnte mir auch so passieren."

trend: Kann Satire da etwas bewirken?
Vitásek: Verändern kann sie nicht wirklich etwas, aber bewirken schon: Man kann den Leuten ein Gefühl der Solidarität geben.

trend: Gesellschaftspolitisch bestimmt gerade die MeToo-Debatte die Diskussionen.
Vitásek: Die Debatte ist für einen Mann gefährlich. Egal, was man sagt. Das ist, wie wenn man im Treibsand steht. Man kann sich bewegen, wie man will, man taucht immer tiefer. Ich bin aber der Meinung, der Feminismus ist die wichtigste revolutionär verändernde Bewegung, die es gibt, weltweit. Da bewegt sich gerade am meisten. Und das ist gut. Aber man muss seinen Senf nicht überall dazugeben. Ich erzähle ja vor allem aus dem Blickwinkel einer Kleinfamilie. Es kommt auch meine Frau vor, als gleichberechtigte Chefin. 2015 etwa, bei der Flüchtlingskrise, ging ein Spalt quer durch die Familie, bis zum Streit darüber, was man machen kann und soll. Man ist allein gelassen worden. Es gab keinen Plan. Ich frage mich, was wäre, wenn wir wirklich eine Katastrophe wie einen Nuklearschlag erlebt hätten, wäre man da auch nicht vorbereitet gewesen? Da verliert man schon das Vertrauen.


Was früher der "böse Russe" war, ist jetzt der Freund.

trend: Spannende Zeiten fürs Kabarett.
Vitásek: Eines der Grundmotive im Programm ist auch die braune Vergangenheit, die wir nicht aufgearbeitet haben. Wo brodelt es am meisten? Dort, wo das nicht aufgearbeitet wurde, also bei uns, und dort, wo es falsch aufgearbeitet wurde, nämlich im ehemaligen Osten. Und es gibt auch Überlegungen zum Gutmenschen. Der Gutmensch als Allzweckwaffe der Rechten. Die V3 der Neonazis. Da kann man nur die Nazikeule schwingen. Im Programm erzähle ich, dass jeder Gutmensch eigentlich so einen kleinen Nazi haben sollte, ein Nazigotchi, das er lieb hat und mit dem er am 20. April in Leoben essen geht. Ich bin nicht paranoid, ich bin austrophob. Aber es gilt auch für die FPÖ die Intelligenzvermutung. Wenn der Strache einmal anfängt, Anzeichen einer Distanz zu zeigen, ist das wichtig und ein Anfang. Der normale Boulevardzeitungsleser kennt sich ja nicht mehr aus, was gut und was böse ist. Was früher der "böse Russe" war, ist jetzt der Freund. Der Pensionist im Gemeindebau wählt die FPÖ, weil er Angst hat, dass ihm die Ausländer den Arbeitsplatz wegnehmen.

"Es sind oft die Nationalisten, die austrophob sind."

trend: Was sind also die konkreten Themen im Programm?
Vitásek: Es beginnt mit Phobien. Das sind Ängste ohne Grundlage. Man kann jemandem noch so oft erklären, dass es gefährlicher ist, mit dem Pendlerbus nach Güssing zu fahren als mit dem Flieger nach New York, er wird trotzdem Angst haben, wenn er im Flieger sitzt. Es geht auch um meinen Beruf, um das Problem, ein öffentliches Gesicht zu sein. Ich bin der neunzehntlustigste Österreicher in einem Ranking von 20. Das ist demütigend. Auf Platz eins ist Michael Niavarani. Es geht ums Ankommen und Wegfahren, ums Heimkommen und ins Heim kommen, um Nationalismus und Internationalismus. Ich denke über Heimat nach und arbeite mich auch am Österreichbegriff ab. Es sind ja oft die Nationalisten, die austrophob sind. Worauf kann man bei uns wirklich stolz sein? Auf die Sportler? Na ja! Bei den Skifahrern hat man das Gefühl, die sind nur so schnell, damit sie ihren sie belästigenden Betreuern entkommen, und im Fußball reden wir seit 40 Jahren von Córdoba. Da bleiben nur die Künstler, und das sind die natürlichen Feinde der Nationalisten. Deswegen wenden sich diese ab und werden zu Deutschnationalisten. Man erinnere sich an Haiders Sager von Österreich als ideologische Missgeburt. Auf Metapedia, einer Art Wikipedia für Faschisten, werden Hofer und Strache sogar als deutsche Politiker geführt. Ich rede aber auch übers Burgenland als eigenes Biotop, über Rechnitz und Deutsch Schützen und die spezielle blaufränkische Koalition.

trend: Zum Heimatbegriff gehört auch die Tracht, die immer stärker in der Stadt getragen wird.
Vitásek: Ich bin immer gegen Kleidung, die eine Ideologie transportiert. Und die Tracht ist zur Uniform geworden und transportiert für mich etwas Reaktionäres.


Ich will natürlich kein Programm machen aus der Kategorie "Opi schaut zurück".

trend: Haben Sie keine Lederhose?
Vitásek: Nein, ich finde das ungustiös. Man kann die nicht waschen. Das ist für mich, als wenn der Arzt sagt: "Morgen brauche ich von Ihnen einen Blut-, Harn- und Spermatest", und ich bring meine Lederhose mit. Ich schätze es, dass ich meine Jeans in die Waschmaschine geben kann.

trend: Wird auch Rückschau gehalten?
Vitásek: Die Auseinandersetzung mit dem Junggewesensein war ja schon 2013 Thema in "Sekundenschlaf". Ich will nicht dauernd mit dem Altwerden kokettieren, aber ich habe auch diesmal nostalgische Momente wie die Erinnerung an erste Dates eingebaut.

trend: Nach dem Motto "Solange man sich noch erinnern kann"?
Vitásek: Das wäre ein schöner Titel gewesen, aber "Bevor ich es vergesse" heißt schon eine Biografie von Herman van Veen. Ich will natürlich kein Programm machen aus der Kategorie "Opi schaut zurück", sondern Spannung beziehen aus Rückschau und Gegenwart. Ich arbeite diesmal auch nicht mit Nummern, sondern verschmelze die Themen als durchgehende Motive in den Erzählstrang. Wie im Leben halt. Es kommt mein Mops wieder vor, der ist mittlerweile zwölf Jahre alt, das goldene Wienerherz und die Frage, ob das Grauen in der Idylle lauert. Adorno hat schon gesagt: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Trotzdem versucht man es.

trend: Auch die Tod-Puppe Zippezapp kommt zurück.
Vitásek: Und feiert das größte Comeback seit Lazarus. Tod und Religion werden behandelt. Hitler und Gott sind ja die Comedy-Superstars und kommen weltweit am häufigsten in Kabarettprogrammen vor. Ich rede auch über Rituale und warum sie Ordnung ins Chaos bringen. Aberglaube ist ja auch Glaube, nur mit aber. Ganz Österreich spielt zweimal in der Woche Lotto, ohne zu glauben, gewinnen zu können. Es genügt die Idee davon, wie es wäre, reicher als reich zu sein.

trend: Sie sitzen mir mit einer Apple Watch gegenüber. Sind Sie so Social-Media-affin?
Vitásek: Die Apple Watch ist praktisch, wird mir aber wahrscheinlich bald auf die Nerven gehen. Ich twittere nicht, bin nicht auf Instagram und meine Facebook-Seite wird von der Agentur betrieben. Deswegen habe ich auch weniger Follower. Aber ich will kein Fenster zu mir aufmachen, durch das mir Leute reinspucken können. Ich schreibe selber auch keine Kommentare mehr in Foren und ich will mir auch ein Verbot auflegen, Kommentare über mich zu lesen. Etwa: "Der Alte soll endlich aufhören." Das macht böse Stimmung.

trend: Apropos Alter: Werden die Auftritte körperlich anstrengender?
Vitásek: Ja. Aber man lernt, ökonomisch mit seiner Kraft umzugehen. Man geht nicht mehr auf die Bühne und startet mit 200 km/h, sondern man geht raus und sagt erst mal Guten Abend.


Andreas Vitasek - Austrophobia

Eine kabarettistische Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff und dem Fremdsein, mit begründeten und unbegründeten Ängsten, mit dem Junggewesensein und dem Älterwerden und mit der untoten Vergangenheit Österreichs. Ankommen und Wegfahren, Nationalismus und Internationalismus und die alltäglichen Mühen der Ebene werden im privaten Mikrokosmos einer Familie mit illegal eingeschleustem Mops abgehandelt.

Termine

  • Vorpremiere 24. - 28. September 2018; Treibhaus Innsbruck
  • Premiere 2. Oktober 2018; Stadtsaal Wien
  • Wien, Stadtsaal 3. Oktober - 15. November
  • Linz, Posthof 20. + 21. November
  • Graz, Orpheum 27. November
  • St. Pölten, Bühne im Hof 28. + 29. November
  • Weitere Termine: vitasek.at/termine

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