"Die Wut ist nicht links oder rechts, sie ist menschlich"

Woher kommt diese sinnlose, erschreckende Wut auf andere, die meistens gar nicht ahnen, wie viel Wut sie auslösen? Je genauer wir mit dem "kleinen Faschisten" in uns selbst vertraut sind, umso leichter tun wir uns, die Wut in anderen zu verstehen, meint Andreas Salcher in seinem trend-Essay.

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

Andreas Salcher ist Bildungsexperte, Bestsellerautor, Unternehmensberater und regelmäßiger trend-Autor.

Wenn vor mir eine alte Frau mit der Kassiererin zu plaudern beginnen will, merke ich, wie die schlechten Gefühle in mir langsam an Raum gewinnen. Kommt dann noch einer jener Kunden dazu, die ungeschickt unmittelbar vor mir ihre Unmengen von Sachen in die viel zu kleinen kostenlosen Plastiksäckchen zu verstauen versuchen, offensichtlich, um die paar Cent für eine Einkaufstasche zu sparen, lebt der "kleine Faschist" in mir auf. Er beginnt, sich vorzustellen, wie das denn wäre, wenn man unterschiedliche Kassen machen würde, für die Schnellen wie mich und für die Langsamen, die ohnehin genug Zeit haben. Wäre doch nichts dabei. Natürlich fühle ich mich ein bisschen schäbig bei den Gedanken, die ich jetzt ganz schnell wie Gespenster zu vertreiben versuche. Husch, husch, zurück ins Unbewusste.

Wie können wir den "kleinen Faschisten", zeitgemäß auch Wutbürger genannt, wann immer er versucht, Macht über unser Denken und Handeln zu gewinnen, in die Schranken weisen? Fast alle von uns verfügen über genügend Selbstkontrolle, um nicht jeden Autofahrer, der uns schneidet, sofort an der nächsten Kreuzung niederzuschlagen oder der Bürokollegin, die ständig gegen uns intrigiert, die Luft aus ihren Autoreifen lassen. Ganz frei von solch bösen Fantasien sind wohl nur wenige. Wer die Eskalationsspirale, die von kleinen Demütigungen am Anfang bis zum Terroristen am Ende führt, verstehen möchte, dem sei das Buch "Der Fundamentalist, der keiner sein wollte" von Mohsin Hamid empfohlen.

Der "kleine Faschist" schlüpft gerne in unterschiedliche Masken. Die einen leben ihre Gewaltfantasien in Computerspielen aus, die anderen "begnügen" sich darin, Hasspostings zu schreiben, und manche schlagen grundlos Passanten nieder. Die dumpfe Wut breitet sich nicht nur in vielen Internetforen aus, sie ballt sich in den Subkulturen der Großstädte zusammen, kein Bereich unserer Gesellschaft ist immun gegen sie. Hunger oder die Unterdrückung durch grausame Diktatoren können in London, Paris oder Berlin jedenfalls nicht die Gründe für die immer wieder aufflammende Gewalt sein. Bei der Einvernahme von Randalierern nach den Ausschreitungen, die immer wieder in europäischen Städten wie aus dem Nichts aufflammen, stellt sich oft heraus, dass es sich nicht nur um Jugendliche aus sozialen Notstandsgebieten oder politische Extremisten, sondern auch um Angehörige der Mittelschicht und Kinder reicher Eltern handelt. Oft geben sie den Wunsch, aus ihrem langweiligen Alltag auszubrechen, und die Freude an der Zerstörung als Motivation an.

Mit Wut und Recht - wenn sich ganze Völker nicht ertragen können

Es hat immer Regionen wie den Balkan oder den Nahen Osten gegeben, wo die religiösen oder nationalen Gegensätze den Menschen so in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass sie einander seit Generationen nicht ertragen können. Am Beispiel von Israel und Palästina sieht man die blutige Sackgasse, in die sich ganze Völker von der Wut leiten lassen. Die Frage, wer wo Land besitzen darf, ist die Urquelle vieler Konflikte. Die Forderung "nach mehr Lebensraum für uns" beinhaltet schon immer die Kriegserklärung an "die anderen". Wer je ein Palästinenserlager gesehen hat, der erkennt, wie sich der Hass dort vererbt. Wer je die Nervosität von Fahrgästen in israelischen Bussen vor Selbstmordattentätern gespürt hat, wird die Furcht verstehen, die in Israel herrscht.

Im Basar funktioniert das Zusammenleben von Juden und Arabern dagegen seit Jahrhunderten. Aber die Fundamentalisten auf beiden Seiten versuchen, die Menschen in die Irre zu führen, entweder mit dem Versprechen, den Gegner ins Meer zu treiben, oder ihn militärisch endgültig besiegen zu können. Letztlich ist gar keine andere Lösung als "Land gegen Frieden" denkbar. Das ist keine Frage des Obs, sondern des Wanns. Das ahnen auch 90 Prozent der Menschen auf beiden Seiten, die sich nach Frieden sehnen.

Wohin mit unserer Wut?

Der Gestalttherapeut Fritz Perls hat uns gelehrt, dass Aggression von der Sprachwurzel her etwas Positives ist, denn es bedeutet im Lateinischen "auf etwas zugehen". Wir brauchen daher ein gesundes Maß an Aggression, um unser Leben bestreiten zu können, zum Beispiel, um in der Liebe zu wagen, überhaupt jemanden ansprechen. Wenn wir aber mit unserer Aggression unsere Bedürfnisse nicht befriedigen können oder Erwartungen an andere enttäuscht werden, wird sie zerstörend. Dann kommt die Wut.

Nehmen wir als Beispiel Mitbürger, die systematisch unser Sozialsystem ausnützen, indem sie sich konsequent weigern, zu arbeiten, Krankheiten vortäuschen oder pfuschen gehen. Kennen wir derartige Fälle persönlich, dann kann uns das ganz schön wütend machen, vor allem dann, wenn wir selbst hart arbeiten. Mit Griechenland bot sich in der Eurokrise sogar ein ganzes Land als Projektionsfläche für derartige Gefühle an. Geben wir uns von Zeit zu Zeit dieser Wut hin, geht es uns vielleicht ganz kurz besser, verfallen wir aber der Wut, werden wir uns dabei immer schlechter fühlen. Die Einzigen, die davon profitieren, sind die linken und die rechten Populisten, die davon leben, die kleinen Faschisten in den Menschen ständig aufzupäppeln. Wenn Sie jetzt im Geiste Ihren Bekanntenkreis durchgehen, werden Sie erkennen, wie anfällig manche Menschen dafür sind. Ja, auch Menschen, mit denen Sie befreundet oder verwandt sind.

Die Größe, die in uns allen steckt

Viktor E. Frankl hat seine Lehre vom Sinn des Lebens in der Hölle des KZ entwickelt. In einer solchen Situation könne man dem Menschen alles nehmen, nur nicht die innere Freiheit, in den kleinsten Entscheidungen so oder so zu handeln. Nelson Mandela hat sich diese Freiheit in jenen 30 Jahren, als er eingesperrt war und täglich Steine klopfen musste, nicht nehmen lassen. Im Gegenteil, er hat eine "Universität" für seine Mitgefangenen organisiert, in der jeder Vorträge über sein Fachgebiet halten konnte, über die dann heftig diskutiert wurde. Wie viel Wut muss sich in einem Menschen in so langer Zeit aufstauen und welcher Größe bedarf es, dieser dann nicht nachzugeben, um sich an jenen zu rächen, die einem das angetan haben?

Ein Teil dieser menschlichen Größe steckt in jedem von uns. Wie mächtig sie ausgeprägt ist, erfahren wir bei den vielen kleinen Prüfungen, die uns das Leben stellt. Das beginnt damit, wie wir mit den kleinen Ärgernissen und den großen Ungerechtigkeiten umgehen, die wir jeden Tag erleben. Fritz Perls empfiehlt die Einstellung "Ich bin nicht auf dieser Welt, um die Erwartungen aller anderen zu erfüllen, noch ist die Welt dazu da, um meine zu erfüllen." Meist gelingt es schon mit einem tiefen Atemzug, uns selbst die Unsinnigkeit unserer schlechten Gefühle klarzumachen. Wenn wir uns dann ein Lächeln über uns selbst gestatten, geht es uns viel besser. Und wie befreiend ist es, uns möglichst schnell bei einem anderen, den wir aus Wut schlecht behandelt haben, zu entschuldigen oder zumindest die Verständigung zu suchen. Groll macht krank, Vergebung macht gesund.

Unsere Welt wird in Zukunft nicht primär von der Auseinandersetzung zwischen dem Islam und dem Christentum, nicht zwischen links und rechts, sondern vom Krieg "Fundamentalismus gegen Aufklärung" geprägt sein. Fundamentalismus steht für Wut und Intoleranz, Aufklärung für Rationalität und Toleranz. Viele Menschen sind auch noch im 21. Jahrhundert von der Aufklärung überfordert und flüchten sich entweder in Verschwörungstheorien oder sind anfällig für resignativen Populismus.

Es gibt einen Unterschied zwischen blinder Wut und Empörung: Wut schnürt uns ein, nimmt uns den Atem und verengt unsere Perspektive. Empörung kommt von "emporrichten" und ist eine aufwärts gerichtete Bewegung. Sinnlose Wut beeinträchtigt unsere Fähigkeit, zu sehen, berechtigte Empörung kann unsere Wahrnehmung schärfen. Die Möglichkeit, diese Unterscheidung zu treffen, sollten wir uns von niemandem nehmen lassen.



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