"Wer sich nicht wehren kann, wird von der Politik ignoriert"

Die Regierung ist stolz auf ihr Wirtschaftsprogramm. Aber wie sieht es in der Praxis aus? Kleinunternehmerin Ingrid Frank, die in Wien ein Modegeschäft mit drei Teilzeitkräften betreibt fühlt sich von Sozialpartnern und Politik vergessen. Eine Kritik ohne Schaum vor dem Mund.

"Wer sich nicht wehren kann, wird von der Politik ignoriert"

Ingrid Frank - Unternehmerin

Ich betreibe seit dem Jahr 1994 ein Geschäft mit Naturtextilien. Ihr Artikel über den "vergessenen Mittelstand" hat bei mir eine nie wirklich verheilende Wunde aufgerissen. Seit Jahren frage ich mich - und in letzter Zeit immer öfter:"Wen interessiert der Mittelstand?"

Ich habe immer mehr das Gefühl, für "unsere Interessenvertretung" nicht relevant und Politikern nicht wichtig genug zu sein. Bei neuen, von Politikern und Beamten wenig durchdachten, praxisuntauglichen Vorschriften hat man von Kleinunternehmern mit wenig Gegenwind zu rechnen. Diese können nicht einfach zusperren und den Betrieb stilllegen. Sie können sich Ausfälle nicht leisten.

Ich brauche keine Interessenvertretung, die mich mit unsinnigen, durch Mitgliedsbeiträge finanzierte Kampagnen unterstützt: Plakate über Öffnungszeiten an Feiertagen, Kür des kinderfreundlichsten Geschäfts oder Echtshopper-Tragetaschen etc. Ich wünsche mir eine Vertretung, die nicht in die Knie geht, wenn sie neue bürokratische Hürden für Unternehmer verhindern sollte.


Der Unternehmer arbeitet dann vielfach rund um die Uhr.

Die derzeit wieder thematisierte sechste Urlaubswoche ist für kleine und mittlere Unternehmen eine große Belastung! Das Problem vieler insbesondere privat geführter Handels- oder Gewerbebetriebe sind die Nichtleistungszeiten ihrer Mitarbeiter. In einem größeren Unternehmen kann - im Fall von Krankenstand - Arbeit liegengelassen werden oder auf Kollegen aufgeteilt werden. Fällt in einem kleineren Geschäft oder in einem Gewerbebetrieb ein Mitarbeiter aus, so muss dafür ein anderer länger arbeiten, das heißt doppelte Kosten, oder der Unternehmer übernimmt und arbeitet dann vielfach rund um die Uhr.

Vielleicht könnte mancher Unternehmer mehr Umsatz machen -will es aber gar nicht mehr, da er durch Auflagen und Kosten für einen weiteren Mitarbeiter nur noch mehr unter Druck gerät.

Ich kenne kein anderes Land, in dem ein 13. und 14. Gehalt bezahlt wird - was kein Gesetz, sondern zwischen den Kollektivvertragspartner festgelegt ist. Für diese zusätzlichen Gehälter werden auch noch die Sozialabgaben und Steuern einbehalten.

Eine Lohnnebenkostensenkung für Mitarbeiter über 50 Jahre würde es vielen - insbesondere auch kleineren - Unternehmen leichter machen, ältere Menschen bis zu ihrem Pensionsantritt oder sogar darüber hinaus zu beschäftigen. Eine generelle Lohnnebenkostensenkung für ältere Arbeitnehmer würde sicherlich wesentlich dazu beitragen, die steigende Arbeitslosenrate in dieser Gruppe zu reduzieren.


Ich habe das Gefühl, alleine zu kämpfen.

Als - wenn auch kleines - Unternehmen bemühe ich mich ständig, unter Einbeziehung meiner Mitarbeiter Wege zu gehen, um erfolgreich zu bleiben. Leider habe auch ich -wie viele andere Klein- und Mittelbetriebe - das Gefühl, allein zu kämpfen. Wir brauchen Verständnis, Anerkennung und Unterstützung. Unterstützung in Form von flexibleren Arbeitszeiten, weniger Einflussnahme, und Kontrollen.

Ich zahle pünktlich und regelmäßig Steuern, meine Einnahmen unterliegen trotz Einführung der Registrierkasse nur leichten, saisonbedingten Schwankungen. Meine Mitarbeiter sind angemeldet, die Gehälter werden pünktlich bezahlt. Trotzdem hatte ich in den letzten vier Jahren zweimal die Finanzpolizei im Geschäft. Das ist zwar das Recht der Finanzbeamten - aber nicht sehr angenehm, wenn Kunden im Geschäft sind.

Ich hatte auch bereits eine Registrierkassenüberprüfung.

Außerdem sind wir zum Spielball der Sozialpartner geworden. Die Sozialpartner, die einmal wichtige und auch gute Vereinbarungen getroffen haben, handeln inzwischen - so mein Eindruck - nicht mehr im Interesse ihrer Mitglieder, sondern kämpfen um ihre eigene Existenzberechtigung in festgefahren Strukturen.

Mittlerweile vernichtet die Gewerkschaft mit ihren Forderungen und ihrem Verharren viele Arbeitsplätze.

Unternehmen - auch kleinere und mittelgroße Betriebe - sind immer mehr gezwungen, sich an Veränderungen anzupassen und flexibel zu reagieren, wenn sie erfolgreich bleiben wollen. Dies sollte auch auf Politik und Sozialpartner zutreffen.

Mein Wunsch wäre eine Wirtschaftskammer, aber auch eine Gewerkschaft, die nicht als Gegner agiert, sondern als Partner der Unternehmen und deren Mitarbeiter.


Zur Autorin

Ingrid Frank betreibt ein Modegeschäft mit drei Teilzeitkräften in Wien. Sie fühlt sich von Sozialpartnern und Politik vergessen. Eine Kritik ohne Schaum vor dem Mund.


Der Artikel ist ursprünglich in der trend-Ausgabe 18/2017 erschienen.
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Andreas Lampl, Chefredakteur trend

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