Zuversicht und Pragmatismus statt lähmender Sorge

Zuversicht und Pragmatismus statt lähmender Sorge

Gastkommentar von Gerhard Randa - Vorstandsvorsitzender Sberbank Europe AG, ehemaliger Generaldirektor Bank Austria.

Gastkommentar von Gerhard Randa. Der Schock der Finanzkrise ist noch nicht ganz verdaut. Welche Maßnahmen im Bankgeschäft notwendig wären - und welche nicht.

ÜBER EINEN MANGEL an Herausforderungen in Europa können wir uns wirklich nicht beklagen. Der Brexit und andere zentrifugale Erscheinungen in der EU, Immigration, der damit wieder auflebende Nationalismus, Terrorgefahr -das ist nur eine Auswahl der Probleme, denen wir uns heute gegenüber sehen. Probleme, die sich aufgrund ihrer Dimension und internationaler Vernetzung teilweise als schier unlösbar darstellen.

Nur - ist es nicht vielleicht so, dass wir mit schwierigen Situationen heute anders umgehen als noch vor wenigen Jahrzehnten? Als sich die Nachfolgestaaten unseres unmittelbaren Nachbarn Jugoslawien alles andere als friedlich neu formierten, hat das auch in Österreich Ängste hervorgerufen. Doch schon bald wurden die neuen Gegebenheiten als Chance und nicht als Bedrohung wahrgenommen. Die Öffnung der Grenzen und die Ausweitung des Wirtschaftsraums haben sich für uns als sehr erfolgreich erwiesen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Was sich aber geändert hat, sind die allgemeinen Rahmenbedingungen. Die "Geht nicht gibt's nicht"-Mentalität aus den Zeiten vor der Finanzkrise ist einer allumfassenden Besorgnis gewichen, die sich in vielen Bereichen des Lebens in der Einführung neuer regulatorischer Bestimmungen niederschlug.

Was hat diesen Stimmungswandel ausgelöst? Ein Punkt ist sicherlich, dass sich mit der Globalisierung und Liberalisierung der Wirtschaft vieles geändert hat. So positiv die Globalisierung insgesamt zu beurteilen ist, für den Einzelnen hat sie nicht nur Positives gebracht. Auf der individuellen Ebene gibt es Gewinner und Verlierer. Das zu negieren, wäre naiv. Die Bürger erwarten daher von der Politik - ob auf EU- oder nationalstaatlicher Ebene -zu Recht Lösungen, die nicht immer uneingeschränkt zu den gewünschten Ergebnissen führen.

Wie das Beispiel der Kapitalverkehrsliberalisierung zeigt. Einerseits hat sie das Wirtschaftsleben in vielen Bereichen erleichtert und Wachstum gefördert, andererseits wurde dadurch die Steuervermeidung vornehmlich internationaler Konzerne erleichtert. Deshalb die Kapitalliberalisierung abzuschaffen, wäre sicher der falsche Weg.


Die Kapitalliberalisierung abzuschaffen, wäre falsch.

Denn die EU leidet seit der Finanzkrise, die latent nach wie vor vorhanden ist, an einer veritablen Wachstumsschwäche. Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor das Problem Nummer eins.

ES SOLLTE DIE DRINGENDSTE Aufgabe der EU und der Mitgliedsländer sein, die Gemeinschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen und Verunsicherungen abzubauen. Zusätzlich muss man sich auch überlegen, welche langfristigen wirtschaftlichen Effekte die EU, bedingt durch Sanktionen, gegenüber bestimmten Staaten in Kauf nimmt. Daher wäre meines Erachtens eine Neubewertung der Sanktionen gegenüber Russland wünschenswert.

Wachstum braucht auch entsprechende Finanzierung. Nun gehört das Bankgeschäft sicher zu den am stärksten globalisierten Bereichen der Wirtschaft. Die Finanzkrise 2008 hat gezeigt, dass wir die Auswirkung der Globalisierung auf unser Geschäft unterschätzt haben. Die Reaktion der Politik und der Aufsichtsbehörden, das Risiko zu begrenzen, ist zwar verständlich, bedeutet aber nicht, dass nun alles perfekt ist.

Modelle können helfen, das Risiko zu erkennen, aber nicht mehr. Letztlich kommt es darauf an, wie gut der Kreditverantwortliche, ob Referent oder Vorstandsdirektor, den Kreditwerber einzuschätzen vermag. Dafür braucht es Erfahrung, Sorgfalt, Kenntnis über das Geschäft des Kreditwerbers, ein gewisses Maß an Kreativität und Menschenkenntnis -"Soft Skills", die durch nichts zu ersetzen sind.

Das risikomäßig sicherste Geschäft ist zweifellos das, das man gar nicht macht. Das beste Geschäft ist aber immer noch das, bei dem sich die Bank mit dem Kunden zusammensetzt, um Geschäftsideen weiterzuentwickeln, Finanzierungsvarianten auszuarbeiten - und wo man letztlich bereit ist, ein adäquates und wohlkalkuliertes Risiko zu übernehmen. Die Erfahrung zeigt, dass eine intensive Befassung mit dem Kunden, das Vertrauen in seine Urteilskraft und Marktkenntnis in Kombination mit der eigenen Bonitätseinschätzung zu den besten Ergebnissen führt. Nämlich zu neuen Investitionen, Wachstum und mehr Beschäftigung.


GERHARD RANDA. Vorstandsvorsitzender Sberbank Europe AG, ehemaliger Generaldirektor Bank Austria.


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