Andreas Salcher: "Wer lernt, lebt länger"

Andreas Salcher: "Wer lernt, lebt länger"

Andreas Salcher - Bestsellerautor, Bildungskritiker und regelmäßiger trend-Autor.

Essay von Andreas Salcher: Trotz früher Enttäuschungen in der Schule bieten sich im Lauf des Lebens immer wieder exzellente Möglichkeiten, das eigene Wissen zu vermehren. Hier ein paar praktische Beispiele, die Sie überraschen werden.

Zyniker behaupten, dass das lebenslange Lernen in Österreich dank seines Schulsystems garantiert sei. Die Mama lernt, der Papa lernt, der Opa lernt, die Oma lernt, nur der, um den es eigentlich ginge, der Schüler, kommt mittags oft ziemlich "lernbefreit" nach Hause. Wer Müttern zuhört, wie sie über Schule reden, "Wir haben einen Dreier in Englisch bekommen" oder "Wir haben die Nachprüfung in Mathematik bestanden", fühlt sich bestätigt, dass unsere Schulen den Charakter von Fernlerninstituten mit Anwesenheitsplicht für die Schüler am Vormittag und Nachlernpflicht für die Eltern am Nachmittag haben. Deshalb schlage ich schon lange vor, dass Eltern, die selbst keine Matura haben, aber zumindest ein Kind zur Matura bringen, dafür ebenfalls mit einem Maturazeugnis belohnt werden sollten - sie haben sich dieses redlich verdient.

Überschäumender Optimismus, dass die neue Regierung das Immunsystem des Schulsystems gegen jede Art von Reform schnell überwinden wird, ist nicht angesagt: Die Länder wollen mehr Geld, die Lehrergewerkschafter fürchten Mehrarbeit und fordern eine Verschiebung, linke und konservative Ideologen verteidigen "das bewährte System". Wie das wohl ausgeht? Dabei steht Österreich vor der entscheidenden Weichenstellung, ob wir in Zukunft zu den lernenden oder den nicht lernenden Nationen gehören werden. Die Entscheidung darüber wird aber nicht nur in den Schulen getroffen. Trotz früher Enttäuschungen bieten sich im Laufe des Lebens immer wieder exzellente Möglichkeiten für Neu-, Wieder- und Späteinsteiger ins lebenslange Lernen.


Online-Angebote: Mehr als nur Katzenvideos.

Hier einige Beispiele: Alain de Botton, Verfasser des lesenswerten Bestsellers "Wie Proust Ihr Leben verändern kann", hat in London eine "School of Life" gegründet. Er ist überzeugt, dass Literatur und Philosophie helfen können, ein besseres Leben zu leben - wenn sie nur richtig vermittelt werden. Die "School of Life" deckt offenbar eine Lücke ab, die Kurse sind schnell ausgebucht. Sie reichen von "Wie man das Leben genießt" über "Wie man gelassen wird" bis zu "Wie man scheitert". Alain de Botton garantiert mit seinem Ruf dafür, dass es überraschende und intellektuell fordernde Antworten auf diese Fragen gibt.

Auch die kostenlosen TED-Vorträge auf www.ted.com sind empfehlenswert. Sie dauern nie länger als 18 Minuten, man kann aber auch in vier Minuten einiges über "Quasare und das unglaubliche Universum" oder in drei Minuten "Wie man seine eigene Medizin druckt" lernen. Wer nicht weiß, mit welchem der über 2.600 verfügbaren Talks er beginnen soll, dem seien die "25 populärsten Talks" als Einstieg empfohlen. Zum Beispiel: "Die Macht der Verletzlichkeit","Wie erfolgreiche Leader inspirieren" oder "Wie man einen Lügner erkennt". Dass man Neues lernen und dabei herzhaft lachen kann, beweisen die beiden Talks "Zehn Fakten über Orgasmen, die Sie nicht wissen" oder "Was passierte, als ich auf ein Spam-Mail antwortete".

Und YouTube bietet mehr als populäre Musik-und lustige Katzenvideos. Suchen Sie sich Ihren Wissenschaftler, Künstler, Philosophen oder Lebensberater als Ihren persönlichen Privatlehrer aus. Sie werden überrascht sein, wie viele davon auf YouTube ihr Wissen in Vorträgen kostenlos anbieten. Wenn Sie zum Beispiel wissen wollen, was der Sinn des Lebens ist, werden Sie Antworten von Pater Anselm Grün bis zu Monty Python finden.

Geschichtsinteressierte sollten sich die brillanten Vorlesungen des israelischen Historikers Yuval Noah Harari über "Eine kurze Geschichte der Menschheit" anschauen. Auch einige der berühmten Vorlesungen von Viktor Frankl sind auf YouTube verfügbar. Frankl war selbst ein lebenslang Lernender, der sich nicht scheute, als 67-Jähriger den Pilotenschein zu machen.


'Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr' ist ein gefährlich falscher Kalenderspruch. Zum Lernen ist man nie zu alt.

Sogar an den Eliteuniversitäten wie Harvard, dem MIT oder Stanford findet ein Umdenken bei der Öffnung für die neuen Lernenden statt, die überall auf der Welt in allen Alterskategorien nach Wissen dürsten. Im Jahr 2011 bot der Stanford-Professor Sebastian Thrun einfach aus Neugier seinen Kurs "Einführung in die künstliche Intelligenz" kostenlos per Videoaufzeichnung an. Zu seiner Überraschung schrieben sich 160.000 Menschen aus 190 Ländern ein. 23.000 dieser Studenten bestanden die Abschlussprüfung und erhielten ein Stanford-Zeugnis. Das sind mehr, als Sebastian Thrun in seinem ganzen Leben als Universitätsprofessor in Hörsälen je hätte erreichen können. Der Clou daran: Unter den 412 Studenten, welche die Bestnote bei der Prüfung schafften, war kein einziger aus Stanford dabei. Der beste reguläre Stanford-Student belegte in diesem Ranking den 413. Platz. 412 Menschen aus der ganzen Welt, die es nie in den Kurs geschafft hätten, waren besser als die vermeintliche Elite.

Sebastian Thrun schwor daraufhin dem System der Eliteuniversitäten ab und gründete die Internet-Universität Udacity mit dem Ziel, weiterführende Bildung überall zugänglich bereitzustellen. Daphne Koller, die Gründerin der ebenfalls bedeutenden Online-Universität Coursera, denkt schon an die Konsequenzen der globalen Bildungsrevolution: "Wir wissen nicht, woher der nächste Einstein kommt. Vielleicht lebt sie oder er in einem kleinen Dorf in Afrika."

"Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr" ist ein gefährlich falscher Kalenderspruch. Zum Lernen ist man nie zu alt. Die Befriedigung, die wir aus dem Lerntrieb erzielen können, nimmt im Laufe des Lebens nicht ab, sondern wächst. Im Vergleich zur Schule oder zum Beruf brauchen wir uns beim selbstbestimmten Lernen im Alter nicht ständig mit anderen zu vergleichen. Die einzige Vergleichsperson sind wir selbst.


Heute können wir uns die besten Lehrer der Welt aussuchen.

Auf die Auswahl unserer Eltern hatten wir keinen, auf die unserer Lehrer wenig Einfluss. Doch heute können wir uns wie beschrieben auf TED oder YouTube die besten Lehrer der Welt aussuchen. Sie stellen uns kostenlos den gesamten Schatz ihres Wissens zur Verfügung. Sie werden uns nie schlecht behandeln oder gar an die Tafel rufen, um uns zu prüfen. Wir sehen und hören Nobelpreisträger und die bedeutendsten Wissenschaftler, wenn wir etwas nicht verstehen, spulen wir zurück und hören es uns nochmals genau an.

Ob wir das Glück einer lebendigen Schule hatten, oder ob wir uns durch eine lähmende Schule durchkämpfen mussten, können wir im Nachhinein nicht mehr ändern. Die Verantwortung, ob wir zu den Lernern oder den Nichtlernern gehören, nimmt uns dagegen bis ins Alter niemand ab.

Es ist eine Tatsache, dass Menschen, die ihr Leben lang Lernende waren, gute Chancen haben, viel länger von Krankheiten wie Alzheimer verschont zu bleiben. Für unser Gehirn gilt: "Use it or loose it." Im Alter hat Bildung eine andere, vielleicht sogar schönere Bedeutung als in jungen Jahren. In der Schule und später im Beruf geht es darum, seine Lebenschancen zu verbessern, eine Position zu erreichen, die mehr Status und Geld verspricht.

Im reifen Alter kann Bildung mehr dem humanistischen Ideal dienen, tiefer in Wissensgebiete einzudringen, die uns schon immer brennend interessiert haben. Für die meisten Senioren- Studenten steht das persönliche Interesse im Vordergrund und nicht der Studienabschluss. Der Begriff der Universität kommt so seiner ursprünglichen Bedeutung einer "Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden" wieder näher.

Fazit: Höre nie auf zu lernen. Niemals. Wer aufhört zu lernen, hört auf zu leben.

Der Autor

Andreas Salcher ist Bestsellerautor, Bildungskritiker und regelmäßiger trend-Autor. Gemeinsam mit Primas Consulting berät er Unternehmen dabei, die Herausforderungen der digitalen Transformation zu bewältigen.


Das Essay ist im trend 20/2018 erschienen

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