Helmut A. Gansterer: Work-Life-Balance?

Ein Essay von Helmut A. Gansterer über einen der populärsten und fragwürdigsten Begriffe.

Helmut A. Gansterer

Helmut A. Gansterer

Das Wort "fragwürdig“ im Untertitel ist ein Diminutiv, eine arge Verkleinerung dessen, was ich wirklich empfinde, wenn ich zum tausendsten Mal den Begriff "Work-Life-Balance“ lese, wie dieser Tage in einem Seminarprospekt.

Es ist ein Schatten meiner Missachtung.

Die sprachliche Milde ist meinen Eltern geschuldet. Sie erzogen mich zu katholisch-barmherziger Höflichkeit. Nicht viel besser als die Eltern mein geliebter Lehrer, der trend-Gründungschefredakteur Jens Tschebull. Er war großartig in jeder Hinsicht - nur war auch er zimperlich, wie ich fand.

Tschebull war ein großer Motivator. Weil er so streng war, empfing man sein rares Lob wie einen Engelskuss. Man musste aber lang darauf warten. Die ersten Manuskripte verwarf er grundsätzlich als "unverständlich“, wie er mit grüner Korrekturtinte und grausamen Rufzeichen an den Rand schrieb.

Wenn man endlich gelernt hatte, verständlich zu schreiben, stieg man in seine höhere Liga auf. Normalerweise. Ich leider nicht. Für eine Story über südafrikanische Goldminen-Aktien (Titel: "Blattgold“) erhielt ich zwar Tschebulls Verständlichkeitsorden. Nun aber missfielen ihm meine "brutalen Formulierungen“, wie er sagte. Ich hatte mich soeben in spätpubertärem Trotz vom Barmherzigkeitsbefehl der Eltern gelöst. Tschebull kritisierte meine "senilen Großmütter, die Münzen unter der Matratze horten“, und die "greisen Gold-Zauseln und instinktlosen Goldkäfer im tropischen Biotop der Privatbanken“. Er strich diese schönen Formulierungen, die ich mit Herzblut geschrieben hatte.

Ich fügte mich damals. Doch jetzt sind leider weder die Eltern noch Tschebull mehr da, um mich zu bremsen. Ich muss den Begriff "Work-Life-Balance“ nicht mehr höflich als "fragwürdig“ verharmlosen. Jetzt ist die Stunde der wahren Empfindung gekommen.

Also frisch heraus gesagt: Work-Life-Balance ist der schwachsinnigste Begriff, der jemals von fast allen akzeptiert wurde.

Er schlägt sogar vier gedankenlose "Weisheiten“, die bisher die Hitparade anführten.

Erstens: Jeder ist selbst seines Glückes Schmied. Das glauben gern alle "Angekommenen“, die ihr Ziel erreichten. Doch wurde keiner zu einem Großen der Wirtschaft, dem nicht auch das Glück half - und sei es nur das glücklich-frühe Erkennen des persönlichen Idealberufs. Dies ist den heutigen Jugendlichen schwer gemacht. Sie müssen oft nehmen, was da ist.

Zweitens: Jeder ist so gut wie seine Lehrer. Klingt vernünftig, ist aber echt bescheuert. Demgemäß gäbe es keinen Fortschritt. Alexander der Große wäre im Athen seines Provinzlehrers Aristoteles picken geblieben, hätte niemals Persien und Indien erobert.


Vielleicht wurde der Begriff von einem gut gelaunten Alkoholiker im Hotel Imperial gelallt, dankbar aufgegriffen von Pessimisten, die immer schon 'Arbeitsleid' als Urbefindlichkeit jedes Menschen argwöhnten.

Drittens: Wenigen Männern gelingt es, eine Frau zum Wrack zu machen. Umgekehrt gelingt dies jeder Frau. Das ist töricht und infantil. Aber wenigstens witzig auch für jene Generaldirektorinnen, die im Wege ihrer erfolgreichen Emanzipation noch halbwegs Humor bewahrten.

Viertens: Jeder Sünder landet irgendwann auf dem Scheiterhaufen, glaubte der Renaissance-Mahner Savonarola. Viele Naive glauben dies jenseits der Religion auch für die heutige Wirtschaft. Das "organisierte Verbrechen“ ist aber "still alive and well“. Die "Gesellschaft der Fairen“ ist derzeit noch zu dekadent und zu geizig im Einsatz der Mittel, um Abhilfe zu schaffen.

Doch dies ist eine andere Geschichte. Sie ist auch zu ernst und gewichtig, um mit dem leichten Thema dieses Essays, der Work-Life-Balance (fortan: WLB), in Verbindung gesetzt zu werden.

Die WLB hat nichts mit Machtmissbrauch, Erpressung, Mord, Vergewaltigung, Verschleppung und Steuerflucht zu tun, sondern ist im Gegenteil als Begriff erfunden worden, um den Menschen im heutigen Wirtschaftsprozess die Schulterlast zu verteilen und ein höheres Lebensglück zu vermitteln - theoretisch.

Praktisch ist WLB enorm lästig, weil geistig ohne Reife und eher imstande, vielen Gläubigen eine massive Enttäuschung zu bereiten und sie schwächer zu machen, als sie vor WLB waren.

Dass viele tüchtige Unternehmensberater mit dem Thema "Work-Life-Balance“ ein Nebengeld verdienen (und manche teure Referenten gar kein anderes Thema kennen), ist kein Gegenbeweis für seine inhaltliche Leere. Es verstärkt nur den Skandal, dass man einer Kröte die Krone aufsetzt.

Die banale Forderung, die Arbeit und das Leben zu harmonisieren, übertrifft alle Gemeinplätze von TV-Krimis wie "Näheres nach der Obduktion“ und "Er kann keiner Fliege was zuleide tun“.

Manche propagieren WLB sogar als Fortsetzung der echten Fortschritte, die große Wissenschafter der Wirtschaft schenkten. Diese Forscher entsprossen - so wie die Helden der klassischen Musik - fast ausschließlich dem kreativsten Land des Planeten, Österreich.

Allerdings brauchten sie, da sie wie alle Glühbirnen in ihrer Heimat unterschätzt wurden, immer die Hilfe glänzender, für fremde Ideen offener US-Universitäten, die bis heute das Beste der USA blieben.

Der Österreicher Ernest Dichter schenkte den Erfolgsfaktor Motivation, der Österreicher Peter Drucker eine erste, gläserne Darstellung des Managements, die "Wiener Schule“ mit Hayek eine erste liberale Struktur der Nationalökonomie. Und Joseph A. Schumpeter, nach eigener Einschätzung der "beste Reiter Europas und beste Liebhaber von Wien“, rückte an der Harvard University die Unternehmer mit seiner "schöpferischen Zerstörung“ und den "neuen Kombinationen“ in das Pantheon der Künstler (siehe auch Essay im trend.Premium 13/17) .

In diese Perlenreihe großer Lichtblicke den kleinen Begriff "Work-Life-Balance“ zu stellen, funktioniert nicht.

Zumal ohne ausreichende Begründung davon ausgegangen wird, dass Arbeit und Leben Gegensätze sind. Viele verabscheuen sowohl die Arbeit wie das Leben, und noch mehr lieben die Arbeit und zugleich das Leben. Was man auf den ersten Blick bei weltbesten Manufakteuren wie dem Schuhmacher Markus Scheer in Wien oder dem Hutmacher James Lock In London sieht, wo Handwerk und Leben eine fühlbare Symbiose eingehen.

Als trend-Reporter sah man Work-Life-Kongruenzen aber auch in unerwarteten und entlegenen Berufen, bei Steuerberatern, Rot-Kreuz-Helfern, ÖAMTC-Ankaufsüberprüfern, Kindergärtnerinnen. Oft formte das Wasser die Flosse. Viele, die in einem zunächst ungeplanten Beruf ihr Geld verdienen mussten, lernten diesen zu lieben. Nicht ausgeschlossen, dass ohnehin mehr Menschen ihre Work-Life-Balance in Ordnung finden als jene, die nicht.

Vielleicht bezeichnend, dass man den "Erfinder“ der WLB nicht kennt. Vielleicht wurde der Begriff von einem gutgelaunten Alkoholiker im Hotel Imperial gelallt und fand von dort in einer Schneeball-Lawinen-Manier seine Karriere, dankbar aufgegriffen von Pessimisten, die immer schon "Arbeitsleid“ als Urbefindlichkeit jedes Menschen argwöhnten.

Unabhängig vom Dunkel ihrer Herkunft ist eine Work-Life-Balance entweder selbstverständlich oder im Prinzip belanglos.

Selbstverständlich für manuelle Schwerarbeiter, die ihre Müdigkeit mit Schlaf auspendeln. Sinnlos für Unternehmer und hochrangige Manager, für die Arbeit und Leben zur unlösbaren Legierung wurden, die man weder beklagt noch extra balancieren muss.

In den meisten Unternehmerfamilien, die ich kennenlernte, sind Familie und Haushalt in die Arbeit integriert, ohne sich geknechtet zu fühlen. Sie wissen sich gebraucht und geachtet, in gesellschaftlich muntere Firmen-Events ausreichend eingeschlossen. Sie würden sich ungern einreden lassen, unglücklich zu sein und eine neue Work-Life-Balance zu brauchen.

Ein erfolgreicher Unternehmer mit traditioneller Rollenverteilung (er Firmenchef, sie Chefin von Haus und Familie) sagte mir dieser Tage: "Es gibt zwei neue, objektiv gute Trends, Beide verbessern das Körperliche, das wir früher vernachlässigten. Sie liebt eher Wellness, ich eher Sport.“

Er lässt sich dabei von Runtastic-Apps leiten, die logisch österreichischer Herkunft sind. Damit schafft er schon in der Bürozeit jene 10.000 Schritte und fünf Yoga-Atmungen, die ein ewiges Leben verheißen. Ob diese zu seiner Work oder seinem Life oder gar zu seiner Balance beitragen, geht ihm am Arsch vorbei.

Oder, falls meine Eltern und Tschebull von ihrer Wolke sieben zuhören: Es ist ihm herzlich egal.


Der Artikel ist in der trend-Ausgabe 17/2017 erschienen.
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