Wer und was könnte die SPÖ noch retten?

Peter Pelinka

Peter Pelinka

Analyse von Peter Pelinka: Wie SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner bei der Wahl erfolgreich abschneiden könnte. Und welche Rolle Gerhard Zeiler dabei zufiele.

EINES MUSS der SPÖ lassen: Sie lernt rasch. Auch von der ÖVP. Beispielsweise die Debatte um Spitzenvertreter. Diesmal geht es, erstmals in ihrer Geschichte, um eine Spitzenvertreterin -das mag den Eifer der Debatte beflügeln. Pamela Rendi-Wagner, gerade einstimmig zur Spitzenkandidatin für die kommende Wahl bestimmt, wird weiter diskutiert. Nicht nur von Medien, die naturgemäß Lust und Laune an Personalfragen haben, sondern auch von Vertretern, denen die Sorge um die Sozialdemokratie wahrlich abzunehmen ist. Das eint -eine zeitgeschichtliche Sensation -sogar Hannes Androsch und Franz Vranitzky, die nur durch herzliche Abneigung miteinander verbunden sind.

Beiden erscheint es geradezu unbegreiflich, dass die größte Oppositionspartei des Landes nach dem GAU der türkis-blauen Bundesregierung noch deutlicher als zuvor nur auf Platz zwei liegt. Und dass jener Ex-Kanzler, der das derzeitige Chaos auf Grund seiner Partnerwahl mit zu verantworten hat, in der "Kanzlerfrage" noch klarer vor der Oppositionsführerin liegt als seine Partei vor ihrer. Politischen Haudegen stellt sich natürlich die Frage, ob das auch an der Person PRW liegen kann. Sowohl Androsch als auch Vranitzky attestieren Rendi-Wagner große Fähigkeiten, erkennen ihre sympathische Ausstrahlung, ihre Kompetenz in Sachen Gesundheit und Soziales an.

Aber der "Zug zum Tor" fehle ihr, die Entschlossenheit, den Anspruch aufs Kanzleramt zu stellen, die Fähigkeit, "Basti Fantasti" von der Messias-Wolke runterzuholen und vor allem seine wirtschaftspolitische Agenda zu hinterfragen. Natürlich ist das eine hohe Latte: Sebastian Kurz surft seit 2015 erfolgreich auf der Anti-Migrationswelle und seit einem Monat auf der Mitleidswelle. "Weggeputscht" von roten und blauen Parlamentariern.


Nur ein Team um PRW kann der SPÖ Schlagkraft geben.

Dagegen kommt derzeit keine rote Retterin oder Retter wirklich an. Sie oder er kann es höchstens schaffen, die Differenz der Sozialdemokratie zur "Volkspartei neu" nicht größer werden zu lassen als bei der Wahl 2016. Alle Kommunikationsexperten, egal, welcher Färbung oder Auftragslage, sind sich nun einig: Um den Abstand der SPÖ zur ÖVP möglichst klein zu halten und damit die Chance zu wahren, auch nach der Wahl ernsthaft mitzureden, müsse man die Spitzenkandidatin mit einem glaubwürdig kompetenten Team umgeben: mit gestandenen Gewerkschaftern, mit jüngeren Kennern der "Hacklersprache", erfolgreichen Regionalpolitikern aus Wien, Burgenland und Kärnten, mit erfolgreichen Wirtschaftskapazundern, die nie die Verbundenheit mit der Sozialdemokratie abgelegt haben, etwa Brigitte Ederer. Ein solches Team könnte PRW die nötige Schlagkraft verleihen. Es müssen ja nicht gleich 1.400 Experten sein wie bei Bruno Kreisky 1970.

IN DIESEM Zusammenhang fällt jedem Berater Gerhard Zeiler ein: Der 63-jährige Medienmann, früher Chef des ORF und von RTL, ist der derzeit international erfolgreichste heimische Manager. Seit 2012 managt er als Chef von Turner International globale Marken wie CNN, TNT oder Cartoon Network. Gerade hat er einen weiteren Karriereschritt gemacht und ist nun weltweiter Vertriebschef von Warner Media. Er verantwortet 18 Milliarden Dollar.

Der Ex-Pressesekretär der Kanzler Sinowatz und Vranitzky blieb der heimischen Politik stets verbunden, mit Loyalität und realpolitischem Verständnis, die es ihm verbieten, auch nur ein kritisches Wort über PRW zu äußern. Mit einer Sorge um sozialdemokratische Urwerte, die er weltweit in Gefahr sieht wegen wachsender sozialer Ungleichheit und ökologischer Katastrophen. Aber auch mit einer Begeisterung für unkonventionelle Handlungen, die ich in jungen Jahren an seiner Seite hautnah miterlebt habe: etwa bei illegalen Plakatieraktionen gegen das AKW-Zwentendorf, verfolgt von in jeder Hinsicht schlagkräftigen Gewerkschaftern mit ganz gegensätzlichen Intentionen.

Wäre Zeiler eine "Antwort aus dem 20. Jahrhundert", wie das Tirols SPÖ-Chef Georg Dornauer (größtes rotes Minus bei der EU-Wahl) formuliert hat? Abgesehen davon, dass die dazu gehörige Frage sich für Zeiler ebenso wenig stellt wie sie ihm gestellt wurde: Gegen Ende des 20. Jahrhunderts stand die Sozialdemokratie nicht so schlecht da. Falls PRW ihre Geduld verliert, werden Sozialdemokraten wohl auch ihn fragen müssen.


Zur Person

Peter Pelinka war Chefredakteur von "Format" und "News" und ist heute Gesellschafter der Medientrainingsfirma Intomedia.


Die Analyse ist der trend-Ausgabe 25/2019 vom 19. Juni 2019 entnommen.

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