Wolfgang Rosam: Politiker sind arme Schweine!

Wolfgang Rosam

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Kommentar von Wolfgang Rosam: Alfred Gusenbauer und Eva Glawischnig haben ihre Parteien in ihrer aktiven Zeit zum jeweils größten Erfolg geführt. Weder wurden sie würdevoll verabschiedet, noch hat sich irgendjemand um ihr Weiterleben nach der Partei geschert.

Als ich mit 18 Jahren als Landesschulsprecher von Kärnten dem sogenannten Bundeschülerbeirat angehörte - damals regierte der selige Fred Sinowatz als Unterrichtsminister -, hatte ich ein Schlüsselerlebnis, das mein gesamtes politisches Leben beeinflusste: Ich war der konservativen Reichshälfte "zugerechnet" und versuchte, in diesem sonst bunt-couleurisierten Schülergremium einen, wie ich meinte, für alle sinnvollen Vorschlag einzubringen. Während die jungen Schwarzen heftig applaudierten, starrten mich die jungen Roten mit steinerner Miene und ausdruckslosem Blick ablehnend an, als hätte gerade ein Alien zu ihnen gesprochen.

Frustriert ob derartiger unverständlicher Reaktion unter Schülervertretern fragte ich meinen damaligen Schulsprecher-Koordinator, Günther Ofner, heute erfolgreicher Vorstand des Wiener Flughafens, was das soll. "Das ist Politik, mein Lieber", sagte der bereits damals erfahrene Politfuchs. Da wusste ich: Ich gehe nie in die Politik.

Politiker sind arme Schweine! Sie haben oft einen 16-Stunden-Tag, keine wirklichen Freunde, das Familienleben ist unter dem Hund, sie verdienen auch nicht -im Vergleich zu Spitzenpositionen in der Wirtschaft - übermäßig viel und müssen sich von jedem - vor allem in sozialen Medien - beschimpfen lassen.

Ihr soziales Prestige ist tief unten, jeder Verkäufer hat ein besseres. So dienen sie sich, sofern sie nicht als Quereinsteiger gerufen wurden, als kleine Funktionäre hoch, um irgendwann mit einem Parlamentssitz belohnt zu werden. Wen wundert es da, dass wir nur noch Berufspolitiker oder Lehrer (nichts gegen Lehrer) oder Beamte (nichts gegen Beamte), aber kaum Unternehmer oder Topmanager in der Politik haben? Obgleich viele von uns extrem an Politik interessiert sind, will keiner dort hin. Weder ist das Politikerdasein erstrebenswert, noch gibt es eine lukrative Perspektive für das Leben "danach". Im Gegenteil: Das Ausscheiden aus der Politik ist hierzulande zutiefst stillos und von größter Undankbarkeit geprägt.


Der Markt bezahlt Gusi Millionen. Für viele Genossen ist das unerträglich.

Die aktuell viel geschimpften Alfred Gusenbauer und Eva Glawischnig haben ihre Parteien in ihrer aktiven Zeit zum jeweils größten Erfolg geführt. Unter sehr vielen privaten Entbehrungen. Verabschiedet wurden sie weder würdevoll, noch hat sich irgendjemand um ihr Weiterleben nach der Partei geschert.

Also mussten sie sehen, wie sie selbst weiterkommen, und sich eine neue Existenz nach der Politik aufbauen. Alfred Gusenbauer hat den Sündenfall begangen, außerhalb der Politik erfolgreich zu sein. Als Kanzler missachtete er seine Prätorianer, etwa die Genossen aus der Gewerkschaft, was ihn den Job kostete. Als Berater und Lobbyist jedoch nutzt er seine Netzwerke wie kein Zweiter, ist ein Influencer für viele Mächtige. Der Markt bezahlt ihm dafür Millionen. Für viele Genossen ein unerträglicher und verachtenswürdiger Zustand, denn: Man ist schließlich rot bis in den Tod!

Und jetzt auch noch Eva Glawischnig. Ja ist sie denn von Sinnen, die Novomatic zu beraten, wo doch dieses Unternehmen aus grüner Sicht zu den Bösen gehört? Ja, als Politikerin war sie vielleicht zu überkritisch gegenüber dem Glücksspiel. Aber darf sie deshalb, als Nichtpolitikerin, bis ans Ende Ihrer Tage ihre Kommunikationsfähigkeiten nie mehr verwerten? Unterliegen Grüne und Rote dem Armutsgelübte? Und warum ist es so verwerflich, ein international erfolgreiches Glücksspielunternehmen in seiner Verbesserung im Spielerschutz und seiner Nachhaltigkeit zu beraten?

Gusi und Eva haben ein verdammtes Recht dazu, ihr Leben "danach" so zu gestalten, wie sie wollen. Sie haben ein Recht dazu, aus ihren Talenten, ihrem Wissen und Können das Bestmögliche zu machen und es dem freien Markt anzubieten. Ex-Parteifreunde -die vielleicht nie wirkliche Freunde waren -haben absolut kein Recht dazu, sie lebenslang in moralische Geiselhaft zu nehmen. Jene, die sich heute am Lautesten über Gusi und Eva echauffieren, könnten sich schon morgen in einer ähnlichen Jobsuche-Situation wiederfinden. Sie sind wirklich arme Schweine, die Politiker, vor allem dann, wenn sie aus der Politik ausscheiden.


Der Autor

Wolfgang Rosam ist Verleger ("Falstaff"), Unternehmer und einer der führenden Kommunikationsberater Österreichs.


Der Kommentar ist der trend-Ausgabe 10/2018 vom 9. März 2018 entnommen.

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