"Worte und Bilder sind stärker als Panzerkolonnen"

In der vernetzten Welt müssen Diktaturen trotz Zensur und Massenverhaftungen letztlich scheitern, meint und hofft Franz Ferdinand Wolf in seinem Gastkommentar zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.

Franz Ferdinand Wolf

Franz Ferdinand Wolf

Geschichte wiederholt sich nicht, aber die Mechanismen bleiben über die Zeiten gleich. Nach der Annexion der Krim und der Besetzung der Ostukraine versuchte der Westen, die Folgen der russischen Aggression für Europa politisch und diplomatisch einzudämmen. Deutschland und Frankreich gelang es, mit dem Normandie-Format den heißen militärischen Konflikt einige Jahre auf den Osten der Ukraine zu beschränken.

Ein Vergleich mit dem Münchner Abkommen 1938 drängt sich auf: Damals gelang es Frankreich und Großbritannien unter Beiziehung von Benito Mussolini, Adolf Hitler von seinem erklärten Ziel abzubringen, die Tschechoslowakei zu zerschlagen. Das Sudetenland wurde geopfert, der Friede war gerettet. Kaum ein Jahr später brach mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg aus. Den Grund für den deutschen Angriff lieferte den Nazis ein fingierter Überfall von verkleideten SS-Männern auf den deutschen Radiosender Gleiwitz in der Nähe der polnischen Grenze.

Bereits neun Tage zuvor hatte Hitler in einer Ansprache vor den Spitzen der Wehrmacht erklärt: "Die Auslösung des Konflikts wird durch eine geeignete Propaganda erfolgen. Die Glaubwürdigkeit ist dabei gleichgültig, im Sieg liegt das Recht."



Wladimir Putin führt nicht bloß Krieg gegen ein Nachbarland, er kämpft gegen die Demokratie an sich.

Diesmal baten die völkerrechtswidrig von Russland anerkannten "Volksrepubliken" Donezk und Lugansk um militärische Hilfe im Kampf gegen Neonazis und bewaffnete Drogenbanden. Seither blutet die Ukraine. Wladimir Putin führt aber nicht bloß einen Krieg gegen das Nachbarland, er kämpft gegen die Demokratie an sich.

Franz Ferdinand Wolf: "Sind Panzerkolonnen und Splitterbomben stärker als der zeitlose Anspruch auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit?"

Das ideologische Unterfutter bietet der in den 1920ern exilierte russische Philosoph Iwan Iljin, der in verstiegenen und mystischen Metaphern das heilige Großrussland glorifiziert und einen totalitären Führerstaat propagiert. Demokratie, Menschenrechte, Gewaltenteilung, Rechtsstaat und persönliche Freiheit brächten nichts als Chaos, das müsse mit allen Mitteln verhindert werden: verhaften, verurteilen, erschießen. Putin hält sich an Iljins verschwurbelte Empfehlungen, auch in Russland.

Das alles macht Angst und wirft in aller Brutalität die Frage auf, ob offene Gesellschaften und liberale Demokratien gegen aggressive Diktaturen mit Atomwaffen und militärischen Angriffen auf ihre Grundwerte bestehen können. Sind Panzerkolonnen und Splitterbomben stärker als der zeitlose Anspruch auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit?



Man muss hoffen, dass sich die Bevölkerung gegen das diktatorische Regime erhebt.

Militärisch haben die europäischen Demokratien nach dem Zerfall der Sowjetunion materiell und auch mental abgerüstet. Die Heere sind unterfinanziert und gesellschaftlich isoliert, die NATO ist zwar waffenstarrend, aber als Verteidigungsbündnis im aktuellen Krieg gelähmt. Man kann es auch anders formulieren: Sind Wirtschaftssanktionen das einzige und auch das geeignete Mittel, in diesem existenziellen Kampf zu bestehen?

Mangels Alternative muss man tatsächlich hoffen, dass harte Maßnahmen so viel wirtschaftliches Elend produzieren, dass sich die Bevölkerung gegen das diktatorische Regime erhebt. Wobei Globalisierung, internationale Wirtschaftsverflechtung und der demokratische Rechtsstaat Hürden errichten. Die Schließung der Wiener Sberbank Europe AG etwa löste die Einlagensicherung aus, womit jeder Kontoinhaber Anspruch auf Entschädigung hat. Auch Oligarchen werden 100.000 Euro bekommen.



Die stärksten Waffen der Demokratie sind Information und Transparenz.

Noch mehr als die härtesten Wirtschaftssanktionen muss Wladimir Putin aber freie Medien und objektive Informationen über Terror und Gewalt fürchten. Freies Wort und Bild sind die Feinde jeder Diktatur. Es entspricht der Logik eines totalitären Regimes, gegen freie Berichterstattung mit Lizenzentzug für kritische Medien, drakonischen Haftstrafen für unabhängige Journalisten und der Ausweisung von Auslandskorrespondenten vorzugehen.

Lügen, Verschweigen und die Unterdrückung jeglicher Information funktionieren in der vernetzten Welt nicht, in der jedes Ereignis weltweit in Echtzeit bekannt wird. Zensur versagt. Die stärksten Waffen der Demokratie sind Information und Transparenz. Wenn die Menschen erfahren, was wirklich geschieht, lassen sie sich trotz härtester Repression und Massenverhaftungen nicht mehr unterdrücken. Das hat die Geschichte bewiesen. Immer wieder.


Der Gastkommentar ist der trend. PREMIUM Ausgabe vom 11. März 2022 entnommen.

Andreas Salcher, Bildungsexperte, Autor und Unternehmensberater

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