Wie Unternehmen in Ungarn jetzt profitieren

Stefan Bergsmann, Österreich-Geschäftsführer von Horváth & Partners

Stefan Bergsmann, Österreich-Geschäftsführer von Horváth & Partners

Gastkommentar von Stefan Bergsmann, Geschäftsführer Horváth & Partners Österreich: Wenn es nach dem CEE Investmentklima-Index 2018 der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) geht, leidet Ungarns Wirtschaft unter den Folgen der „Illiberalen Demokratie“. Doch Unternehmen können in dieser misslichen Lage auch profitieren, zeigt das wachsende Interesse an Investitionen.

Kein Personal, stagnierende Löhne und fehlende Qualifikation von Bewerbern, Korruptionsfälle. Manager in Ungarn haben es derzeit nicht leicht. Entsprechend unzufrieden reagieren sie auch in Umfragen. Die nackten Zahlen belegen diese Stimmung. Mit lediglich 20,7 Prozent Wirtschaftswachstum (GDP) im Zeitraum 2006 bis 2017 hat Ungarn von allen CEE-Ländern am schwächsten abgeschnitten, nur noch unterboten von Kroatien mit 12,2% – und das obwohl Ungarn neben Polen die höchsten EU-Transferzahlungen erhalten hat.

Als Investment-Standort nach dem EU-Beitritt 2004 gefeiert grundelt Ungarn heute nur noch im Mittelfeld, abgerutscht von Platz 5 (2006) auf Platz 10 (2018) unter 20 osteuropäischen Ländern. Hier führt seit 2016 die Tschechische Republik vor Polen (von Platz 8 auf 2), Estland, Slowakei und Slowenien. Über die Ursachen zu spekulieren ist müßig, denn die Ungarn gelten als absolute Europäer, mit den höchsten Zustimmungsraten zur Europäischen Union. Die Frage etwa, ob die Wirtschaft die Einführung des Euro in ihrem Land unterstützen würde, beantworten Ungarns Manager mit 58% ja gegenüber 22% nein.

Gute Rahmenbedingungen für Investoren

Auch wenn sich viele über Orbans Führungsstil auslassen, die Transparenz der öffentlichen Finanzen und die Rechtssicherheit zu wünschen übrig lassen, werden die politischen Rahmenbedingungen durchaus positiv gesehen, ebenso die gute Sicherheitslage und Infrastruktur. Gegenüber Negativ-Ausreißern wie Rumänien, Kroatien und Tschechien schlägt sich Ungarn in punkto Stabilität, Verwaltung und Planbarkeit ziemlich gut. Bei der Beurteilung von Steuerlast und Finanzsystem liegt Ungarn im CEE-Ranking sogar an der Spitze.

Die Aussichten für künftige Unternehmensinvestments sind also gar nicht so schlecht, selbst wenn Führungskräfte in Ungarn eine weitere Verschlechterung der Wirtschaftslage erwarten und das Land im Korruptionsindex von Transparency International an 64. Stelle rangiert. Denn während die Arbeitskosten pro Stunde in Österreich schon bei ø 34,1 Euro pro Stunde liegen, findet sich Ungarn noch immer am unteren Ende der Europa-Skala mit 9,1 €/h. Noch billiger ist die Arbeitsstunde nur in Rumänien (6,3 €) und Bulgarien (4,9 €).

Motivation durch gute Bezahlung

An den Aktienbörsen, heißt es, steigt man am besten dann ein, wenn die Kurse im Keller sind und niemand mehr an eine Hausse zu denken wagt. Diese Situation finden wir heute in Ungarn vor. Ungarns Führungskräfte sind höchst unzufrieden mit der Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal, ebenso schwach beurteilen sie die berufliche wie universitäre Ausbildung. Die Gründe sind leicht ausgemacht – wenn die Jobs im Ausland lukrativer sind und die Löhne im eigenen Land zum Verhungern, wenn Korruption in der Wirtschaft präsent ist, kann es mit der Motivation der Mitarbeiter nicht weit her sein.

Neo-Investoren in Ungarn müssen daher lediglich bei Löhnen und Gehältern nachbessern und attraktive Arbeitsbedingungen bieten, wollen sie hier durchstarten. Denn dass die Ungarn qualifiziert sind, zeigen sie auf den Baustellen, Fabriken und Hotels in Österreich. Egal ob im Immobiliengeschäft, Fahrzeugbau, in der Chemie oder produzierenden Industrie – dass Investoren derzeit gute Bedingungen vorfinden, zeigt die DIHK-Studie. Als Investment-Standort genießt das Land im CEE-Schnitt überdurchschnittliche Attraktivität, 84 Prozent der befragten Manager würden wieder in Ungarn investieren.

Fazit: Egal wie schlecht das politische Image Ungarns derzeit in Europa scheint, das EU-Land bietet attraktive Standortvorteile für Investoren, politische Stabilität, niedrige Steuern und gute Infrastruktur. Wer sich durch das politische Image nicht abschrecken lässt, sollte sich jetzt informieren. Es besteht eine gute Chance, dass die Kurse im Land an der Puszta bald wieder steigen werden.


Die Zahlen stammen aus dem 13. Investment Climate Survey CEE der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), der im Mai 2018 publiziert wurde sowie aus dem Korruptionsindex (CPI) von Transparency International 2018. Befragt wurden 1700 Manager quer durch Zentral- und Osteuropa, davon allein über 200 Führungskräfte in Ungarn. Die Managementberatung Horváth & Partners mit Sitz in Stuttgart und Büros in ganz Europa und Nahost ist in Ungarn vertreten.


Der Autor

Stefan Bergsmann ist Österreich-Geschäftsführer Unternehmensberatung Horváth & Partners E-Mail: sbergsmann <AT> horvath-partners.com


Die Serie "Management Commentary" ist eine Kooperation von trend.at und der Unternehmensberatung Horváth & Partners. Die bisher erschienen Beiträge finden Sie zusammengefasst im Thema "Management Commentary".


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