Wolfgang Schüssel: Fußball - eine Religion?

Wer, wenn nicht er, könnte das Phänomen Fußball besser erklären? Seit 65 Jahren jagt der ehemalige Kanzler als Stürmer dem Ball hinterher. Betrachtungen eines Aficionados zur Europameisterschaft in Frankreich.

Wolfgang Schüssel: Fußball - eine Religion?
Wolfgang Schüssel: Fußball - eine Religion?

Wolfgang Schüssel, Bundeskanzler 2000 - 2007 im Dress des "Team Österreich", mit Kapitänsschleife.

Ich liebe Fußball. Aktiv und passiv. Dieser Sport ist ein schöner Teil meines Lebens. Seit 65 Jahren jage ich hinter dem Ball her. Bis heute. Fußball ist ein Sport, der alles fordert: Kreativität und Ordnung, Ego und Kollektiv, Talent und Schweiß, Individualität und Disziplin, List und Raffinement, Siegeswille und Verlierenkönnen.

Nicht umsonst ist Fußball der am meisten verbreitete Mannschaftssport der Welt - die FIFA hat mehr Mitglieder als die UNO. Der ewige Versuch des Homo ludens, Athletik und Ästhetik zu verbinden: Das gilt für den Millionen-Profi genauso wie für den Hobbykicker. Inspiration und Transpiration: Das schweißt zusammen und schafft Gemeinschaft.

1919 hat der deutsche Trainer Richard Girulatis die Losung ausgegeben: "Elf Freunde sollt ihr sein." Das blieb das Motto für den Teamgeist. Marko Arnautovic sagt es so: "Wir sind eine Familie." Es sind gute Erlebnisse: zusammen am Feld, vor dem Fernseher oder in der "dritten Halbzeit" beim Bier. Gelebte Gruppendynamik. Positive Energie. Der Fußballplatz als Kraftfeld.

Man kann es auch als Metapher des Lebens sehen. Regeln, die eingehalten werden sollen. Leistung lohnt sich. Der Bessere gewinnt im Wettbewerb (meistens). Nichts wird dir geschenkt. Aber auch der Zufall spielt eine große Rolle. 40 Prozent in einem Match sind Zufall, sagen Statistiker. Glück hat also nicht nur der Tüchtige. David kann Goliath schlagen. Fairness lohnt sich am Ende. Respekt gibt dem Konkurrenzkampf Würde. Manchmal sieht die Realität anders aus, im Spiel und im Leben. Auch in der Politik.

Der sportliche Wettkampf sublimiert Aggression und kann Brücken bauen. Mein Vater, Lutz Schüssel, war Sportjournalist, und ich werde nie vergessen, wie er Ende 1945, wenige Monate nach Kriegsende, in der "Neuen Wiener Tageszeitung" einen berührenden Matchbericht vom Länderspiel Österreich gegen Frankreich verfasste. Über Männer, die kurz zuvor gegeneinander Krieg führten und nun sportlich miteinander rangen, über den Applaus der Zuschauer für die Franzosen.

Was Fußball auch ausmacht, ist die enorme Begeisterung, die ausgelöst wird. Weder die schleichende Kommerzialisierung noch offenkundige Skandale können dies zerstören. Die Identifikation mit seinen Helden am Rasen lässt den Zuschauer mitgewinnen.

Ob in der Südkurve der Bayern-Arena, der Südtribüne in Dortmund, bei der Anfield-Road-Hymne in Liverpool, "You' ll never walk alone", oder am Dorfplatz beim Lokalderby: Der Fan feiert, leidet, fiebert mit. Große Klubs haben inzwischen eine globale Anhängerschar. Fußball ist große Show und großes Drama. Und die Coolen können sich zumindest gut unterhalten.

Enthusiasmus hat aber auch Schattenseiten, die man nicht ausblenden darf. "Fan" kommt ja von Fanatismus. Gewalt ist leider manchmal präsent. Fußball als Ersatzreligion. Stadien als Kathedralen, Choräle als Liturgie. Immerhin: Fußball eint die Menschen, integriert Ethnien, soziale Schranken fallen. Das Publikum ist klassenlos.

Fußball ist - bei Welt- oder Europameisterschaften - ein Hochamt der Nationalstaatlichkeit. Da kann auch ein überzeugter Europäer nichts dagegen haben. Sport ist eben eine Projektionsfläche des Patriotismus, ob die Idole nun Marcel Hirscher oder David Alaba heißen.

Die Aussichten sind gut, dass auch in Frankreich das rot-weiß-rote Wir-Gefühl zelebriert werden kann. Kleinere Länder wie Österreich müssen oft Jahrzehnte auf die rare Konstellation warten, dass ein Dutzend außergewöhnlich talentierter Spieler gleichzeitig seine besten Jahre hat.

Das war (abgesehen vom Wunderteam um Matthias Sindelar in den Dreißigerjahren) 1954, als Happel, Ocwirk, Stojaspal, Dienst &Co. WM-Dritte wurden; das war in den frühen Sechzigern die Decker-Mannschaft um Stotz, Hanappi, Hof und Nemec, die alles gewann, aus Geldmangel aber die WM-Qualifikation für Chile absagen musste; das war 1978 mit Pezzey, Kreuz, Prohaska und vor allem Krankl, der in Cordoba Edi Finger "narrisch" werden ließ.

Und 2016 ist es auch so. Neben der außergewöhnlichen Qualität der Spieler - gestählt in den besten europäischen Ligen -ist Teamchef Koller der Vater des Erfolges. Der akribische und gelassene Schweizer hat mit seinem neuen System altes Mittelmaß getilgt: viel Ballbesitz, frühes Attackieren, variantenreiches Angriffsspiel, Selbstvertrauen.

Als Trainer, Mentalcoach, Motivator und väterlicher Freund strahlt Koller Autorität und Ruhe aus. Ein Schlüssel des Erfolgs ist Kollers Treue zu seiner Mannschaft. Acht Mann vom ersten Koller-Spiel vor fünf Jahren sind erste Wahl geblieben. Ich habe nachgeschaut: Koller hat es mit 17 Debütanten versucht, Krankl als Teamchef bei weniger Länderspielen mit 41. "Ich bin hier konservativ", sagt Koller. Er vertraute sogar auf Leute, die in ihren Klubs nicht erste Wahl waren.

Ergebnis: Die Truppe ist homogen wie ein Klub, sie spielt modernen Fußball: Präzision bei hohem Tempo, Flexibilität, taktische Intelligenz, Ballbeherrschung. Die Mannschaft -so ÖFB-Direktor Ruttensteiner -hat zwischen 2012 und 2015 die Balleroberungen pro Spiel fast verdoppelt, der Ballbesitz stieg von 46 auf 56 Prozent. 28 von 30 möglichen Punkten in der Qualifikation sprechen eine klare Sprache, acht Punkte Vorsprung auf den Zweiten, Russland, im Schnitt 0,5 Gegentore, Nummer sechs in der Europarangliste -das sieht gut aus.

Trotzdem sollten wir am Boden bleiben. Die Medien erzeugen zu viel Euphorie. ORF-Sendungen zur "Stunde der Sieger -Österreichs EM-Helden". Man liest "Nichts ist unmöglich", verlangt im Boulevard "Heute Tor-Gala gegen Malta". Ergebnis: 2:1. Selbstvertrauen ist gut, Bescheidenheit aber auch.

Eine Endrunde ist eben kein Spaziergang. Fußball kann ein großer Stimmungsaufheller sein - siehe Weltmeister Deutschland 1990 im Jahr der Wiedervereinigung oder 2006 das Sommermärchen im eigenen Land.

Unserer Regierung kann man nur wünschen, dass die Nationalmannschaft gut abschneidet. Sporterfolge bei Großereignissen helfen laut Studien den Regierenden. Wir würden es in Österreich besonders gut brauchen können.

Der Artikel ist in der trend-Ausgabe Nr. 23/2016 erschienen.
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