Wenn der Jäger zum Gejagten wird

Gastbeitrag von Unternehmensberater Alois Czipin: Warum Tiefschläge unentbehrliche Wegbegleiter bei der Reifung zu einer authentischen Persönlichkeit sind.

Alois Czipin, Gründer "Czipin Produktivitätssteigerungs-GmbH"

Alois Czipin, Consulter

SEPTEMBER 1995 im Sheraton-Hotel in Salzburg. Zur Zehnjahresfeier meines Unternehmens - Czipin & Partner - hat sich eine große Zahl von Mitarbeitern und Kunden eingefunden. Meine Frau und ich sind mächtig stolz, dass wir es bis hierher geschafft haben. Wir sind auch nicht zufällig im Sheraton, denn genau zehn Jahre vorher saßen wir im gleichen Raum, um nach der Firmengründung ein Frühstück zu genießen. Diesmal belegen wir das gesamte Restaurant.

Als Festredner habe ich zwei für mich wichtige Persönlichkeiten eingeladen: meinen Steuerberater Dr. Zobl und den Vorstand einer Bank, der meiner Firma verbunden ist und uns immer wieder an Kunden empfohlen hat. In den Reden wird einerseits die Kompetenz des Unternehmens gelobt, andererseits aber auch auf die starke Verbundenheit mit mir persönlich hingewiesen. Ich fühle mich geehrt und genieße das anschließende Festmenü.

Nach dem offiziellen Teil gehe ich mit einem Teil meiner Mitarbeiter noch weiter feiern. Um 1:30 Uhr geschieht dann das für mich Unfassbare: Einer meiner Leistungsträger teilt mir mit, dass er kündigt. Er ist Leiter auf einem großen Projekt in Ungarn und einer meiner Zukunftshoffnungen. Mich trifft das wie ein Keulenschlag. Ich breche sofort gemeinsam mit meiner Frau auf und fahre nach Hause. Schon im Auto bricht es aus mir heraus: Ich beginne hemmungslos zu weinen -als Reaktion auf so viel Gemeinheit!

Am Montag darauf versuche ich, diesen Mitarbeiter umzustimmen - wie vorherzusehen erfolglos. Er erzählt mir, dass er einen ganz tollen Job bei einem Industrieunternehmen bekommen hat und nicht mehr so viel reisen müsse. Er ist nicht der Erste und nicht der Letzte, der mit einer solchen Begründung mein Unternehmen verlassen hat bzw. noch verlassen wird.

Zwei Wochen später trifft mich die nächste Hiobsbotschaft: Zwei weitere langjährige Mitarbeiter kündigen. Es handelt sich ebenfalls um wichtige Kräfte, die viele wertvolle Kundenkontakte haben. Meine Stimmung dreht langsam von enttäuscht auf fuchsteufelswild. Verzweifelt versuche ich, die beiden zu halten.

Eine Mitarbeiterin wechselt direkt in das Management eines aktiven Kunden. Da sie in der letzten Zeit schon sehr unkooperativ war, ist zu erwarten, dass sie uns noch einige Schwierigkeiten bereiten wird. Der andere Mitarbeiter -bereits Partner meiner Firma -will sich gar nicht zu seinen Zukunftsplänen äußern. Ich füge mich also in das Unvermeidliche, gruppiere das verbleibende Team um und verteile die Projekte neu.


Ich fühle mich total verraten und überlege ernsthaft, ob ich weitermachen will.

Es ist nicht einfach, die Bälle in der Luft zu halten und nach diesen personellen Aderlässen motiviert den Kunden gegenüberzusitzen. Aber Professionalismus heißt, auch in schwierigen Zeiten den Kunden gegenüber eine positive Einstellung zu zeigen. Ganz ehrlich: In solchen Momenten ist das eine gewaltige Herausforderung! Ich glaube, es ist mir halbwegs gelungen, wenngleich ich in dieser Zeit sehr schlecht geschlafen habe und oft schweißgebadet aufgewacht bin. Aber noch weiß ich nicht, welcher Tiefschlag noch auf mich wartet.

Einige Monate später ruft mich meine Assistentin an und teilt mir mit, dass der Bankvorstand, der die Festrede hielt, mit mir sprechen will. Ich bin hocherfreut, denn ich erwarte, dass er mir ein weiteres Mandat vermitteln will. Der Inhalt des Telefonats verschlägt mir dann aber vollends die Sprache: Der Banker teilt mir kurz und bündig mit, dass die Zusammenarbeit mit mir beendet ist und er mit den drei Beratern, die gekündigt haben, ein Unternehmen gründen wird und mir Konkurrenz machen wird. Ich bin wie vor den Kopf geschlagen, fahre nach Hause. Dort angekommen lecke ich meine Wunden und lasse mich von meiner Frau trösten.

Ich fühle mich total verraten und überlege ernsthaft, ob ich weitermachen will. Nach einer weiteren schlaflosen Nacht steht aber für mich fest, dass Aufhören keine Alternative ist. Denn ich liebe meine Profession und kann mir auch nicht vorstellen, etwas anderes zu machen.

Einige Tage später rufe ich nochmals den Banker an. Ich sage ihm, dass ich von ihm menschlich sehr enttäuscht bin. Ich frage ihn, wie er es geschafft hat, bei der Feier die Festrede zu halten und als Ehrengast an meinem Tisch zu sitzen und mit mir zu scherzen. Fragen, auf die ich niemals eine Antwort erhalten habe.

Die Moral von dieser Geschichte: Auf dem Weg nach oben sind Verletzungen unvermeidlich. Und wie bei allen Helden: Am Ende machen nicht nur die Erfolge, sondern besonders die Narben eine gereifte und authentische Persönlichkeit aus.

Zur Person

ALOIS CZIPIN, Consulter mit dem Schwerpunkt Produktivität, teilt in der trend-Serie "BusinessCLASS" seine Erfahrungen in Unternehmen. Sie können daraus schlauer werden!

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