Wir sind Champions, keine Hinterwäldler

Wir sind Champions, keine Hinterwäldler

Michael Zettel - Country Managing Director Accenture Österreich

Gastkommentar. Warum Österreich dazu prädestiniert ist, ein Digital Champion zu werden, und keine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem Silicon Valley haben muss.

Silicon Valley ist der Inbegriff von Fortschritt, Zukunft und Erfolg, das Epizentrum der Disruption. Dabei ist das Silicon Valley nicht nur ein Landstrich in der Bay-Area bei San Francisco, sondern viel mehr eine Denkweise. Alle schauen gespannt an die US-Westküste, und jeder, der etwas auf sich hält, muss da hin. Jeder dieser Silicon-Valley-Pilger hat eine Marienerscheinung, und mit jeder Geschichte, die wir aus Silicon Valley hören, fühlen wir uns mehr und mehr als Hinterwäldler. Und das ist ein Fehler!

Ich war kürzlich selbst im Silicon Valley, und es ist tatsächlich beeindruckend, wie dort gearbeitet, geforscht und die Zukunft erschaffen wird. Aber das ist kein Grund, dass wir uns zurückziehen, kapitulieren oder gar die Digitalisierung verteufeln. Silicon Valley ist für uns eine Chance, die Grundlage für unseren künftigen Erfolg. Unsere Volkswirtschaft hat die besten Voraussetzungen, mit der Digitalisierung zu reüssieren und ganz vorne mitzuspielen.

Österreich ist prädestiniert, ein Digitalisierungs-Gewinner zu werden. Österreich ist nämlich die Nation der Hidden Champions. Wir haben exzellente Regional Champions, und wir sind Public Champions. Diese Konstellation macht uns zu den Digital Champions der Zukunft. Was wir dafür tun müssen? Die Technologien, die da sind, die uns heute zur Verfügung stehen, richtig einsetzen -und zwar nicht morgen oder bald, sondern jetzt. Es reicht dabei nicht, einen "Proof of Concept" zu machen, sondern wir müssen sie richtig breit und produktiv nutzen.

Die Hidden Champions sind zu Recht Österreichs ganzer Stolz. Kein Land hat, auf die Bevölkerung gerechnet, so viele global erfolgreiche Nischenplayer - wir haben mehr als 200 Weltmarktführer. Diese können mit Hilfe von Google &Co ihre Stellung ausbauen - und bis ins kleinste Dorf am anderen Ende der Welt ihre Produkte zielgruppengerichtet anbieten. Hidden Champions und der Einsatz der Schlüsseltechnologien garantieren gemeinsam einen Spitzenplatz: Wenn etwa Rosenbauer als führender Feuerwehr-Fahrzeughersteller smarte Autos baut, wächst der Wettbewerbsvorsprung noch schneller.

Unsere Regional Champions, die Big Player der lokalen Wirtschaft wie Post, Erste Bank oder Raiffeisen, adressieren nicht den Weltmarkt. Aber sie haben es geschafft, regional relevant zu sein, ihre Kunden und Märkte zu verstehen und auf diesem speziellen Know-how ihre Erfolge aufzubauen. Mit dem klugen Einsatz der neuen Technologien werden sie Bestand haben und können selektiv ihre Stellung ausbauen. Ein gutes Beispiel ist die Erste Bank mit George -Digitalisierung richtig gemacht, und dann gibt es keinen Grund, Fintechs oder Global Player zu fürchten.

Wir alle wissen, der Staat muss jene Rahmenbedingungen schaffen, um diese Entwicklungen möglich zu machen. Österreich ist in vielerlei Hinsicht ein Public Champion. Die Digitalisierung hat in vielen Verwaltungsangelegenheiten erfolgreich Einzug gehalten. Wir waren die ersten, die sämtliche Steuertransaktionen online erledigen konnten, und unser großer Nachbar Deutschland kämpft noch immer mit der e-card. Die aktuelle Bundesregierung gibt der Digitalisierung endlich auch die richtige Priorität. Der digitale Masterplan für die Bildung und die Digitalisierung des Bürgerservice durch oesterreich.gv.at sind zwei wesentliche Schritte.

Was ist jetzt aus Sicht der Wirtschaft weiter zu tun? Die digitale Transformation entschlossen anzugehen, ist der Schlüsselfaktor. Das heißt konkret, zunächst das Kerngeschäft maximal automatisieren. KI kann man beispielsweise auch ganz banal zur Zuordnung des digitalisierten Posteingangs verwenden - und damit 30 Prozent effizienter und schneller werden. Der nächste Schritt ist die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle - die Königsdisziplin der Digitalisierung. Größte Herausforderung: dies "neben" dem Kerngeschäft zu ermöglichen, im richtigen Ausmaß zu investieren (oder auch wieder aufzuhören). Die Post ist unter den Topkonzernen hier Vorreiter - mit Shöpping oder eBrief wurden die ersten Keime gesät.

Klar ist das nicht einfach und auch nicht sofort gewinnbringend. Doch das war, wie heute gerne vergessen wird, Amazon ebenso wenig. Aber die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle ist kein Mythos, sondern ein Handwerk, das man lernen kann. Die Disruption kommt in jede Branche, und sie ist eine Chance. Österreich erfüllt alle Bedingungen, zu den Digital Champions von morgen zu zählen. Wir müssen "nur" zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Schritte für die digitale Transformation setzen.

Zur Person

Michael Zettel ist seit 2016 Country Managing Director des Management-und Technologieberatungsunternehmens Accenture in Österreich. Er studierte Wirtschaftsinformatik an der TU Wien und der Leeds University.


Der Gastkommentar ist der trend.PREMIUM-Ausgabe 39/2018 vom 28. September 2018 entnommen.

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