Wienwert-Pleite: Wenn die Alarmglocken Sturm läuten...

Wienwert-Pleite: Wenn die Alarmglocken Sturm läuten...

Entrüstung geschädigter Anleger ist bei der Wienwert-Pleite nicht angebracht. Warnhinweise gab es diesmal ausreichend.

Wer am Tag nach Bekanntwerden der Wienwert-Pleite die Website der Immobilienfirma auf der Suche nach weiterführenden Erläuterungen durchforsten wollte, dem starrte gähnende Leere entgegen. Nichts. Alles weg, genauso wie Millionen Anlegergelder wahrscheinlich auch. Ob das Unternehmen die Seite kurzerhand offline gestellt hat oder ob sie angesichts zahlreicher erboster Anleger-Zugriffe einfach zusammenbrach, ist nicht bekannt. Das Verschwinden der Website fügt sich aber nahtlos in eine ganze Reihe seltsamer Begebenheiten rund um das Unternehmen Wienwert, die schließlich letzte Woche in dessen Insolvenz gipfelten.

Wie in zahlreichen Anlegerskandalen zuvor - AvW, Immofinanz, Meinl European Land u. a. - treten sie auch diesmal wieder auf den Plan, jene, die eh immer gewusst haben, dass mit Wienwert irgendetwas nicht stimmt. Die Neos haben natürlich als "Erste und Einzige" davor gewarnt, die Liste Pilz in Person des ehemaligen Konsumentenschützers Peter Kolba hatte die Immobilienfirma sowieso immer schon auf dem Kieker, und die Finanzmarktaufsicht FMA spricht von offenkundig erkennbarem Risiko für aufmerksame Anleger.

Der andere Skandal

Doch Wienwert ist tatsächlich anders als andere Finanzskandale. Bei keiner der vorgenannten Anleger-Abzocken hätten die Alarmglocken so früh schon so laut schrillen müssen wie bei Wienwert. Aus mehreren Gründen: Renditeversprechen von sieben Prozent oder mehr pro Jahr in Zeiten von Niedrig- oder Nullzinsen sind zumindest zu hinterfragen. Eine Produktwerbung, die Dreifachabsicherung verspricht, erinnert zumindest an bereits Dagewesenes - Stichwort: mündelsicher -, das auch nicht allzu gut für die Anleger ausging. Diese Produktwerbung wurde in der Folge sogar wegen Irreführung der Konsumenten gerichtlich untersagt. Alles lange vor Insolvenzgerüchten und lange vor der Begebung weiterer Anleihetranchen durch Wienwert.

Und sehr früh schon wurde bekannt, dass Wienwert mit Verlusten, negativem Eigenkapital, negativem Cashflow und eingeschränktem Bestätigungsvermerk der Abschlussprüfer zu kämpfen hatte.

Wem das alles noch immer nicht laut genug war, den hätten zumindest etliche Vorstands-, Strategiewechsel und verschachtelte Firmengeflechte hellhörig machen können, über die Medien wie auch der trend stets berichteten. Und schließlich gab es ja auch so etwas wie einen "Basisprospekt", der auf nicht weniger als zwölf Seiten die Risiken der Emission - vom Liquiditätsrisiko bis hin zur mangelnden Geschäftshistorie der Emittentin - ausführlich auflistete und gleich auf Seite eins von einer Billigung des Prospekts durch die Luxemburger Finanzaufsicht sprach. Auch ein Umstand, der aufmerksame Anleger spätestens nach der Alpine-Pleite stutzig machen hätte können.

Suche nach Schuldigen

Und dennoch fängt - wie auch in den zahlreichen Anlegerskandalen zuvor - die emsige Suche nach den wahren Schuldigen an: Hat die FMA versagt, muss der Staat "seine" Anleger besser schützen, sind die Medien schuld, die Wienwert-Werbung überhaupt erst zuließen und daran verdienten?

So bedauerlich die Verluste vor allem einiger Kleinanleger sind, so klar ist, dass sie die Hauptschuld wohl diesmal nicht abwälzen werden können, zumal die meisten Investoren erst im Herbst 2017 zulangten und damit ausreichend gewarnt waren. Ja, stimmt schon, die FMA hat auch noch 2016 behauptet, sie wäre für Wienwert eigentlich nicht zuständig, und Medien könnten Werbung derart zweifelhafter Kunden natürlich abweisen. Aber kann man von Anlegern nicht zumindest einen Funken Eigenverantwortung erwarten? Wenn man nicht versteht, was negatives Eigenkapital bedeutet, wenn man keine Ahnung von einem eingeschränkten Bestätigungsvermerk hat, wenn man nicht gewillt ist, den Prospekt zu lesen, und sich offenbar auch nicht über aktuelle Entwicklungen im Unternehmen am Laufenden halten will, dann ist einem eigentlich nicht zu helfen. Auch Risikohinweise, so plakativ wie auf Zigarettenpackungen, würden dann wohl nichts ausrichten können. Denn bei Wienwert hat eindeutig die Gier über den Verstand gesiegt.

Bleibt zu hoffen, dass das auch die Gerichte so sehen und allzu ignoranten Anlegern einen Denkzettel verpassen, den sie so schnell nicht vergessen.

kramer.angelika <AT> trend.at


Der Artikel ist der trend-Ausgabe 4/2018 vom 26.1.2018 entnommen.

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Franz C. Bauer, trend-Redakteur

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